Klischee Dorfleben: Wie moderne Bauern wirklich leben

Foto: (c) Juliane Mego

Bauern versorgen uns seit Jahrhunderten mit Lebensmitteln. Doch wie sieht der Arbeitsalltag eines Bauern tatsächlich aus? mokant.at hat einen Milchbauern aus Niederösterreich einen Tag lang begleitet.

Der Wecker klingelt. Es ist 3.55 Uhr morgens und draußen dunkel. Es wird Zeit sich anzuziehen und fertig zu machen, an Frühstück ist jetzt nicht zu denken. Die Nacht ist schwarz, nur das Licht der Straßenlaternen erhellt den Gehsteig. Milchbauer Alexander fährt mit seinem weißen Kühlkastenwagen vor und wir steigen ein. Nach einer kurzen Begrüßung geht’s auch schon los, wir haben keine Zeit zu verlieren. Die Schulmilch wartet darauf, ausgeliefert zu werden. Auf den Straßen ist alles dunkel, kaum eine Menschenseele ist zu dieser Zeit unterwegs. Die Landschaften rauschen an uns vorüber, doch zu sehen gibt es sowieso nicht allzu viel aufgrund der anhaltenden Finsternis. Die Fahrt zur ersten Schule, einer von vierzehn heute morgen, dauert eine Stunde. Unterdessen erzählt uns der Landwirt etwas über sein Leben und seine Anfänge.
„Ich war schon mit 15 Jahren fest entschlossen Bauer zu werden und den Hof (seines Vaters, Anm.) zu übernehmen.“ Bei der ersten Schule angekommen, steigt Alexander aus dem Wagen und öffnet die Tür des Laderaumes. Er stapelt die Kisten für den betreffenden Kunden übereinander und trägt sie zum Eingang. Nach dem Aufsperren und Öffnen, greift er ohne zu schauen nach links und betätigt den Lichtschalter. Der Landwirt geht ein paar Schritte zu einem kleinen Kühlschrank in der Ecke, öffnet diesen, entnimmt die leeren Kisten und schlichtet die neuen hinein. Jeder Griff sitzt. Die Strecke und die Schulen kennt er auswendig.

Milchbauer in erster Generation
Alexander Aschauer ist Milchbauer und beliefert mehrere Schulen in Niederösterreich, Wien und dem Burgenland mit Schulmilch. Er führt gemeinsam mit seinen zwei Brüdern einen Milchbauernhof im Wienerwald und das schon seit 20 Jahren. Während der Fahrt zum nächsten Auslieferort schildert der 47-Jährige die Ursprünge des Hofs. „Erst mein Großvater hat 1936 Grund gekauft und hat einen kleinen Bauernhof gegründet, was fast eine Seltenheit ist, weil Bauernhöfe meistens seit mehreren Generationen bestehen.“ Zu Beginn waren am Hof, wenn auch in geringer Anzahl wegen der Hoffläche, neben Kühen auch Schweine und Hühner untergebracht. Die Milchproduktion und den Verkauf von Schulmilch gibt es erst seit 1996, so Alexander. Doch mit Schulmilch ist nicht einfach nur Milch gemeint, sondern auch Kakao, Vanillemilch, Trinkjoghurt und Fruchtmolke.

Mittlerweile ist es halb acht Uhr morgens und die heutige Tour beendet, doch jetzt beginnt der Tag erst. Draußen ist es bereits hell, doch von Sonnenschein kann nicht die Rede sein. Dichte Wolken bedecken den Himmel, der Wind bläst und rauscht durch die Bäume, an denen wir vorüber fahren. Neben der kurvenreichen Straße liegen links und rechts davon Felder, vereinzelt sind Häuser zu sehen. Noch vor der Zufahrt des kleinen Dorfs und der Ortstafel biegt der Wagen rechts ab.

