Obsoleszenz: Verschleiß nach Plan

(c) Katharina Egg

Begrenzen Unternehmen die Lebensdauer ihrer Produkte absichtlich? Kann man Produzenten deshalb verklagen? Und welche Rolle spielt Frankreich dabei? Ein Streifzug durch die Geschichte der Wegwerfgesellschaft.

Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts Unser Leben im Überfluss

Der eine oder andere hat sich garantiert schon einmal über eines der folgenden Probleme geärgert: Das neue Handy gibt nach nur einigen Monaten den Geist auf, Reißverschlüsse an Jacken und Jeans lassen sich nicht mehr schließen und die Reparatur eines Laptops stellt sich als schwieriger heraus, als eigentlich geplant. Wenn man in einer dieser Situationen ist, kommt schnell das Gefühl auf, alles werde teurer, gleichzeitig nehme aber die Qualität und Haltbarkeit der Produkte ab. Für dieses Phänomen gibt es einen eigenen Begriff: „Geplante Obsoleszenz“. Seine Ursprünge hat der künstlich verursachte Verschleiß in einem überraschend alltäglichen Gegenstand; nämlich der Glühbirne.

Das Phoebuskartell
Es ist das Jahr 1890. Thomas Edisons Erfindung der Glühlampe nimmt seit ihrer Patentierung 1879 Fahrt auf, der Technikmarkt ist um eine ertragreiche Sparte reicher. Edison gründet in Amerika die Edison General Electric Company, 1892 wird das Unternehmen mit dem größten Konkurrenten zur General Electric Company fusioniert. Das Ziel ist klar: Die Monopolstellung dieser bahnbrechenden Erfindung zu sichern. In der Produktion wird mit verschiedenen Glühfäden experimentiert, Tantal löst Fäden aus Osmium ab, 1910 wird der Draht aus Wolfram eingeführt, der bis heute Bestand hat.

1924 geht den führenden Herstellern selbst ein Licht auf: Es wäre doch um ein vielfaches gewinnsteigernd, würde man die Lebensdauer beschränken, statt auszubauen. So müssten Konsumenten öfter Glühbirnen nachkaufen, der Umsatz würde durch die Decke gehen. Ende des Jahres schließen sich in Paris deshalb mehrere führende Glühbirnenhersteller zu der Vereinigung „Phoebus S.A. Compagnie Industrielle pour la Développement de l’Éclairage“ zusammen, um sich den Glühbirnenmarkt aufzuteilen. (Interessanterweise soll gerade Frankreich Jahrzehnte später noch eine wichtige Rolle beim Thema „Geplante Obsoleszenz“ spielen). Unter den Mitgliedern befinden sich unter anderem Osram (Deutschland), Philips (Holland) oder Tungsram (Ungarn). Die General Electric Company unterzeichnet ebenfalls eine Vereinbarung, dass sie keine Lampen in Europa verkaufe, dafür würde sich das Phoebuskartell nicht in den amerikanischen und kanadischen Markt einmischen. Eine Tatsache verbindet aber alle Unternehmen: Man beginnt, die Lebensdauer der Glühbirnen von damals möglichen 2000 Stunden auf 1000 Stunden zu reduzieren.

Diese umsatzsteigernde Normung fliegt erstmals Ende der 1940er auf. Die amerikanische Bundesregierung beginnt wegen wettbewerbswidrigen Verhaltens gegen General Electric zu ermitteln. Nach Aussagen des amerikanischen Physikers William David Coolidge habe General Electric bei ihren Lampen nicht das Potenzial von 24 Lumen ausgeschöpft, sondern die Leistung, beziehungsweise die Lebensdauer der Glühbirnen bewusst gedrosselt. Das Gericht kommt schließlich zu dem Schluss, General Electric habe zwar die Entwicklung von Glühbirnen nach vorne getrieben, dabei aber das US-Amerikanische Wettbewerbsrecht, den Sherman Antitrust Act, verletzt. Im Urteil heißt es wörtlich :

„(…) there can be no doubt that it [General Electric, Anm. d. Re.] paced its industrial achievements with efforts to insulate itself from competition. It developed a tremendous patent framework and sought to stretch the monopoly acquired by patents far beyond the intendment of those grants.”

Als Folge wird die Reduzierung der Lebensdauer von Glühbirnen verboten, das Kartell löst sich offiziell auf. Zu dieser Zeit wird in Frankreich der Ökonom Serge Latouche geboren. Er greift ab den 90er Jahren das Konzept der geplanten Obsoleszenz auf und meint zu den Rahmenbedingungen des Kapitalismus: „Die drei Eckpunkte sind: Werbung, geplante Obsoleszenz und Kredit.“

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Titelbild: (c)  Katharina Egg

Markus Füxl studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien und ist als Redakteur für mokant.at tätig. Kontakt: markus.fuexl[at]mokant.at

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