Mali: Al-Qaida, Frankreich und das Bundesheer

Grafik: Michael Ruthner

Den Anfang unserer Serie zu vergessenen Konflikten macht das Afrikanische Binnenland Mali. Seit mehreren Jahren werden Gebiete von Rebellen, Islamistischen Gruppierungen und Regierungsgruppen umkämpft.

Am 20. November blickte die ganze Welt nach Mali – zumindest für kurze Zeit. Zwei Al-Qaida nahe Jihadistengruppen, Al-Mourabitoun und Al-Qaida in the islamic Maghreb, kurz AQIM genannt, griffen ein Luxushotel in der Hauptstadt Bamako an. Mehr als 20 Geiseln und die Attentäter wurden getötet. Wer das als terroristischen Ausreißer einstuft, denkt zu kurz. Das Afrikanische  Binnenland ist voller Spannungen – damals wie heute. Mali liegt nordwestlich des Äquators und grenzt im Norden an Algerien. Wie das Nachbarland war Mali bis in die 1960er Jahre eine französische Kolonie und ist zirka dreimal so groß wie Deutschland. Trotz des seit Juni existierenden Waffenstillstandabkommens zwischen Tuareg-Rebellen und der malischen Regierung, herrschen zwischen trockenem Wüstenklima im Norden und feuchter Hitze im Süden immer noch zahlreiche Machtkämpfe.

Mali im Krieg – ein Rückblick
Um die aufgeladene Stimmung besser verstehen zu können, muss man einige Jahre zurückgehen: Das Nomadenvolk der Tuareg führte Mitte Jänner 2012 Angriffe gegen die malische Regierung. Die Rebellen sammelten sich als Bewegung zur Befreiung des Staates Azawad (Mouvement national pour la libération de l´Azawad), kurz auch MNLA genannt, dominiert von den Tuareg- Gruppierungen. Die islamistischen Gruppen Ansar Dine, Al-Qaida im islamischen Maghreb (AQIM) und die Bewegung für Einheit des Jihad in Westafrika (MUJAO) unterstützten die Angriffe der Aufständigen. Auch gut ausgebildete Tuareg-Soldaten, die zuvor an der Seite des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi kämpften, kehrten nach dem Fall des libyschen Regimes nach Mali zurück und beteiligten sich hier ebenfalls an den blutigen Kämpfen. Ihr Ziel war es die Regierung zu stürzen, denn sie sei schwach und grenze unter anderem das Nomadenvolk im Norden des Landes aus.

Die Regierung fällt
Ende März 2012, zweieinhalb Monate nach Beginn der Kämpfe, wurden Institutionen der Regierung durch eine militärische Junta außer Kraft gesetzt. In den Städten Timbuktu, Gao und Kidal wurden Regierungstruppen von der Tuareg-Gruppe MNLA überrannt und am 6. April riefen die Aufständischen den unabhängigen Staat Azawad aus. Azawad wurde jedoch kurz nach dessen Verkündung von der Afrikanischen Union als nichtig erklärt. Auch unter den Gruppen in Nordmali gab es erheblich Spannungen. Das führte dazu, dass die islamistischen Gruppierungen Ansar Dine und MUJAO die Tuareg-Gruppe MNLA aus den Städten Timbuktu, Gao und Kidal wieder vertrieben.

Durch eine Vereinbarung der militärischen Junta und der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft musste der damalige malische Präsident sein Amt zurücklegen. Sein Nachfolger wurde Anfang Dezember 2012 wieder von militärischen Gruppen zum Rücktritt gezwungen. Heute nennt sich Mali eine Republik, ist offiziell nicht in Nordmali, Azawad und den Rest geteilt, sondern wird einheitlich von Präsident Ibrahim Boubacar Keïta regiert.

Internationale Eingriffe
Weil sich im Jahr 2013 terroristische Akte nicht eindämmen ließen, half Frankreich mit einer militärischen Operation (Opération Serval) Städte wie Gao oder Timbuktu wieder unter Kontrolle der Regierung zu bringen. Opération Serval wurde im Juli 2014 beendet. Nachfolger ist die bis heute andauernde Anti-Terror-Operation Barkhane.

Die Mali-Intervention Frankreichs wurde vom ehemaligen CDU-Politiker und Publizist Jürgen Todenhöfer zu Beginn der französischen Operation kritisch beleuchtet. „Wenn es in der Ex-Kolonie Französisch-Westafrika nur Sand gäbe, könnten sich Tuareg, Terroristen und Malier die Köpfe einschlagen, solange sie wollten“, meinte Todenhöfer. Vielmehr ginge es bei der Intervention um ökonomische Gründe. „ Es (Frankreich, Anm.) weiß genau, dass sein „Antiterrorkrieg“ den islamistischen Terror letztlich nicht besiegen, sondern weiter anheizen wird. Doch was heißt das schon gegen eine gesicherte Stromversorgung Frankreichs durch afrikanisches Uran?“, schrieb Todenhöfer Ende Jänner 2013 in der Berliner Zeitung.

