Zukunftsessen: Ein Burger aus dem Labor?

(c) Katharina Kropshofer

85kg Fleischverbrauch pro Kopf und Jahr – können wir so viel anbauen wie wir essen wollen? Fernab von der klassischen Variante liegt die Zukunft des Essens bei drei Modellen: Synthetische Burger, Ernährung von Insekten, oder Flüssignahrung im Vergleich

Schon in der Schule hören wir es: Mehrere Planeten wären notwendig, um die Menschen weiterhin nach dem westlichen Vorbild zu ernähren. Fleisch verbraucht Unmengen an Ressourcen; von Futterpflanzen die auf abgeholzten Regenwald-Flächen angebaut, bis zu tausenden Litern an Wasser, die dazu benötigt werden. Neben der Alternative vegan, oder beispielsweise als Selbstversorger zu leben, wurden in den letzten Jahren andere Stimmen laut: Es gibt sie, die Zukunftsvision von Essen. Zu utopisch? Zu teuer? Zu verrückt? Wir haben einen Vergleich gestartet.

(c) Georg Talasz

(c) Georg Talasz

Tiere essen
Kurt Schmidinger ist Lebensmittelwissenschaftler und weist darauf hin, dass sich unsere Zukunft ernährungstechnisch von Fleisch entfernen sollte. „Die Alternative zu unserem heutigen Konsum muss ökologisch gesehen möglich effizient sein. Außerdem muss sie für eine Welternährung geeignet, drittens auch für die Gesundheit gut sein. Die vierte Säule, die wir berücksichtigen müssen, ist der Tierschutz.“ Zahlen, die jährlich von der Heinrich Böll Stiftung (parteinahe Stiftung von Bündnis90 und Die Grünen, Anm.) herausgegeben werden, sprechen für diese Kritik an unserem Ernährungsstil: Laut dem Fleischatlas 2016, der letzte Woche neu erschienen ist, mussten in Deutschland in den letzten 15 Jahren 80 Prozent der Betriebe die Tierhaltung aufgeben, während aber gleichzeitig bis zu 50 Prozent mehr Fleisch produziert wurde. Ein Trend, der auf einen rasanten Anstieg der Massen- und Masttierhaltung hinweist. Schmidinger erklärt auch die weltweiten Dimensionen dieses Phänomens, indem er sagt, dass bereits zwei Drittel aller vom Menschen genützten Flächen für die Tierhaltung, also für Weide- und Futteranbauflächen bestimmt sind. Dabei sind Säugetiere energietechnisch sehr ineffiziente Tiere: Sie brauchen durchschnittlich sieben Kalorien aus pflanzlichen Futtermitteln, um eine Kalorie Fleisch zu produzieren; der Rest der Energie geht verloren. Zumindest eine positive Tendenz lässt sich aus dem Fleischatlas herauslesen, da die Studie ergab, dass 80 Prozent der Deutschen bereit seien, höhere Preise für Fleisch zu zahlen, wenn dadurch auch die Haltungsbedingungen besser werden würden.

(c) David Parry / PA Wire University of Maastricht

(c) David Parry / PA Wire University of Maastricht

Zellen+ Magie= künstliches Fleisch
Ein Umstrukturieren der Fleischindustrie kann jedoch auch anders aussehen. Wie Zukunftsmusik klingt ein Projekt des Forschers Mark Post an der Universität Maastricht. Er stellte 2013 erstmals cultured beef (also gezüchtetetes Rindfleisch, Anm.) für einen Burger im Labor her. Ähnliche Experimente werden schon seit 2001 von der NASA durchgeführt, um essbare Alternativen für mögliche Raum-Missionen zu schaffen. Die künstliche Herstellung von Fleisch wird in der modernen Lebensmittelforschung Tissue Engineering Methode genannt. Dabei werden einem lebenden Tier Zellen entnommen, wobei die Diskussion welche Art von Zelle verwendet werden soll, noch nicht abgeschlossen ist. Fertig ausgebildete Muskelzellen sind im Gespräch, doch ihre Kapazität für Vervielfältigung ist stark begrenzt. Noch undifferenzierte Stammzellen, aus denen sich später verschiedenen Zellen, wie Muskel-, oder Nervenzellen entwickeln, sind leichter manipulierbar. Die richtige Erzeugung, Handhabung und Verarbeitung der Stammzellen stößt jedoch auf Hindernisse. Gelingt es jedoch noch undifferenzierte Zellen zu generieren, werden sie in ein Nährmedium, bestehend aus Mineralien, Zuckern, Proteinen, Fettsäuren und Vitaminen gegeben, die bestenfalls aus Pflanzen stammen. Entlang eines essbaren Gerüsts aus Kollagen, oder ähnlichen Strukturproteinen, die beispielsweise auch in unserem Bindegewebe vorkommen, können sich die Zellen vervielfältigen. In einem Bioreaktor, der mechanische Anstöße an die Mischung aus Zellen, Nährmedium und Gerüst gibt, wachsen die in-vitro-Zellen zu Fäden; 20.000 von diesen werden daraufhin beispielsweise zu einem Hamburger zusammengefügt. Dabei sind Fleischprodukte wie Burger oder Würste leichter herzustellen, als komplexeres, stärker strukturiertes Fleisch wie Steak. Eine ethisch umstrittene Grauzone umfasst die Möglichkeit, das Endprodukt zu beeinflussen. So wäre es laut Schmidinger beispielsweise möglich, die Qualität zu steigern oder Veränderungen hinsichtlich gesundheitlicher Faktoren durchzuführen und Cholesterinwerte zu senken.

