Klimakonferenz: Climate Change? Global Change? System Change!

(c) Katharina Kropshofer

Am 30. November startet die 21. UN-Klimakonferenz und wiederum werden das Erstellen von Protokollen und scheinbar leere Verpflichtungen im Vordergrund stehen. Warum ist der Mensch so Handlungs-gelähmt? Ein Erklärungsversuch

In zwei Wochen ist es so weit: Paris wird Schauplatz der mittlerweile zum 21. Mal stattfindenden UN-Klimakonferenz (COP21). 154 Länder tragen mittlerweile dazu bei, zumindest in der Theorie, Umweltziele umzusetzen. Klimawandel. Ein sensibles, emotional sehr aufgeladenes Thema, bei dem die meisten Menschen vermutlich schon gar nicht mehr richtig hinhören. Im schlimmsten Szenario folgen sie bereits dem Beispiel Susanne Winters (Zitat: „Ein einziges mediales Lügengebäude, das zum Einsturz gebracht werden muss“ ) oder Donald Trumps (Zitat: „It’s getting a little bit warmer, now gimme a break“ ), und glauben immer noch, Klimawandel gäbe es nicht. Diesen Verleugnern schlage ich vor in nächster Zeit einen Gletscher zu besuchen, beziehungsweise das, was davon übrig geblieben ist. Steht man selbst auf einem Geröllhang, der eindeutig als ehemalige Gletscherzunge identifiziert werden kann, und blickt hinauf zu der Grenze, die jetzt das untere Ende des Gletschers markiert, überfällt einen die Melancholie.

(c) Elia Guariento

(c) Elia Guariento


Climate Change
Hier also ein Plädoyer, wieso der Klimawandel sehr wohl jeden von uns etwas angeht: Was waren nochmal die Grundprobleme? Generell wird Klimawandel immer mit dem Anstieg von CO2 in Verbindung gebracht. Dieser ist laut einem Bericht des IPCC (Intergovernmental Panel for Climate Change, Anm.) seit der Zeit vor der industriellen Revolution, um 40% angestiegen. Die Temperatur ist laut diesem Bericht von 1850-2012 im jährlichen Durchschnitt um bis zu 2,5°C gestiegen. Kurzfristig gesehen, zeigt sich der Klimawandel deshalb von seiner sympathischen Seite: Keiner beschwert sich über milde Winter, bei denen man Mitte November noch barfuß im Prater herumläuft.

(c) Katharina Kropshofer

(c) Katharina Kropshofer


Global Change
Bekanntlich können die meisten Menschen mit solchen abstrakten Zahlen recht wenig anfangen, und wissen nicht, was diese für eine Bedeutung für Jeden und Jede haben. Um was für Dimensionen geht es eigentlich? Generell muss nicht nur von Climate Change, sondern von Global Change die Rede sein. Einige Aspekte werden bei den recht einseitigen Diskussionen, die durch einen Eisbären auf verzweifelter Suche nach einer Eisscholle symbolisiert werden, oftmals ausgeklammert. So wird einem meistens verschwiegen, was für drastische Auswirkungen ein globaler Wandel auf Landschaften haben könnte, wie wir sie kennen. Dabei gehen nicht nur Skipisten und somit „Kulturgüter“ verloren, sondern beispielsweise auch Hochmoore. Der Verlust dieser sehr speziellen Lebensräume multipliziert sich dann wiederum mit den anderen Folgen und führt zu der Freisetzung von CO2. Moore speichern laut den Österreichischen Bundesforsten 30% des erdgebundenen Kohlenstoffs. Sehr viel wenn man bedenkt, dass sie nur 3% der Erdoberfläche ausmachen. Moorzerstörung sorgt dabei für mehr CO2 Ausstoß als der gesamte Flugverkehr.
Auch Verluste in der Artenvielfalt können mit dem globalen Wandel in Verbindung gebracht werden. Eine Abnahme kann einerseits durch ebendiese Lebensraumverluste entstehen, andererseits begünstigt eine Temperaturerhöhung Neobiota, also nicht heimische, oftmals invasive Arten. Diese können lokale Arten verdrängen, da sie beispielsweise mit den wärmeren Temperaturen besser umgehen können. Es wird wohl bald keine Seltenheit mehr sein, wenn man Palmenarten im Unterwuchs von Laubwäldern, oder Papageien am Himmel sieht. Kritiker werden hier einhaken und sagen, dass es in der Erdgeschichte schon immer Massen-Aussterbeevents gegeben hat. Was unklar bleibt ist jedoch, wann eine Grenze erreicht ist, an dem so viele Arten aus einem System entnommen werden, dass es als Ganzes ins Schwanken kommt. Wann wird eine Grenze erreicht sein, an der zu viele Ökosysteme verschwunden sind, sodass die nächstgrößere Einheit zerbricht? Und wollen wir Mitschuld daran haben?
Falls diese Folgen noch immer zu wenig realen Bezug haben, so kann man weiterdenken, was der globale Wandel für direkte Auswirkungen auf den Menschen hat. Dabei sind nicht nur vermehrte Umweltkatastrophen, von Tsunamis bis Murenabgängen zu nennen, sondern auch gesundheitliche Auswirkungen: Der vorher erwähnte Landnutzungswandel kann beispielsweise für Krankheits-Vektoren wie die Anopheles Mücke, die Malaria überträgt, von Vorteil sein. Auch gibt es Studien über erhöhte Hautkrebsraten durch eine Ozon-Abnahme in der Atmosphäre. Und von gesundheitlichen Problemen durch Luftverschmutzung und vermehrten Allergien durch invasive Arten müssen wir hier gar nicht anfangen…

