Farewell Dear Ghost: Dem Kommerz nicht abgeneigt

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Farewell Dear Ghost sind zurück – mit der EP Skin und vielen Plänen im Gepäck. Im Interview erklärt Sänger Philipp, warum das erste Album sein Baby, die neue EP aber das Produkt der Band ist, und er keinen Austro-Stempel braucht

Vor drei Jahren hat der Grazer Musiker Philipp Szalay ein Album unter dem Bandnamen Farewell Dear Ghost veröffentlicht. Die Band dazu hat er sich erst danach gesucht und heute, drei Jahre später, bringen die vier Männer ihre erste EP gemeinsam raus. Skin ist ein Package aus vier Songs ganz im Stil des Debut-Albums We Colour The Night. Im Interview spricht der Sänger über die Transformationsprozesse, die die Band die letzten Jahre vollzogen hat und erzählt, dass sein jüngeres Ich ihm die Geschichte heute wahrscheinlich nicht glauben würde. Ein Gespräch über Pop, Kommerz und den unverbrauchten Zugang zu Musik.

mokant.at: Ein Song vom ersten Album, Fade Out, ist jetzt der Song zu einer A1-Werbung. Wart ihr euch dabei einig, dass ihr das Angebot von A1 sofort annehmen werdet oder könnt ihr das sowieso nicht entscheiden?
Philipp: Das war nie ein Thema, da sagt man „ja, sicher“.

mokant.at: Also habt ihr euch nie die Frage gestellt, ob eure Musik dadurch mit einem Produkt assoziiert und kommerzialisiert wird?
Philipp: Ich würde nicht per se sagen, dass Kommerz schlecht ist. Das heißt nur, dass viele Leute etwas kaufen, wollen oder es vielen Leuten zugänglich gemacht wird. Es kommt darauf an, ob du Ideale verkaufen willst oder nicht. In der DIY Punkszene ist es anders, die würden ihren Song wahrscheinlich nicht für irgendeine Werbung oder für eine Firma hergeben.

mokant.at: Es kann passieren, dass ihr dann vielleicht „die Band aus der A1-Werbung“ seid. Ist euch das egal?
Philipp: Ja sicher, aber whatever. Wenn die Leute sagen, „Geiler Song, wer ist denn das?“ dann ist das eigentlich eine win-win-Situation. Was anderes wäre es, wenn… also, ich würde meinen Song jetzt nicht für die Promo-Kampagne von Strache hergeben. Das ist wieder etwas ganz anderes.

mokant.at: Ja, genau. Dann wäre es eine politische Geschichte.
Philipp: Ja, also ich habe nicht so einen negativen Zugang zu Kommerz im allgemeinen.

mokant.at: Nachdem du dein Album vor drei Jahren rausgebracht hast, wurdet ihr dann bald FM4-Liebling und seid dann auch mit Fire auf Platz neun ihrer Jahrescharts gelandet. Glaubst du, hat die österreichische Musikszene nach dem Hoch der Indie-Pop- oder Brit-Pop-Welle der 00er-Jahre auf Neues davon gewartet?
Philipp: Puh, es wäre ein bisschen anmaßend zu sagen, wir sind das Ding auf das alle gewartet haben. Ich glaube, wovon man sich verabschieden muss, oder was wir auch als Band wollen, ist, dass man sich ganzen Strömungen zuordnen und in Schubladen stecken lassen muss. Das Best-Case-Szenario ist, dass man nicht mehr mitschwimmt, sondern sein eigenes Ding macht. Wir wollen nicht, dass es heißt „Farewell Dear Ghost ist Indie-Pop aus Österreich“ und deshalb cool, weil sie auf FM4 gespielt werden. Die Assoziation sollte immer nur mit der Musik selbst sein, das sollte das größte Argument sein.


(So klingt Farewell Dear Ghost: Die erste Single von Skin)

mokant.at: Wäre denn eine Österreichquote im heimischen Radio gut für die Musikszene hier?
Philipp: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Es ist nicht zu leugnen, dass erschreckend wenig österreichische Musik gespielt wird. Gleichzeitig wäre es bei einer Quote aber wieder das Ding, dass man nur gespielt wird, weil man aus Österreich kommt. Das ist auch nicht der richtige Weg. Es müsste viel mehr von den Sendern selbst die Bereitschaft da sein, Sachen (heimische Musik, Anm.) zu suchen und die auch zu spielen, weil sie sich was trauen. Das ist das, was FM4 in einem Bereich auch gut macht: Sie nehmen Sachen von unten und machen Features oder Portraits, damit man dann wieder einen Sprung machen kann. Ich wehre mich aber nicht dagegen, dass wir auf Ö3 gespielt werden, wenn sie sagen, das ist cool, das spielen wir. Aber ich möchte nicht auf Ö3 gespielt werden, nur weil wir aus Österreich kommen.