Nur ein Prototyp
Das Projekt ist noch weit von der Realisierung für den Markt entfernt. Im Falle von Mark Post liegt der Preis bei 250.000 Euro für einen Burger, wobei die Forschungskosten miteinberechnet wurden. Die Finanzierung, welche in diesem Fall von Google übernommen wurde, spricht gegen die baldige Umsetzung des „McInvitro“. Auch die Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung scheint niedrig zu sein: Laut einer Studie der EU-Komission aus dem Jahre 2005 würden nur 54 Prozent der EU-Bürger zustimmen auf kultiviertes Fleisch umzusteigen, um auf das Schlachten von Tieren zu verzichten. Auch wenn es auf der Homepage der Universität Maastricht heißt, das produzierte Fleisch schmecke gleich wie natürliches, ist es aufgrund der enormen Preise noch unmöglich sich selbst ein Bild davon zu machen. Schmidinger bemerkt außerdem, dass die Nährmedien für den ersten Prototyp-Burger noch nicht alle pflanzlichen Ursprungs waren. Eine anstrebenswerte Technologie müsse für ihn jedoch komplett ohne Tierprodukte auskommen.

(c) Lukas Unger

(c) Lukas Unger

What the bug?
Ein anderer, für manche vielleicht gewöhnungsbedürftiger Ansatz, liegt in der Arbeit von Christoph Thomann und seinen Kollegen. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht eine neue Art der Protein-Zufuhr salontauglich zu machen: Mit seinem Verein Speiseplan vertreibt er Insekten für den Verzehr und versucht die Öffentlichkeit mit der Materie der Entomophagie (=Insektenessen, Anm.) vertrauter zu machen. Dazu veranstalten sie einerseits Insekten-Kochkurse, als auch Vorträge, die zumindest unter Studenten schon auf großes Interesse stoßen. Bei einem dieser Events an der BOKU Wien verweist er auf die ökologische Effizienz der Tiere: Als wechselwarme Tiere brauchen sie im Vergleich zu Säugetieren keine Energie, um ihre Körpertemperatur aufrechtzuerhalten. Sie verbrauchen demnach einen Bruchteil der Futter- und Wassermenge. Auch benötigen sie deutlich weniger Platz, verursachen deutlich weniger Emissionen- alles Argumente, die im Hinsicht einer steigenden Weltbevölkerung, die immer mehr Platz und immer mehr Ressourcen braucht, von Vorteil wären. Was dagegen spricht? Laut dem Verein wenig, da bereits 2 Milliarden Menschen auf der Welt Insekten essen. Uns Europäern stehe schlicht eine kulturelle Prägung im Weg, die dazu führe, dass wir uns vor Insekten ekeln.

Insektenschmerz
Was die Aspekte der Ökologie und Welternährung angeht sind die Insekten durch ihren effizienten Nährstoffverbrauch und ihrer umweltschonenden Haltung sehr geeignet. Auch gesundheitliche Risiken in der Masttierhaltung, wie die Entstehung von Antibiotika-Resistenzen, oder dem Ausbruch von Epidemien sind in der Insektenzucht minimiert. Schmidinger verweist aber darauf, dass die Frage des Tierschutzes nicht ausreichend beantwortet sei. Auf die Frage, ob und wie stark Insekten leidensfähig sind, gibt es momentan noch keine zufriedenstellende Ergebnisse. Auch wenn viele wirbellose Tiere keine Nozizeptoren, also freie Nervenendigungen zur Sinneswahrnehmung haben, wurden bereits Ausnahmen gefunden. Der Lebensmittelwissenschaftler Schmidinger scheint nicht nur deswegen skeptisch gegenüber Insekten als Ernährungs-Alternative zu sein: „Es ist schon schwer genug, die Menschen von pflanzlichen Alternativen zu überzeugen, wie soll man sie dann dazu bringen Insekten zu essen?“