(c) Katharina Kropshofer

(c) Katharina Kropshofer

System Change
Gehen wir davon aus, dass die Teilnehmer der Klimakonferenz über all diese Auswirkungen Bescheid wissen, und nicht nur zum Spaß diskutieren. Dennoch, oder gerade deswegen, fragt man sich: Warum ändert sich nichts? Sieht man sich die Entwicklung der Konferenz an, so lief das Ganze überspitzt ausgedrückt so ab: Bei der ersten COP 1995 in Berlin wurde nur beschlossen, dass Maßnahmen getroffen werden müssen. Bei der zweiten wurde beschlossen, diese Maßnahmen in einem Protokoll festzulegen, was 1997 in Kyoto geschah. Seitdem drehen sich alle Konferenzen um eine Nachfolge und Verlängerung des Kyoto-Protokolls, in dem (kurz gefasst) geschrieben steht, dass die beteiligten Länder ihre Treibhausgasemissionen bis 2012 senken müssen. Während sich die USA für keine Emissionsänderungen verpflichtete, und gleich wie Österreich 2010 sogar ein Plus von über 8% verzeichnete, schaffte es (fast) nur Deutschland das Klimaschutz-Ziel zu erreichen. Die Umweltpolitik scheint an eine Grenze zu stoßen, die ein Grundsatzproblem darstellt, das auch von der kanadischen Schriftstellerin Naomi Klein immer wieder betont wird: Es reicht nicht Ziele zu setzen, die Emissionen verringern sollen. Es geht darum das System zu verändern, welches in jedem Szenario Kapitalismus vor Umwelt stellt, ohne zu verstehen, dass die Erhaltung der Umwelt ein allumfassendes Problem ist. Die Schreckensnachrichten, Lösungsansätze, und Konferenzen erreichen uns und unsere Moral täglich. Ironischerweise leben wir also alle mit einem Widerspruch, in dem wir zwar von den Folgen wissen, jedoch kaum einer etwas dagegen tut. Wieso sind wir so gelähmt? Ein Erklärungsversuch liegt in Siegmund Freuds bekanntem Konzept der drei Kränkungen der Menschheit: Die erste, kosmologische Kränkung, bezieht sich auf die Erkenntnis, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist; die zweite, biologische Kränkung, verletzt den Stolz des Menschen, da er erkennen musste, dass auch er ein Tier ist. Die dritte, psychologische Kränkung bezieht sich auf das Unterbewusstsein des Menschen und der Einsicht, dass es so etwas wie den freien Willen nicht (uneingeschränkt) gibt. Die Verbindung von Kränkung eins und zwei fasst unser Dilemma gut zusammen: Da der Mensch ein Tier ist, gelten für ihn auch die Regeln der Natur, die für alle Arten gelten. Die Illusion des freien Willens trägt zu unserer Arroganz bei, in der wir unsere Art über alle anderen stellen. Angewandt auf die Klimawandel Problematik heißt das folgendes: Der Mensch kann und wird nichts ändern, solange er sich weiterhin aus dem Natur-Begriff herausnimmt und Kultur als Gegensatz zur Natur sieht. Es ist dieser menschliche Drang die Natur beherrschen zu wollen, der nun irreversible Folgen mit sich gebracht hat. Solange der im Kapitalismus manifestierte Drang nicht losgelassen wird, und Mensch-Sein nicht auch Teil-Der-Natur-Sein bedeutet, werden auf den Klimakonferenzen auch die nächsten Jahre nur Protokolle verfasst werden. Das liegt wohl in unserer Natur.

Weiterführende Links:
Für Skeptiker: http://www.skepticalscience.com/graphics.php?g=47

Für alle, die sich nicht schuldig fühlen: http://www.bloomberg.com/graphics/2015-whats-warming-the-world/

Für Klimakonferenz-Fans: http://www.earthtoparis.org/

Für potentielle Klimaretter: http://www.klimaretter.info/

Für Engagierte: http://systemchangenotclimatechange.org/

Titelbild: (c) Katharina Kropshofer

 

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Kathi hat Biologie und Kultur- und Sozialanthropologie studiert. Sie findet, dass die Kombination hilfreich ist, um sich professionell über die Menschheit zu wundern.

1 Comment

  1. mp

    19. November 2015 at 08:28

    Es ist simpel:
    Die Zivilisation ist ein Ergebnis einer extrem stabilen Klima-Phase. Unter den in den letzten 2 Millionen Jahren vorherrschenden teils sehr stark schwankenden Klimaverhältnissen hätte sich kaum eine Zivilisation bilden können. Sie ist dabei auf stabile Anbauflächen und Wasserversorgung sowie vorhersehbare Jahreszeiten angewiesen.
    Geringe Klimaschwankungen (viel geringer als heute) brachten das Römische Reich zum Einsturz oder führten zur französischen Revolution. Wenn dort, wo heute fruchtbarer Boden ist, bald nur Wüste zu finden ist, gibts eine Völkerwanderung und Krieg. Da ist die gegenwärtige Flüchtlingskrise dann ein Witz dagegen, wenn sich ein paar 100 Millionen auf den Weg machen.
    Die Gletscher zeigen das zwar recht schön, sind aber unser kleinstes Problem. Auch Stürme etc… sind nicht die eigentliche Gefahr. Schleichende Prozesse, die wir gar nicht bewusst registrieren werden unser System destabilisieren, ohne dass wir merken, dass der Klimawandel der Grund ist.

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