Foto: (c) Juliane Mego

Foto: (c) Juliane Mego

Kuhstall 2.0
Wir fahren zum Stall, wo insgesamt 450 Rinder, also über 200 Kühe und Jungvieh, untergebracht sind. „Für österreichische Verhältnisse ist das ziemlich groß“, lässt er uns wissen. Auf dem Aussiedlerhof, der 1986 noch für 50 Kühe ein Zuhause war, steht im Zentrum die Melkanlage. Als wir ankommen, ist das Melken bereits in vollem Gange.
Während Alexander mit einigen Mitarbeitern die Kühe aus den Ställen holt und zur Melkanlage führt, gehen wir mit seinem älteren Bruder Martin das Futter für die Kälbchen anrühren. Das Jungvieh wird noch mit der Hand gefüttert, jedes der Kälber bekommt seine Ration einzeln. Im Gegensatz dazu herrscht bei den Kühen eine Art Selbstbedienung bei der Futteranlage. 12000kg Futter pro Tag fressen die Tiere beim All-you-can-eat-Kuhbuffet. Einige Jungtiere sind so ungeduldig, dass sie an allem nuckeln, was sie nur zu fassen bekommen. Noch bevor der Behälter mit der Futtermischung in der Halterung angebracht ist, trinken sie gierig daraus. Auch das Ausmisten darf während der kurzen Abwesenheit der Kühe nicht fehlen. „Ab nächstem Jahr wird das dann auch automatisch ablaufen“, erzählt uns Martin während wir in die mittlere Halle des Stalles gehen. Der Raum ist fast leer, nur vereinzelt stehen Kühe im Stall und beäugen unser Tun. Dabei handelt es sich um die trächtigen, die unruhig umherwandern oder müde im Stroh liegen. Am Weg zur Melkanlage nimmt die Anzahl der Tiere beträchtlich zu. In einer Reihe warten sie geduldig bis sie dran sind, denn vor dem Melken gibt es ein kleines Zuckerl für sie. Man könnte fast von einem Beauty-Salon für Kühe sprechen, mit Klauenwaschanlage und automatisierten Bürstköpfen. Das sorgt nicht nur für das Wohlbefinden der Rinder, sondern gleichzeitig auch für Hygiene im Stall. Beim Melken bedarf es trotzdem menschliche Handarbeit beim Reinigen der Euter und Zitzenbecher ansetzen. Auch das Abnehmen, kontrollieren und desinfizieren erfolgt händisch.

Verpflichtungen als moderner Bauer
Währenddessen läutet Alexanders Telefon immer wieder. Nach dem Melkvorgang muss er den Anrufen dann auch tatsächlich nachgehen, da es sich nicht nur um private Angelegenheiten handelt. Denn der Landwirt hat nicht nur Kundenanrufe mit Bestellungen und Fragen entgegenzunehmen, sondern auch Verpflichtungen in der Gemeinde. Er ist gleichzeitig auch Vizebürgermeister des Dorfes. Das bedeutet, dass er zusätzlich zum Milchausliefern, Nachgehen von Kundenangelegenheiten und sämtlichen anderen Arbeiten, Gemeinderatssitzungen, Ausschüssen und Gemeindeveranstaltungen beiwohnt.

Seit Anfang 2015 ist er als Vizebürgermeister im Amt und geht diesen Verpflichtungen nach. „Manchmal ist es schwer alles unter einen Hut zu bringen“, meint Alexander während wir zum Gemeindeamt fahren. Zwischen Milchausliefern, Stallarbeit und Gemeinderatssitzungen den Überblick zu behalten ist nicht allzu einfach. „Allerdings ist das im Sommer mit der Feldarbeit weitaus anstrengender.“ In den Sommermonaten fällt zwar das Ausliefern der Schulmilch weg, doch nimmt die Arbeit am Feld viel Zeit in Anspruch. Am meisten Aufwand birgt dabei das Ernten und Mähen, da in dieser Zeit das Futter für das ganze Jahr geerntet werden muss. Beim Gemeindegebäude angekommen, huscht er schnell hinein um etwas abzuholen. Nach wenigen Minuten sitzt er wieder am Fahrersitz. Neben der Stallarbeit und den Gemeindeverpflichtungen füllt die Familie Aschauer ihre Produkte selbst ab. Glücklicherweise befindet sich der Haupthof mit der Abfüllanlage direkt gegenüber vom Gemeindeamt. Vom Feld schnell zum Hof und die Arbeitskleidung gegen ein Hemd tauschen, so sieht der Alltag eines modernen Bauern aus.

Alles auf Anfang
Untertags werden dann Besorgungen getätigt, Geräte repariert und Telefonate geführt. Mittlerweile ist es draußen wieder dunkel, das Licht der Straßenlaternen erhellt das kleine Dorf. Gegen halb sechs Uhr abends beginnt die Stallarbeit dann wieder von Neuem: Melken, Füttern, Ausmisten. Danach suchen sich die Kühe im Stall einen Schlafplatz, einige der Tiere liegen bereits zusammengerollt im Stroh. Doch nur sie können sich jetzt schlafen legen. Ein Mitarbeiter setzt sich in einen der großen, weißen Lieferwagen und startet den Motor. Eine neue Ausliefertour beginnt. Allein an diesem Tag kommt es zu 120 Auslieferungen. Ein Blick auf die Uhr verrät: Es ist bereits nach Feierabend, doch auf diesem Bauernhof scheint es so etwas nicht zu geben.

Titelbild: (c) Juliane Mego

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