Aram Haus: „Kitsch pack’ ich gar nicht!“

Adam Haus (c) Katharina Rustler
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Aram Haus, der Regisseur von Die Pfarrschule erzählt im Interview über das Wesen des Wünschens, die Gefahr, zufrieden zu sein, und Küssen als Provokation

Der Verein Wiener Achse brachte kürzlich mithilfe einer Crowdfunding-Kampagne und unter der Regie von Aram Haus die Uraufführung des philosophischen Bühnenstücks Die Pfarrschule von Dominik Barta auf die Bühne. Darin flieht die Köchin (Iris Maria Stromberger) vor der großen Dürre aus ihrem Dorf und findet Arbeit im Kloster bei einem Pfarrer (Bálint Walter). Dieser wird von Unsicherheiten in Bezug auf seinen Glauben geplagt: Wer darf Gott um Hilfe bitten? Und wem wird von Gott geholfen? Ein moralisierender Engel (Juliane Gruner) erscheint dem Pfarrer regelmäßig und versucht, ihm zu helfen. Als Marias junger Schützling Viktor (Pipo Fuhs) nachkommt und sich mit dem Sohn des Friedhofwärters Mario (Giamo Röwekamp) anfreundet, scheinen Sehnsüchte, Ängste und Träume ineinander zu verschwimmen – ein Theaterstück voller Wünsche, Glaube und vielen Fragen, auf die es vielleicht gar keine Antworten gibt.

mokant.at: Das Hauptthema des Stückes bezieht sich auf das Wesen des Wünschens. Wer darf sich was wünschen und an wen soll oder darf man sich damit eigentlich richten? Inwieweit kann das Stück Ihrer Meinung nach eine Antwort geben?
Aram Haus: Wir haben tunlichst versucht, keine Antworten zu präsentieren, sondern Fragen aufzuwerfen. Aber man kann das Stück natürlich schon so interpretieren, dass es am Ende eine göttliche Kraft geben könnte, die auf uns aufpasst – was aber keine Hauptaussage des Stückes ist. Es ist auch kein belehrendes Stück, sondern es geht im Grunde um das Menschsein ganz einfacher Figuren und anhand dieses Menschseins werden philosophische Probleme abgehandelt.

mokant.at: Denken Sie, dass diese Thematik in der heutigen Zeit immer wichtiger wird?
Aram Haus: Ich glaube, es war immer schon sehr wichtig, sich etwas zu wünschen und an etwas zu glauben. Allein die Formulierung eines Wunsches, den man ernst meint, der begründet schon den ersten Schritt zur Erfüllung dieses Wunsches. Das Wünschen ist auch schon ein Erleben.

Szenenbild aus Die Pfarrschule ©Wiener Achse

mokant.at: Ebenfalls wird die Allmächtigkeit Gottes in Frage gestellt und ob er das Leid der Menschen hierarchisiert oder ob er das überhaupt darf. Inwieweit haben Sie sich im Laufe der Proben mit diesem Thema näher beschäftigt?
Aram Haus: Da gab es in den Vorbereitung für die Proben ein recht eklatantes Erlebnis: Zu Pfingsten habe ich eine Pilgerwanderung gemacht. Von Chartres nach Paris, zirka 120 Kilometer mit der Pius-Bruderschaft. Das ist eine sehr strenge und konservative Gruppierung der katholischen Kirche und ich war verdeckt dort. Es war ein sehr prägendes Erlebnis, dabei zu sein, wie tausende Leute nach 40 Kilometern Fußmarsch in ein Feld einmarschieren. Wer das schon mal gemacht hat, der weiß was das bedeutet. Da ist bei mir Folgendes passiert: Das Denken bricht auf die wichtigsten Parameter runter, also es beschränkt sich auf Schlafen und Liebe. Und das war eigentlich recht angenehm, einmal nicht so viel hirnzuwichsen (lacht), also nicht so viel nachdenken zu müssen, was vielleicht ein obsessives Laster von mir ist, sondern die einfachen aber sehr ehrenvollen Grundpfeiler des Lebens zu sehen oder zu erkennen.

mokant.at: Haben Sie denn mit den Menschen dort, also mit den tatsächlichen Anhängern der Bruderschaft, über Themen dieser Art gesprochen?
Aram Haus: Alle, die dort teilnahmen, waren Piusbrüder, alle 6.000 Menschen. Also ich glaube, ich war ziemlich der Einzige, der dort keiner religiösen Gruppierung angehört hat. Und man muss wissen, dass die Themen, die dort behandelt werden, beschränkt sind auf das, was eine kultivierte Gesellschaft primitiv nennen würde – das möchte ich aber sicher nicht, denn Familie, Glaube und Bescheidenheit finde ich in keiner Weise primitiv sondern ehrenhaft. Intellektuelle Gespräche wurden eher abgelehnt, damit der Glaube auch nicht abgelenkt wird.

mokant.at: Die Inszenierung arbeitet mit vielen Ambivalenzen: sehr laute Musik, grelles Licht, völlige Dunkelheit, ewiges Schweigen. Was war Ihr Gedanke für diese Umsetzung?
Aram Haus: Das haben Sie sehr schön beobachtet. Danke, dass das aufgefallen ist. Das Stück ist tragisch, aber komisch geschrieben. Das birgt schon mal eine Ambivalenz in sich. Die Geschichte ist einerseits berührend, andererseits bedrückend. Und alleine das sind schon Ambivalenzen, die sich im Stück zeigen und die ich in der Inszenierung nicht unterlassen wollte. Und um dem Ganzen kein Dahinplätschern zu ermöglichen – was leicht passieren könnte bei einem Stück, das sehr flüssig und schnell geschrieben ist – hab ich versucht, das angenehme Gefühl, das unterhaltende Gefühl, oft durch Licht oder Akustik zu brechen.

Engel (J. Gruner) und Pfarrer (B. Walter) ©Wiener Achse

mokant.at: Wie kamen Sie auf die Idee, die Szene, in der sich der Pfarrer badet, mit einer Version von Britney Spears’ Hit Me Baby One More Time akustisch zu untermalen?
Aram Haus: Persönlich höre ich nur klassische Musik, eher mathematisch komponierte. Ich bin kein Fan von Redundanzen. Wenn man etwas Lustiges sagt und dabei lacht, find ich es weniger lustig, als wenn man es todernst sagt. So versuche ich, auch auf der Bühne auszugleichen. Also wenn eine Situation sehr schwermütig ist, versuche ich, diese mit Musik oder Licht facettenreicher zu gestalten oder auch eine Dissonanz einzubauen. Denn ich finde alles, was nicht ein bisschen Dissonanz beherbergt, kitschig. Und Kitsch pack’ ich gar nicht. (lacht)

mokant.at: Hatte Bálint Walter (Pfarrer) ein Problem damit, sich in der Szene komplett auszuziehen?
Aram Haus: Das nicht. Bálint Walter, der den Pfarrer spielt, ist von mir ein sehr geschätzter Schauspieler. Er hat sich sehr gut vorbereitet auf die Rolle: monatelang gebetet, täglich aus der Bibel gelesen und er hat uns vor jeder Probe aus der Bibel vorgelesen. Das schätze ich sehr an ihm und für einen Schauspieler ist das eigentlich nicht wirklich ein Problem, sich nackt auszuziehen. Womit er jedoch sowohl Berührungsängste hatte, war, einen minderjährigen Jungen (Pipo Fuhs, als Viktor) zu küssen. Das hätte ich wiederum nicht gedacht. Aber es war doch eine größere Hürde für ihn, als ich angenommen hatte.

weiter zu Teil 2 des Interviews:

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