Reparatur Cafe: Rettet die Kürbissuppe!

(c) R.U.S.Z.

Gibt es in unserer Gesellschaft noch eine Reparaturkultur? Wir haben das Reparatur Café schraube 14 besucht und mit dem Geschäftsführer über den Kampf gegen die geplante Obsoleszenz geplaudert

Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts Unser Leben im Überfluss

„Ich war nicht als erste da, aber darf ich bitte anfangen? Ich muss in einer Stunde schon wieder los. Ich muss leider in die Arbeit, also darf ich zuerst? Ich würd’ Sie bitten!“ Es ist kurz vor zwei Uhr nachmittags, das Reparatur Café schraube 14 hat gerade erst seine Türen geöffnet. Eine merklich selbstbewusste, ältere Dame zieht innerhalb weniger Sekunden die Aufmerksamkeit des Raumes auf sich. „Ja, ja, gehen Sie nur!“ entgegnet ihr Gegenüber sichtlich amüsiert. Die Dame Anfang 60 fährt sich mit der Hand durchs blonde, dauergewellte Haar, lächelt und bedankt sich. Sofort packt sie einen Handmixer aus. „Ich wollte heute eine Kürbissuppe machen und beim Rühren fängt der Mixer an zu stinken.“ Sie steckt das Handrührgerät an, um es zu demonstrieren. „Riechen S’ das? Das beißt in der Nase! Und das bei der Kürbissuppe!“

Werkkurs für die Unabhängigkeit
schraube 14 ist eine Initiative des Reparatur- und Servicezentrums (R.U.S.Z.) im 14. Wiener Gemeindebezirk. Jeden Donnerstag findet dort das Reparatur Café statt. Drei Stunden lang kann jeder kommen und sich gratis von Fachkräften beim Reparieren helfen lassen. Das Konzept stammt aus den Niederlanden, Sepp Eisenriegler, Geschäftsführer des R.U.S.Z., hat es im Jahr 2013 auch nach Wien geholt. Das Café befindet sich direkt im Untergeschoss des Servicezentrums. Den Kunden werden Werkzeuge und fachliches Know-How zur Verfügung gestellt. „Wir sind nicht dazu da, den Leuten im Café ihre Sachen zu reparieren, während sie gemütlich einen Kaffee trinken und eine rauchen. Wir bieten das Reparatur Café an, damit wir Menschen dazu animieren, Dinge selber zu reparieren“, erklärt Eisenriegler. Wer also mit einer komplexen Stereoanlage herkommt, wird wohl wieder enttäuscht nachhause gehen. Vielmehr wolle Eisenriegler eine Reparaturkultur vermitteln. „Wenn man sich selbst gegen die geplante Obsoleszenz zur Wehr setzen kann, dann ist das eine tiefe Befriedigung. Man hat das Gefühl, man ist nicht mehr so abhängig.“

Kaffeehaus geht anders
Im Untergeschoss des Reparaturzentrums stehen einige Tische aneinander gereiht, darauf liegt ein Sammelsurium aus Elektrogeräten, Steckdosen und Kabeln. Rings herum sitzen anfangs sechs Leute, die darauf warten, dass ihnen geholfen wird. Das künstliche Licht und die Werkzeuge auf den Tischen erinnern eher an die Garage eines Bastlers als an das Café Central. Mit einem Kaffeehaus hat schraube 14 äußerlich tatsächlich wenig gemeinsam. Zwar stehen in den Regalen viele Filtermaschinen herum, betriebsbereit sieht aber keine davon aus. Für Kaffee hat scheinbar keiner Zeit, schließlich muss die Kürbissuppe gerettet werden. Dafür wird umso mehr geplaudert und gescherzt. Die Atmosphäre ist locker, man unterhält sich über seine Mitbringsel und wartet, bis man an der Reihe ist.

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Selbst reparieren oder gratis reparieren lassen?
An diesem Donnerstag stehen Küchengeräte scheinbar hoch im Kurs. Ein ausgeborgter Pürierstab will nicht mehr so recht, auch eine Filterkaffeemaschine wartet auf Hilfe. Der Andrang ist groß und die drei Helfer des R.U.S.Z. kommen bald ins Schwitzen. Denn obwohl das Café Hilfe zur Selbsthilfe vermitteln will, scheint das Konzept nicht jeder ernst zu nehmen. Die Kunden scharen sich um die drei Mitarbeiter oder warten, bis ein Plätzchen daneben frei wird. „Heute ist sehr viel los, das ist nicht immer so“, meint einer von ihnen. Der junge Mann versucht, das Gehäuse des Pürierstabs zu öffnen. „Wahrscheinlich hat sich das über die Feiertage alles zusammen gestaut“, scherzt er.

