Film/riss: Spotlight

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Macht. Geld. Medien. Intrige. Kirche. Was wie der Klappentext eines Dan-Brown-Romans klingt ist pure Realität. Spotlight macht sie sichtbar

„87 – alleine in Boston.“ Was die Zahl bedeutet? Sie steht für 87 katholische Priester. Sie haben laut Stand 2001 wiederholt Kinder und Jugendliche missbraucht. Die Dunkelziffer dürfte weit höher sein, aber diese Zahl ist auch so schon dunkel genug. 87 Wiederholungstäter, denen niemand das Handwerk legen wollte – denn ihr Handwerk ist Kirche.

„If it takes a village to raise a child, it takes a village to abuse them.“
– Mitchell Garabedian


Fakten statt Fiktion
Es ist ein ungewöhnlich dramatischer Einstieg in eine Filmrezension, der sich hier anbietet. Rechtfertigen tut ihn die Tatsache, dass es hier um reale Geschehnisse geht, die dramatischer und erschreckender sind als so mancher Thriller. Spotlight ist der Name des Journalistenteams, das, unter Schirmherrschaft des Boston Globe, in den 00er Jahren den riesigen Vertuschungsskandal um die schockierend vielen Fälle von Missbrauch durch Bostoner Priester aufdeckte. Das System hinter diesen Vertuschungen und dem erbärmlichen Konstrukt aus Heuchelei und rechtlicher Handhabe gegen den Staat überstieg damals die Vorstellungskraft. Eine massive Aufklärungswelle wurde dadurch auf der ganzen Welt losgetreten – alleine in den USA wurden als Folge 6.400 Geistliche wegen sexueller Übergriffe auf mehr als 17.200 Opfern angeklagt. Die Welle schwappte bis nach Europa und auch hier sah sich die katholische Kirche mit den Auswirkungen dieses Vertrauensbruchs konfrontiert und die Zahl der Kirchenaustritte stieg dramatisch.

Eine derart schwere Kost in einen Spielfilm zu verwandeln ist kein Leichtes. Dennoch gelingt Regisseur Tom McCarthy (The Visitor, 2007) in Zusammenarbeit mit Josh Singer (The Fifth Estate, 2013) dieser Spagat. Der bittere Beigeschmack geht dabei nicht auf seine Kosten.

Thriller mit Tempomat
Genretechnisch ordnet sich Spotlight unter die Enthüllungsthriller ein. Dieses Label verdient er sich ganz und gar, wenn auch unter anderen Bedingungen als Genrekollegen. Die Geschichte wird allmählich gespannt, bekommt geschickt Faden um Faden umgesponnen und verfestigt sich zu einem dicken, spannenden Strang. Völlig frei von billigem Drama und ohne die üblichen Sprints (im ohnehin galoppierenden Tempo-Usus) der meisten Thriller, wird die Spannung trotzdem konstant gehalten. Eine zehrende, überstundenträchtige Jagd nach Informationen, nach der Story, nach der Wahrheit, wird hier gezeigt, samt erzwungenem Halt durch die restliche weiterroutierende Welt sowie durch bürokratische Hürden und „Wegschau“-Manier der anderen. Es ist ein sehr nobler Blick auf das Journalistentum, den uns Tom McCarthy hier vorgibt.

Nicht zuletzt durch die dargestellte Zeit wird der Filmverlauf entschleunigt: Aus heutiger Sicht scheint die Recherchearbeit der Journalisten mühsam und langwierig. Vorrangig durch analoge Daten wälzen sie sich auf der Suche nach Hinweisen, unterstützt höchstens zweitrangig durch ihre antiquiert anmutenden CRT-Monitore. Es ist immer wieder erstaunlich, wenn vor Augen geführt wird, welche Sprünge die Technik des täglichen Gebrauchs in nur 15 Jahren gemacht hat.

Charakterzüge
Die journalistische Arbeit hat selten so real aber auch dauerspannend auf der Leinwand zur Geltung kommen dürfen – man kann dem famosen Cast (und dem Drehbuch!) pauschal gratulieren. Alle haben sie glaubwürdig ihren privaten Moralkampf mit sich ausgetragen und ihn doch für alle gefochten. Michael „Birdman“ Keaton hat seine Spotlight-Truppe gut im Griff und muss nebenher seine eigene sozial-berufliche Krise um das Thema lösen. Sein Team lebt vor allem durch Rachel McAdams (als Sacha Pfeiffer) und Brian D’Arcy James (als Matt Carroll) – die sehr kurzen Blicke in deren Privatleben reichen, um sie gut zu „verfleischlichen“. Ebenfalls sehr gelungen besetzt: Stanley Tucci als der frustrierte Opferanwalt Mitchell Garabedian.

Der einzige Charakter, der nicht ganz zufriedenstellend über die Leinwand kommt, ist Liev Schreibers Chefredakteur Baron. Bis zum Ende ist nicht ganz klar, warum er so durchwachsen beklommen und zurückhaltend (aber dann auch wieder nicht) ist. Entweder ist dieses Porträt nicht zu hundert Prozent geglückt oder es bedarf mehr Hintergrundstory oder -wissen zur realen Person Marty Baron – man wartet vergeblich auf eine Art Katharsis. Für wen diese „Ausrede“ leider nicht gelten kann, ist Mark Ruffalo (als Mike Renzendes). Er ist nämlich ganz Ruffalo und spielt damit leider auch die so lästig typische Mimik durch. Egal wie sehr man es zu ignorieren versucht, spätestens bei der Halbmarke des Films fällt sein nuschelnder, schief hängender Spielmund negativ ins Rollengewicht.

Aber runterziehen kann der Hängemund das grandiose Geschehen nicht. Spotlight steht über diesen Nichtigkeiten. Spotlight steht über ganz anderen Kalibern. Spotlight scheint sein Licht auf die dunkelsten Ecken der Gesellschaft.

 

Titelbild: (c) Constantin Film

Sabrina Freundlich ist stellvertretende Chefredakteurin von mokant.at. Sie beschreibt sich als writeophile and fortune cookie lover. Kontakt: sabrina.freundlich[at]mokant.at

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