Cover der neuen EP Skin

EP Skin

mokant.at: Mit der neuen EP Skin seid ihr eurem Stil treu geblieben. Was sagst du einem Fan, der das erste Album bereits kennt, was ihn jetzt erwartet?
Philipp: Noch mehr Farewell Dear Ghost, noch besserer Sound. Die Musik ist vielschichtiger geworden.

mokant.at: Euer Stil ist ja sehr ähnlich geblieben.
Philipp: Ja, auf jeden Fall. Es ist unverkennbar Farewell Dear Ghost, aber es sind eigene Nuancen dazugekommen, es gibt mehr Details, es ist spannender und noch größer (lacht).

mokant.at: Kann man dann auch bald mit einem Album rechnen? Wie ist da der Plan?
Philipp: Ja, Arbeitsplan ist 2017.

mokant.at: Euer Debut-Album We Colour the Night habt ihr 2013 rausgebracht – es waren aber nur deine Songs am Album. Ist die aktuelle EP jetzt euer Baby oder irgendwie wieder nur deins?
Philipp: Genau das hat sich eben geändert. 2013 war das noch mein Ding, ich hatte das Album schon seit 2012 aufgenommen. Ich habe es dann unter Farewell Dear Ghost, also unter einem anderen Namen, publik gemacht und dann erst Leute gesucht, mit denen ich es live spielen kann. Die letzten zwei Jahre war ich quasi der Vorstand mit Mitarbeitern, die mir live ausgeholfen haben. Seit Mai letzten Jahres ist es dann ein Bandprojekt geworden. Die EP ist das erste Gerät zu viert.

mokant.at: Ihr habt danach bis jetzt nichts mehr veröffentlicht. Ich habe gelesen, dass du nebenbei auch noch studierst?
Philipp: Also Studium ist Plan B (lacht). Es war so, dass die Transformation von Solo- zu Bandprojekt keine leichte war. Der ganze Prozess hat sehr viel Zeit in Anspruch genommen und wir sind sehr viel getourt und haben viel gespielt. Die Zeit war nötig, das Ganze da hin zu bringen, wo wir hin wollen.

Pressefoto : (c) Liebentritt

Alle vier Mitglieder von Farewell Dear Ghost (c) Christoph Liebentritt

mokant.at: Wo wollt ihr hin?
Philipp: Immer nach vorne und nach oben (lacht).

mokant.at: Und wie macht ihr das heute intern? Ist es trotzdem so, dass du das Sagen hast oder wie trefft ihr Entscheidungen?
Philipp: Wir haben das kleine Problem, dass wir zu demokratisch sind (lacht). Es gibt nicht wirklich eine Hierarchie und wir schaffen es ganz gut, unsere Egos im Zaum zu halten und dass jeder seinen Input liefert und wir alles gemeinsam in eine Richtung lenken. Wir haben eine gemeinsame Vision, die wir zusammen umsetzen können, ohne dass ich die Chefkeule auspacken muss.

mokant.at: Als ich ein bisschen was über euch gelesen habe, wurde immer der Fact gefeiert, dass ihr aus Graz seid. Trotzdem treffe ich euch jetzt in Wien und auch sonst scheint ihr viel hier zu sein. Wo seid ihr momentan zu Hause? Wo probt ihr?
Philipp: Mittlerweile sind wir alle in Wien, mich hat es dann genau zu Silvester her verschlagen.

mokant.at: Seid ihr alle aus Graz?
Philipp: Nein. Ich bin ja auch kein gebürtiger Grazer, aber die letzten acht Jahre war ich dort. Graz wird immer Teil von dem Projekt sein. Farewell Dear Ghost ist dort geboren worden, hat dort gestartet und unser Produzent hat sein Studio dort.

mokant.at: Aber das Label (Ink Music, Anm.) ist jetzt in Wien?
Philipp: Genau. Ich würde gar nicht auf das Projekt „draufpinnen“, ob es jetzt aus Graz oder Wien ist. Aber die beiden Städte sind in unserem Herzen, weil dort am meisten passiert ist, bis jetzt.

mokant.at: Kann die anstehende Tour eure China-Tour toppen?
Philipp: Ja, hoffentlich. Es geht immer noch besser, noch größer und noch höher. Jeder Moment ist für sich speziell und großartig und ich stelle das, was wir schon erlebt haben, nicht in Konkurrenz – es sind Aneinanderreihungen von großartigen Momenten. Wir müssen die China-Tour nicht toppen, sondern nur (die neuen Erfahrungen, Anm.) dazulegen.