Auch Johannes M. Becker, deutscher Friedensforscher und Geschäftsführer für Konfliktforschung an der Philipps-Universität Marburg, meinte in seinem 2013 veröffentlichten Schreiben, dass Frankreichs Intervention nicht spontan entschieden wurde. Der offizielle Grund sei der Schutz Malis und seiner Bevölkerung. Mali biete günstige Bedingungen für „kriminelle Banden, die auf Drogenschmuggel, Menschenhandel und Entführungen spezialisiert sind – für Paris in dieser schwer kontrollierbaren Region weitere Gründe für eine Intervention“, findet Becker. Inoffiziell sorge man sich jedoch mehr um die Rohstoffversorgung Europas und vor allem Frankreichs. Becker schreibt von „riesigen Reserven an Gold, Diamanten und Phosphat sowie Vorkommen der Energieressourcen Erdgas, Erdöl und Uran“ in Mali. Ein öffentlich nicht so umstrittenes Projekt ist das Stabilitätsprogramm der Vereinten Nationen in Mali (MINUSMA). Das langfristige Projekt soll bis 2016 zur Stabilisierung Malis, dem Schutz von Zivilisten und zur Durchführung von politischen Diskursen beitragen. Einen wichtigen Erfolg konnten die UNO im Juni dieses Jahres verzeichnen: Tuareg-Rebellen stimmten einem Friedensabkommen mit der malischen Regierung zu.

Österreicher in Mali
Nicht nur Frankreich beteiligt sich aus Europa an Operationen in dem Nordafrikanischen Land. Bereits seit März 2013 unterstützt das Österreichische Bundesheer eine multinationale Trainingsmission in Mali, kurz EUTM genannt. Hier in der Hauptstadt Bamako, 4400 Kilometer von Österreich entfernt, sind acht österreichische Soldaten stationiert, die malischen Soldaten zu einer militärischen Grundlagenausbildung verhelfen. „Das Ziel ist dort Ausbildungsvoraussetzungen zu schaffen, damit die Armee in Mali Stabilität herstellen kann“, sagt Oberst Michael Bauer, Pressesprecher des Bundesheeres. Nach Einschätzungen des österreichischen Bundesheeres sei die Lage in Mali ruhig. Eine Aufstockung österreichischer Soldaten innerhalb der EUTM sei nicht geplant. Dass österreichische Soldaten in anderen Teilen Malis eingesetzt werden, schließt Oberst Bauer aber nicht aus. Am Freitag gab Verteidigungsminister Gerald Klug im Gespräch mit der Österreichischen Presseagentur bekannt, dass sich ab Februar 2016 insgesamt 15 österreichische Soldaten an der Stabilisationsmission im Norden beteiligen.

Klug sagte bei der Sitzung des Landesverteidigungsausschusses Ende September, dass er die Ursachen der steigenden Anzahl von Flüchtlingen bekämpfen will. Einige Beweggründe zur Flucht sind laut der Human Rights Watch Gewalt, wirtschaftliche Instabilität und die trüben Zukunftsaussichten in Mali. Viele malische Flüchtlinge schaffen die Flucht nach Österreich jedoch nicht. Hilbert Karl, Leiter der Abteilung für Asyl- und Fremdenwesen im Innenministerium, bestätigt, dass zwischen 2010 und 2014 lediglich 122 Personen aus Mali in Österreich um Asyl angesucht haben. Im Jahr 2015 waren es bis einschließlich Oktober 32 Personen.

Mali heute
Nach Berichten der Human Rights Watch ist von einem ruhigen Mali keine Rede. Vor allem im Norden und in Zentralmali sind Exekutionen von vermeintlichen Informanten der malischen Armee keine Seltenheit. Bewaffnete islamistische Gruppierungen wie Ansar Dine oder MUJAO führen weiterhin Angriffe auf die Zivilbevölkerung aus. Zuletzt lenkte der Anschlag  auf das Radisson Blu Hotel der Al-Qaida nahen Gruppierung AQIM die Aufmerksamkeit der westlichen Welt auf sich. Ansonsten entzieht sich der traurige Alltag, wie die Rekrutierung von Kindersoldaten durch die Tuareg-Gruppe oder der Drogenschmuggel, unserem Blick. Wenig verwunderlich also, dass das österreichische Außenministerium weiterhin von Reisen nach Mali abrät – die Spannungen im Land sind jedoch keinesfalls vorbei.

Im Zuge unserer Reihe über „vergessene Konflikte” beschäftigen wir uns mit unterschiedlichen Krisenherden dieser Erde. Außerdem erklärt der Friedensforscher Sebastian Cujai  in einem Gastkommentar, warum es wichtig ist, Konflikte nicht zu vergessen und beschreibt  dabei die Rolle der Konflikt- und Krisenberichterstattung in heimischen Medien.  Er arbeitet für das Unternehmen CONIAS Risk Intelligence, das auf die Erhebung und Bewertung von Konfliktdaten spezialisiert ist.

Titelbild: mokant.at > Grafik: Michael Ruthner

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Sophie Minihold ist als Redakteurin für mokant.at tätig und studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien. In ihrer Freizeit ist sie auf Konzerten zu finden. Derzeitiges Lieblingslied: Beirut - No No No

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