Keine Expansion in Sicht
Auch am Tag der Eröffnung sei der Andrang groß gewesen, sagt Eisenriegler. „Die Leute haben anscheinend auf so ein Angebot gewartet.“ Trotzdem will der Geschäftsführer keine weiteren Repair Cafés, wie sie auch noch genannt werden, eröffnen. „Wir sind an sich ein Reparaturbetrieb. Wir leiden mit unseren Kunden an der so genannten geplanten Obsoleszenz und wollten für sie eine Möglichkeit schaffen, dass sie Dinge weiter verwenden können, bei denen es sich wirtschaftlich nicht auszahlt, sie reparieren zu lassen.“ Die Konkurrenz sehe er nicht in anderen Reparaturbetrieben, sondern in den viel zu billigen Neupreisen. Rohstoffe würden in den Ländern des Südens ausgebeutet und dann unter Ausbeutung von Arbeitskräften in Schwellenländern verarbeitet. „Aber ich will jetzt nicht jammern“, fügt er hinzu.

Die Helfer im schraube 14 arbeiten alle ehrenamtlich. Mit unbezahlten Mitarbeitern also gegen die Ausbeutung von Arbeitskraft wettern? „Im Reparaturcafe arbeiten zwei Personen ehrenamtlich, sonst könnten wir uns das gar nicht leisten. Aber sie haben bei uns schon ein Arbeitstraining absolviert, deswegen können sie auch so viel. Einer der beiden ist schon in Pension und der andere steht auf der Warteliste, für den werden wir auch noch etwas finden“, erklärt Eisenriegler. Das R.U.S.Z. fühle sich nicht dem Profit verpflichtet, sondern der Ressourcenschonung. Außerdem hole es Leute aus der Langzeitarbeitslosigkeit: Ziel sei es, arbeitslose Menschen auszubilden, die dann eine unbefristete Stelle bekommen.

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Gedränge im Untergeschoss
„Wer kennt sich mit Heizlüftern aus?“ fragt ein Mann, der einen neuen Schwall von Menschen anführt, die das Café betreten. Langsam wird es eng im Café. Nicht mehr für jeden gibt es einen Sitzplatz, also stellen sich die Neuankömmlinge um die Tische herum und halten Ausschau nach Helfern. Heizlüfterprofis gibt es hier scheinbar keine, das macht ihm aber nichts. Der Herr mit den grauen Haaren nimmt Platz und klinkt sich schnell in ein anderes Gespräch ein. „Was haben Sie denn mit?“ – „Einen Pürierstab. Ich hab’ ihn von meiner Schwägerin ausgeborgt und jetzt will er nicht mehr. Da hab’ ich mir gedacht, ich versuche es einmal hier“, antwortet eine ganz in schwarz gekleidete Frau Mitte 40. Sie streicht sich ihre kinnlangen, dunklen Haare aus dem Gesicht und steckt den Pürierstab an den Strom an. Ein reibendes Geräusch ertönt, schnell schaltet sie ihn wieder ab. Ihre Küchengeräte selbst zu reparieren, traut sie sich zu. Nur weiß sie nicht so recht, wo genau das Problem eigentlich liegt.

Trend: Do it yourself!
Obwohl viele junge Menschen ihre Hauben selbst stricken und handgemachte Geschenke unter den Christbaum legen, würde man die anwesenden Personen eher nicht als jung und hip beschreiben. Sprechen Angebote wie das Reparatur Café nur ältere Generationen an? Oder anders gefragt: Wollen junge Leute nichts reparieren? „Wir versuchen, das zu ändern. Aber im Prinzip haben Sie recht“, lautet Eisenrieglers Fazit. Die Apple-Generation, so der Geschäftsführer, habe mit Reparaturen überhaupt nichts am Hut. Ihr gehe es darum, immer die neuesten Produkte zu besitzen. „Sie hat auch kein Problem damit, dass die Akkus bei der neuesten Generation der iPods fix verbaut sind und dass somit ein Verschleißteil eigentlich die Gebrauchsdauer eines Produktes bestimmt.“ Doch die Zielgruppe habe sich in den letzten Jahren stark verändert. Vor allem Studenten und junge Eltern würden sich für das Angebot interessieren. „Wenn man Kinder hat, ist man in einer sensiblen Phase – nämlich was die Zukunft der eigenen Kinder betrifft. Viele wollen einen Beitrag dazu leisten, dass auch den Kindern noch Rohstoffe zur Verfügung stehen.“ Studenten spreche Eisenriegler in verschiedenen Projekten an der BOKU, WU und Angewandten an. Außerdem setzt das R.U.S.Z. auf Social-Media-Kanäle.

Kein happy end
Trotz fachlicher Beratung, genügend Werkzeugen und gutem Willen wird nicht immer eine Lösung gefunden. Auch der Handmixer kann heute nicht repariert werden, die Kürbissuppe muss warten. Ein Mitarbeiter bietet an, den Mixer hier zu lassen. „Ich würde vorschlagen, dass wir uns das Problem später noch einmal anschauen. Manchmal kommt nämlich fast niemand ins Café und dann versuchen wir Geräte zu reparieren, die bei den letzten Malen übrig geblieben sind.“ Die ältere Dame willigt ein. „Ich bin eh schon wieder spät dran für die Arbeit“, meint sie, packt ihre Handtasche und verschwindet.

Titelbild: (c) Reparatur- und Servicezentrum R.U.S.Z.


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Alissa Hacker ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: alissa.hacker[at]mokant.at

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