mokant.at: Wie war das in China? Ist das nur ein Klischee, dass Europäer immer auf der Straße fotografiert werden oder war das bei euch wirklich so?
Philipp: Ja, einmal. Wir waren in vier Städten und das lustige ist, dass uns das nur in Shanghai passiert ist. …unser Gitarrist, der große Europäer, mit blonden, lockigen Haaren und blauen Augen – das war der Wahnsinn (lacht). Da sind wir aufgehalten worden und es wurden Fotos gemacht.

mokant.at: Unabhängig von den Konzerten?
Philipp: Ja, das war einfach so. Die andere Erfahrung, die wir gemacht haben, war dieser unverbrauchte Zugang (des Publikums, Anm.) zur Musik, der extrem erfrischend war und uns sehr gepusht hat.

mokant.at: Unverbrauchter Zugang?
Philipp: Naja, soziale Medien, wie wir sie kennen, sind dort einfach gesperrt, zensiert. Es gibt kein Facebook, Instagram und dergleichen – die müssen alles durch die Hintertürchen, VPN-Clients und wie die alle heißen, machen.

mokant.at: Das heißt, die Menschen sind noch gieriger auf Live-Konzerte?
Philipp: Das ist dort noch ganz am Anfang. Ich glaube, die ganze Pop-Bewegung kommt dort erst. Es ist witzig, die Leute haben uns nicht gekannt und den Sound auch nicht, was eben ein unverbrauchter Zugang war. Wir haben den ersten Song gespielt und von dem Moment an, waren sie begeistert. Das war die unmittelbare Euphorie, die sich dann auch auf die Band übertragen hat. Das haben wir so in der Form noch nicht erlebt.

mokant.at: Das heißt, in Europa ist euch das Publikum nicht so euphorisch vorgekommen?
Philipp: Vielleicht ein bisschen reservierter, weil man weiß, worauf man sich einlässt. Man hört sich die Musik im Vorfeld online an, um zu schauen, ob es einem gefällt. Und in China, also in Shanghai, hatten wir das größte Erlebnis: Die Stadt hat 20 Millionen Einwohner, aber es gibt vielleicht fünf Clubs, wo Musik live gespielt wird.

Drei der vier im Wiener Cafe Phil (c) Klara Kostal

Andreas Födinger, Philipp Prückl und Philipp Szalay im Wiener Cafe Phil – Schlagzeuger Alex Hackl fehlt hier auf der Couch (c) Klara Kostal

mokant.at: In einem Interview sagst du, Phillip, dass du angefangen hast, Gitarre zu spielen, um zu den coolen Kids zu gehören. Wie würde dein jüngeres Ich reagieren, wenn es wüsste, dass du jetzt mit deinen Kollegen Vorband von Nada Surf bist?
Philipp: Zuerst einmal nicht glauben, wenn ich ihm erzähle, was in der Zeit seitdem passiert ist. Und sich dann irrsinnig gut vorkommen (lacht) und sich wahnsinnig viel darauf einbilden.

mokant.at: Und sich noch cooler vorkommen (lacht). Jetzt hätte ich gerne noch zum Abschluss drei persönliche Songtitel von dir gewusst. 1. Dein Feel-Good-Song, der dich immer aufheitert?
Philipp: Momentan ist es It’s Time to Wake Up von La Femme.

mokant.at: 2. Die Musik, die dich und dein Leben geprägt hat?
Philipp: Puh, das sind die großen Fragen des Lebens (lacht). Es gibt drei Namen, die immer einen Platz in meinem Herzen haben werden: Der Grund, warum ich begonnen habe Gitarre zu spielen, war Ryan Adams. Der Grund, warum ich auf die Bühne wollte, waren Oasis und der Grund unglaublich gute Songs zu schreiben, waren The National.

mokant.at: 3. Dein Guilty-Pleasure-Song, zu dem du heimlich unter der Dusche tanzt?
Philipp: Das sing’ ich gar nicht heimlich, sondern tanze voller Inbrunst dazu: Looking for Freedom von David Hasselhoff. Wenn das läuft, hält mich nichts mehr am Sessel (lacht).

 

Farewell Dear Ghost machen eine Europatour. Hier machen sie unter anderem Stopp:

20. April – Wien/ WUK mit Nada Surf
23. April – EP Release Show in Graz
2. September – NUKE Festival in Graz

Titelbild: (c) Klara Kostal

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Katharina Egg leitet das Ressort Politik und studiert Publizistik in Wien. Ihre freie Zeit verbringt sie am liebsten am Fahrrad, auf Reisen und im Wiener Nachtleben. Kontakt: katharina.egg[at]mokant.at

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