(c) 2016 Rosa Labs

(c) 2016 Rosa Labs

Proteinshakes gegen den Welthunger
Künstliche Burger, essbares „Ungeziefer“ – für den Amerikaner Rob Rhinehart nebensächlich. Er startete 2013 einen Selbstversuch, der viel Aufsehen erregte, denn er ernährte sich nur noch flüssig und das von ein und demselben Produkt: Soylent. Der Shake aus Soja, Algenölen, dem Zucker Isomaltulose, Vitaminen und Mineralien soll den ganzen Nährstoffgehalt eines Menschen decken können und dabei sogar vermeiden, zu viele unnötige Zucker und Fette zu sich zu nehmen. Nachdem das Produkt durch die erfolgreichste Crowdfunding-Kampagne für ein Lebensmittel auf dem Markt zu finden ist, kann man zwölf Flaschen, die jeweils 400 Kalorien enthalten, für knapp 30 Dollar erwerben. Auch wenn Rhinehart das Produkt aus Bequemlichkeits-Gründen entwarf, um sich keine Gedanken mehr übers Essen machen zu müssen, kommen auch ganz andere Aspekte mit dem Shake auf: Könnte ein so simples Rezept helfen, den Welthunger zu stillen?

Essentielle Inhaltsstoffe
Die ökologische, umweltschonende Komponente erfüllt das rein pflanzliche Produkt. Jedoch scheinen Ernährungsforscher noch nicht überzeugt zu sein, ob ein solches Produkt wirklich alle für den Menschen wichtige Nährstoffe beinhaltet. Schmidinger meint, dass lebensnotwendige Bestandteile übersehen werden könnten: „Es gibt Nährstoffe, zum Beispiel pflanzliche Sekundärstoffe, von denen wir noch nicht wissen, welche Bedeutung sie auf Dauer für unsere Gesundheit haben.“ Daher sei unklar, ob mit der einseitigen Ernährung gesundheitliche Risiken verbunden sind. Eine Kombination aus Soylent und pflanzlicher Rohkost könnte laut ihm aber sehr wohl funktionieren.

Kurbeln wir die Forschung an
Laborburger, Insekten und Soja-Shakes- die Ernährungsmodelle der Zukunft haben vor allem eines gemeinsam: fehlende Informationen, insbesondere was gesundheitliche Aspekte betrifft. Für den Lebensmittelwissenschaftler Schmidinger sind solche Alternativen daher eher Aushängeschilder der Forschung. Der erste synthetische Burger sei demnach vor allem dazu gut gewesen, Forschungsgelder zu mobilisieren und dadurch die Suche nach Alternativen zum herkömmlichen Fleischkonsum anzukurbeln. Auch wenn es um den Geschmack geht, scheinen die drei Ansätze nicht voll und ganz überzeugen zu können.
Am meisten scheitert die vollständige Umsetzung der Projekte im Moment jedoch am Finanziellen: Insbesondere das In-Vitro-Fleisch, aber auch die Möglichkeit seine Proteinquelle in Form von Insekten zu wählen, belasten die Geldbörse maßgeblich: 20 Gramm Mehlwürmer kosten momentan noch 10 Euro. Kurt Schmidinger verweist deswegen auf die „altbewährte“, vegetarische oder vegane Alternative, anstatt auf „verrückte“ Projekte zu setzen: „Entweder wir warten auf die große Katastrophe, oder wir schaffen es vorher schon etwas zu ändern. Allein durch Vernunft wird das eher nicht passieren, deswegen glaub ich eher an vernünftige Alternativen!“

(c) Verein Speiseplan

Infografik zu Insektenessen (c) Verein Speiseplan

 

Titelbild: (c) Katharina Kropshofer

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Kathi hat Biologie und Kultur- und Sozialanthropologie studiert. Sie findet, dass die Kombination hilfreich ist, um sich professionell über die Menschheit zu wundern.

2 Comments

  1. cutesyMRScat

    21. Januar 2016 at 11:21

    das erste foto find ich echt besonders toll! <3 artikel natürlich auch besonders toll! interessant und aufschlussreich. wir müssen wirklich nicht so viel fleisch essen…

  2. Pingback: Insekten in den Medien. | INSEKTEN ZUM ESSEN

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