Film/riss: Alles unter Kontrolle

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Von Smartphone-Vermeidung bis Fingerabdrücke von Trinkgläsern entfernen: Wie paranoid bist du? Werner Bootes neuer Film lässt uns in die Welt der Überwachung blicken

Täglich hinterlassen wir unsere Spuren im Internet. Google kennt unsere vermeintliche Krankheitsgeschichte, Facebook weiß, wo wir am liebsten Kaffee trinken und Amazon könnte wohl (selbstständig) unsere Wünsche an das Christkind auflisten. Seit Edward Snowdens Enthüllungen haben viele das dumpfe Gefühl, dass einem jemand über die Schulter schaut, wenn man im Internet surft. Aber wer interessiert sich so sehr für uns und was passiert mit den vorhandenen Daten? Der Wiener Filmemacher Werner Boote (Plastic Planet, Population Boom) versucht diese Fragen in eineinhalb Stunden zu beantworten.

„Wer die Daten hat, hat die Macht“
Boote macht sich auf den Weg, um mit Daten(schutz)-Experten, Überwachungsskeptikern, aber auch Datenanalysten und NSA-Mitarbeitern rund um den Globus zu sprechen. Begleitet wird er – und das Publikum – von seinem Smartphone, inklusive nerviger Siri-Stimme. Die Reise geht von London über die USA, nach Indien und Hongkong. Dort unterhält er sich via Skype mit dem finnischen Computer-Sicherheitsexperten Mikko Hyppönen.

“George Orwell was an optimist“
– so lautet Mikko Hyppönens Fazit. „George Orwell hat sein berühmtes Buch über Überwachung und staatliche Kontrolle vor Jahrzehnten geschrieben. Er erkannte damals, dass sich die Technologie der Zukunft gegen die Bürger wenden wird. Aber er erkannte nicht, wie schlimm das wirklich werden sollte.“ Generell zeigt der Großteil von Bootes Gesprächspartnern Skeptizismus was die Sammlung von Daten angeht. Allen voran Jacob Appelbaum, der Entwickler des Anonymisierungsnetzwerks TOR. Er hält nicht nur Iriserkennung zum Entsperren von Smartphones für schrecklich. Er wischt sogar seine Fingerabdrücke vom Glas, aus dem er gerade getrunken hat. Von der US-amerikanischen Regierung wird er als terrorverdächtig eingestuft.

Freiwillige Überwachung?
Durch unsere Onlineaktivitäten ließen wir uns freiwillig überwachen, meint Appelbaum. Was der Internetaktivist mit Mitarbeitern der NSA gemeinsam hat, ist die Vorsicht beim Posten in sozialen Netzwerken – das entlockt Boote einem Mitarbeiter der US-amerikanischen Sicherheitsbehörde. Da Boote das NSA-Gelände nicht betreten darf und keinen Interviewpartner findet, verfolgt er mit dem Auto Mitarbeiter, die das Areal verlassen. So bizarr diese Szenen auch sein mögen – Boote gelingt es, die double standards der NSA aufzuzeigen. Auf der einen Seite entsteht durch Überwachung ein „gläserner Mensch“, auf der anderen Seite fordern NSA-Mitarbeiter den Schutz ihrer Privatsphäre ein.

Ich poste, also bin ich
Warum löschen wir also nicht alle unsere Facebook-Profile? Wieso geben wir unsere Daten online bekannt? Der Soziologe Zygmunt Bauman hat dafür eine Erklärung: „Die Angebote des Internets, der sozialen Medien, sind sehr verführerisch. Sie bieten genau das, wovon die Menschen träumen: nicht alleine sein! Von Bedeutung sein!“ Dabei dürfe man nicht vergessen, dass Datenauswertung im Dienste von kommerziellen oder politischen Interessen steht, erklärt Bauman.

Der Casino-Sicherheitsexperte Jim Hartley steht Überwachung und Datensammlung offen gegenüber. Er gehe prinzipiell davon aus, dass alle Menschen betrügen oder stehlen. „Sie müssen mir erst das Gegenteil beweisen.“ Und auch Harper Reed, US-amerikanischer Unternehmer und Blogger, ist Daten-Optimist. Vor allem zeigt er sich als Fan von personalisierter Werbung – sie würde dabei helfen, genau das zu finden, wonach man sucht.

Vorsicht oder Paranoia?
Alles unter Kontrolle spricht Dinge an, die viele von uns wohl lieber verdrängen würden: ständige Überwachung durch Kameras, unser lockerer Umgang mit persönlichen Daten im Internet und Geldmache mit Big Data. Das Spektrum von Themen, das der Film abdeckt, ist zwar groß, jedoch fehlt in den zahlreichen Gesprächen manchmal der Tiefgang. Nicht auf alle Fragen, die der Film stellt, wird eine Antwort gegeben. Zu schnell ist das Interview beendet und Boote befindet sich wieder an einem anderen Schauplatz auf der Suche nach Informationen im Datendschungel. Doch es wird gezeigt, wie groß und wichtig das Feld der Datenanalyse und der damit verbundenen Überwachung ist. Alles unter Kontrolle löst eine gewisse Vorsicht (oder vielleicht ein bisschen Paranoia) im Umgang mit Smartphones und Web aus und sollte wohl – so wie auch Bootes Plastic Planet – in Schulen zum Pflichtprogramm werden.

Kinostart in Österreich: 25.12.2015

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Titelbild: © Thimfilm

Alissa Hacker ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: alissa.hacker[at]mokant.at

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