Prieth: „Es gibt nichts, das nicht polarisiert“

Künstler David Prieth spricht im Interview über (un)problematische Tücher und die Macht der Satire „die da oben“ zu verunsichern

mokant.at: Du hast vorhin gemeint, alle Medien hätten verstanden welche Botschaft hinter der Aktion steckt. Ist es gelungen sie zu transportieren?
David Prieth: Es wird immer Leute geben, die Dinge nicht so verstehen, wie ich sie transportieren will. Ich stütze mich mal auf die unglaubliche Anzahl von Nachrichten von Menschen aus dem ganzen Land und über die Grenzen hinaus, von denen ich jede einzelne gelesen habe. Die Leute waren so hilfsbereit und gut drauf, dass ich meine Aktion für mich auf jeden Fall als „gelungen“ verbuche. Wenn irgendwo im Wirtshaus über „den einen Trottel aus Tirol“ geschimpft wird, ist das auch kein Problem. Ich will niemandem vorschreiben, was sie denken oder sagen sollen. Wenn ihnen die Aktion auf die Nerven gegangen ist und sie sie dumm finden, dann ist das legitim.

mokant.at: Ist es gelungen einen Diskurs anzuregen? Oder hat die Aktion eher polarisiert?
David Prieth: Momentan gibt es so ziemlich nichts mehr, das nicht polarisiert – kommt mir zumindest vor. Manche haben auch gesagt: Jetzt gießt der auch noch Öl ins Feuer! Ich denke mir da eher: Beide Seiten schreien sich an – die einen mit ja, die anderen mit nein. Meine Aktion hat dazu beigetragen, dass zumindest 75% der Leute dagestanden sind, sich das kurz angeschaut haben und dann einfach zu lachen begonnen haben. Das ist sehr viel wert. Dass die Diskussion jetzt auf einer anderen Ebene läuft wie davor, das bezweifle ich aber sehr.

mokant.at: Wenn der Medienrummel vorbei ist, was wird dann von der Aktion bleiben?
David Prieth: 14 kopftücher, 150 shirts, eine gerahmte Klage an der Wohnzimmerwand, gute Erinnerungen und die Gewissheit, dass Kunst und Satire immer noch die Macht besitzt, auch „die da oben“ zu verunsichern.

mokant.at: Hat Satire mehr Macht, als offene Kritik? Wie äußert sich diese Macht?
David Prieth: Kritik ist gut und wichtig. Aber ich denke, dass die Menschen Satire oft besser verstehen, weil sie ehrlichere Gefühle aus einem herausholt. Wenn ich sagen würde: ich stimme mit diesem Politiker nicht überein und ich denke nicht, dass es ein Problem ist, wenn Menschen Kopftücher tragen – dann ist das zwar richtig und ok, aber man wird es nach spätestens fünf Minuten wieder vergessen. Wenn ihr aber hergehe und frage: was wäre, wenn es einen Shop mit diesem Namen gäbe, in dem Kopftücher verkauft werden würden – dann lacht auf einmal das gesamte Land und erinnert sich auch in zehn, fünfzehn und 30 Minuten noch daran.

hc strassenchefin

Foto: (c) David Prieth

mokant.at: Du sprichst immer wieder davon, dass Dinge an sich keine Bedeutung haben, sondern erst mit Bedeutung aufgeladen werden. Was kann man sich konkret darunter vorstellen?
David Prieth: Was unterscheidet einen Springer von einem Turm auf dem Schachfeld? Sehr sehr wenig. Jede Figur in dem Spiel hat nur deshalb ihre Identität, weil wir sagen, dass sie einen Spielzug ausführen kann, den eine andere Figur nicht ausführen darf. Trotzdem sind sie am Ende des Tages, Holzklötze auf einem Holzbrett. Das bedeutet gar nichts, so lange wir uns keine Gedanken darüber machen. Ein Stück Stoff auf dem Kopf ist jedem egal, wenn ein Schild davor hängt, dann ist es halt eine Schildkappe. Wenn du dir ein Tuch drumherumwickelst, ist das auf einmal für viele ein Problem.

mokant.at: Aber wer hat dem Begriff Kopftuch diese Bedeutung gegeben? Die Muslime? Die „Rechten“? Und: kann er überhaupt wieder „entladen“ werden?
David Prieth: Gute Frage, da müsste man sich die Bedeutungsgeschichte des Kopftuches ansehen. Solche Dinge interessieren mich. Außerdem gibt es ja eine Vielzahl von verschiedenen „Lesarten“ für Phänomene. Roland Barthes „Mythen des Alltags“ würde sich da gut anbieten. Um es mit ihm zu sagen: „Damit Dinge eine Bedeutung bekommen und nicht mehr allein Materie sind, bedarf es der Gesellschaft.“

mokant.at: Du sprichst auf deiner Website von „Propaganda der Tat“ in Bezug auf die Aktion. Was ist das genau?
David Prieth: Politisch wurde ich mit Punk Rock und Artverwandtem sozialisiert. Deshalb habe ich mich auch schon in jungen Teenager-Jahren viel in linken und anarchistischen Kreisen bewegt und mich auch für deren Geschichte interessiert. Propaganda der Tat heißt für mich, dass Aktionen eine Art Vorbildfunktion übernehmen sollen. Natürlich wird es ohne Theorie keine Revolution geben, aber ich bin eher ein Mann der Tat.

mokant.at: Welche Revolution sollte es denn geben?
David Prieth: Das würde jetzt zu weit führen, da ich auch noch keinen genialen Plan zum perfekten Zustand der Gesellschaft gefunden habe. Allerdings weiß wahrscheinlich jeder und jede was derzeit für einen selbst gesellschaftlich schief läuft. Ich will auch kein großer politischer Redner sein, sondern höre gerne zu, denke nach und mache mir meine Gedanken. Diese verbreite ich gerne in persönlichen Gesprächen oder durch meine Taten. Auf jeden Fall bleibt mein Motto: no gods no masters.

mokant.at: Wie geht es mit der STraßenCHef*in jetzt weiter?
David Prieth: Die Chefin sind wir alle und ich bin eine ihrer Prophetinnen. Sie ist die Kraft, die weder vor Politik noch Autorität Halt macht, sondern durchzieht, was sie für richtig empfindet. Deshalb wird sie noch lange leben und erst sterben, wenn wir diese Dinge vergessen haben. Schön wäre es, wenn Straßenchefin zum österreichischen Wort des Jahres gewählt werden würde.

David Prieth ist ein in Innsbruck lebender Veranstalter, Kulturschaffender und Künstler. Bereits in jungen Jahren interessierte sich der studierte Literaturwissenschaftler für Literatur und die Möglichkeiten des Internets. Seit er im Jahr 2005 mit dem Werk „Principia Discordia” von Greg Hill und Kerry Wendell Thornley in Berührung kam, spielt in seinem Schaffen das Prinzip “Operation Mindfuck” eine zentrale Rolle.

 

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Titelbild: (c) David Prieth


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Sofia Khomenko ist Chefredakteurin von mokant.at

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