Türkischer Herbst? G20-Gipfel im Schatten des Halbmonds

Politologe Nurettin Yigit schreibt in einem Gastkommentar über die „Charmeoffensive“ von Tayyip Erdoğan beim G20-Gipfel in der Türkei

Foto: Nurettin Yigit

Foto: Nurettin Yigit

Gespannt blickte die Weltöffentlichkeit vor etwa zwei Wochen auf das Städtchen Belek, gelegen an der Mittelmeerküste. Früher ein kleines Fischerdörfchen, hat sich dieser Ort in Sichtweite der Millionenstadt Antalya, in den letzten dreißig Jahren in ein Tourismusparadies verwandelt. Belek weist an der Türkischen Riviera die höchste Dichte an Luxus Ressorts und 5-Sterne-Anlagen auf und wurde nicht nur aufgrund seiner idealen Infrastruktur, sondern auch wegen seiner Abgeschiedenheit für das Treffen der Mächtigen gewählt. Obwohl man bei der Ausrichtung eines so wichtigen wirtschaftspolitischen Events in erster Linie an die türkische Megametropole Istanbul oder an die Hauptstadt Ankara denken würde, haben sich die Gastgeber zum ersten Mal bewusst anders entschieden. Verantwortlich dafür ist der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoğlu, der Parlamentsabgeordneter aus Antalya ist und bei den Kommunalwahlen 2014 versprach, das G20-Treffen an die Mittelmeerküste zu holen.

Die G20 ist in erster Linie als informeller Zusammenschluss von den zwanzig führenden Industrie- und Schwellenländern zu sehen, wobei natürlicherweise die wirtschaftspolitischen Themen auf der Agenda stehen. Das omnipräsente Thema auf dem Gipfel in Antalya war jedoch politischer Natur und umfasste in erster Linie die Anschläge von Paris und seinen Ursachen im syrischen Bürgerkrieg und dem EU-Dauerthema „Flüchtlingskrise“.

Tayyip Erdoğan als Shootingstar
Der ganz große Shootingstar des Gipfels war jedoch kein anderer als der Gastgeber Recep Tayyip Erdoğan. Und der Gipfel kam nicht ungelegen für das gut aufgelegte Staatsoberhaupt. Kurz vor dem G20-Gipfel konnte die Adalet ve Kalkınma Partisi (Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) unter der Leitung des Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu einen sensationellen Wahlsieg einfahren und ca. 50% der Stimmen auf sich vereinen, wodurch nach einem kurzen Intermezzo die AKP wieder die absolute Mehrheit im türkischen Parlament erlangte und wieder die Regierung stellen wird. Erdoğan überließ natürlich nichts dem Zufall und inspizierte zwei Tage vor dem Gipfeltreffen persönlich die Veranstaltungsorte auf Belek. Der Auftrag war klar, dass der erste G20-Gipfel in der Türkei reibungslos über die Bühne gehen sollte. Dafür sorgten nicht nur 13.000 Sicherheitskräfte für die rund 12.000 Teilnehmer, sondern auch der US Flugzeugträger „Theodor Roosevelt“, der vor der Küste Antalya’s ankerte. Getrost lässt sich sagen, dass Belek während des Gipfels einer Festung glich, umgeben von mehreren Sicherheitsringen.

Haute Cuisine und Bademäntel
Dieser Aspekt umfasste einen wichtigen Teil der PR-Strategie der türkischen Regierung. Der G20-Gipfel diente in aller erste Linie der Imagepflege im In- und Ausland. Die innenpolitischen Verwerfungen und der lange Bürgerkrieg in Syrien haben die Türkei in den letzten Monaten erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Nicht nur die Sicherheit, sondern auch das (kulinarische) Wohl der Gäste lag der türkischen Spitze am Herzen. So wurden die Pausen während der Sitzungen dazu genutzt, um die haute cuisine der türkischen Küche zu entdecken. Ebenfalls beauftrage der Staatspräsident persönlich, dass alle Regierungschefs und Staatspräsidenten bzw. Monarchen luxuriöse Bademäntel, bestickt mit den jeweiligen Landesfahnen und den Namen der Personen erhalten sollten. Zum Ende des Gipfels setzte der Gastgeber noch einen Drauf und überreichte seinen Gästen eine Sonderkollektion der türkischen Post mit ihrem Konterfei und einer Box mit Lokum (türkische Süßigkeiten). Diese Charmeoffensive beinhaltete auch eine klare Botschaft an die internationale Diplomatie und sie lautete: „Seht her, wir sind nicht nur eine Regional-, sondern eine Großmacht und wollen auch wie einer behandelt werden!“

Diese Botschaft deutete in erster Linie auf den Konflikt in Syrien hin und dem türkischen Vorschlag zur Bildung von No-Fly-Zonen im Norden Syriens. Da sowohl die eigenen Partner bei der NATO ernsthafte Bedenken über diesen Vorschlag haben, versuchte Ankara mit Dringlichkeit diesen Aspekt bei den Verhandlungen und Gesprächen über Syrien voranzubringen

Kleine Fortschritte wecken Hoffnungen
So verwundert es nicht, dass die G20 in ihrem Abschlussbericht zum Kampf gegen den Terror aufrufen und einige Schritt vorgenommen haben, von der Trockenlegung der Finanzquellen des IS bis hin zur besseren Koordinierung von Luftschlägen gegen IS-Zentren in Syrien und dem Irak. Der gemeinsame Feind führte auch zu spontanen Verhandlungen am Rande des G20-Gipfels, wo sich US-Präsident Obama mit dem russischen Staatspräsidenten Putin im Foyer in vertrauter Runde eine halbe Stunde über eine mögliche Beendigung des Bürgerkriegs in Syrien unterhielten. Der wichtigste Fortschritt auf dem Gipfel, gemeinsam gegen den IS vorzugehen, eine Übergangsregierung einzurichten und Wahlen unter Beteiligung der Regimegegner durchzuführen, weckt Hoffnungen.

Kurz nach dem Gipfel und dem Abreisen der Delegationen entspannte sich wieder die Situation in Belek und der Tourismus stand wieder im Mittelpunkt dieser Kleinstadt. Jedoch trügt diese Stille angesichts der Ausrichtung der Botanischen Expo 2016 in der Ortschaft Aksu, weniger Kilometer nördlich von Belek. Die massiven Investitionen in diese Region und das rege Treiben bei der Baustelle am Messegelände verdeutlichen noch einmal, dass Belek in wenigen Monaten wieder in den Schlagzeilen der Weltöffentlichkeit stehen wird. Und diesmal dann in voller Blumen- und Pflanzenpracht.

Nurettin Yigit studierte Politik und Wirtschaft des Nahen und Mittleren Ostens in Marburg, Istanbul und Beirut. Seit Ende 2014 widmet er sich vermehrt im Bereich der Internationalen Entwicklung und ist Lehrkraft an einer Wiener Mittelschule.

Titelbild: (c) Nurettin Yigit

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