Solidarische Landwirtschaft: Die Kartoffel-Kommune

Foto: (c) Lukas Unger

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Ist mein Gemüse wirklich bio? Wer auf Nummer sicher gehen will, muss selbst anbauen, oder regional einkaufen. Gelegenheit hierzu bietet die solidarische Landwirtschaft.

Flora liebt Gemüse und Obst. Mit den Bio-Produkten der Supermärkte war sie lange Zeit zufrieden. Doch nun ist sie sich unsicher – ihr Vertrauen in die Qualität der industriellen Nahrungsmittelproduktion wankt. Was ist drinnen im Essen? Ist alles „Ja natürlich“ oder doch eher eine „Biolüge“? Werden heimische Landwirte auf ihren idyllischen Biohöfen fair entlohnt, oder bedeutet auch „Bio“ Massenproduktion?

„Bio bedeutet für mich leben und leben lassen“, erklärt der Landwirt Manfred Radl und lacht. „Man muss der Natur nicht nur Dinge entziehen, sondern ihr auch wieder etwas zurückgeben, damit das eine längerfristige Beziehung bleibt.“ Die Landwirtschaft von Radls Vater wurde bereits in den 90er Jahren auf Bio umgestellt. Radl ist vor zwei Jahren einen Schritt weiter gegangen und hat seinen Betrieb zu einer „Solidarischen Landwirtschaft“ gemacht, einer Art der „Community Supported Agriculture“ (CSA).

Einmal Geld gegen eine Saison lang Gemüse
Bei CSA bezahlen Kunden nicht für das einzelne Produkt. Vielmehr „investieren“ sie in den Landwirt, indem sie ihm zu Beginn des Jahres einen Fixpreis für die kommende Saison geben. Die gesamte Ernte des Landwirts wird durch die Anzahl der Kunden dividiert. Den daraus resultierenden Anteil an Obst und Gemüse kann sich jeder einzelne dann wöchentlich abholen, oder er wird an Sammelpunkte zugestellt.

Was hätte Flora nun davon, Kunde einer solchen CSA zu werden, anstatt weiter alles im Supermarkt zu erwerben? Zum einen die ganze Saison über frisches Obst und Gemüse, zum anderen die Möglichkeit, sich zu vergewissern, ob die Qualität stimmt. „Die Leute wissen ganz einfach, wo das Gemüse wächst, es schmeckt gut, und wenn sie wollen, können sie vorbeischauen und sich alles anschauen“, meint Manfred Radl. Die Kunden können sich ihren Anteil direkt am Biohof im 22. Bezirk oder in einer Verteilerstelle im 7. Bezirk in Wien abholen.

Community Supported…“ – hä?
In Europa entstand CSA in den 1980er Jahren in der Schweiz, in Japan benutzte man ein ähnliches Konzept schon seit den 1960ern. Von der Schweiz wanderte die Idee dann in die USA. Als die rasche Ausbreitung der Großmärkte begann, ging es in Neuengland den lokalen Märkten schlecht. Erschwerend zum Anbau von Gemüse und Obst kam das raue Klima hinzu. Massenproduktion war hier keine Option.

Stattdessen besann man sich auf die Stärken der Gemeinschaft. Man schloss sich zusammen, um die Landwirtschaft zu fördern. Man half sich gegenseitig, sowohl in der Planung, als auch im Arbeitsprozess der Landwirtschaft. Auch die soziale Gerechtigkeit war ein Faktor – man wollte benachteiligten Gruppen die Sicherheit auf Nahrung gewähren: Finanziell besser Situierte trugen die Schwächeren mit, indem sie der Landwirtschaft größere Mittel zur Verfügung stellten.

Bei vielen CSAs sind auch heute noch soziale Ideen wichtig. Vor allem besinnt man sich jedoch auf den Wert der Natur: So will man Menschen aus dem urbanen Umfeld wieder die Natur näher bringen, sich vom Gedanken von Nahrung als reines Konsum- und Handelsgut distanzieren, und darauf achten, dass auch kleine Betriebe fair entlohnt werden und so bestehen können.

Foto: (c) Lukas Unger

Foto: (c) Lukas Unger

Reine Dienstleistung oder Gemeinschaftsgedanke?
Flora möchte regionales und unbehandeltes Gemüse und Obst zu einem fairen Preis. Doch sie hat keine Zeit, sich in einer gemeinsamen Landwirtschaft zu engagieren, Unkraut zu jäten und Gemüse zu ernten. Manfred Radl möchte das ohnehin nicht: „Ich führe meinen Biohof nicht nach dem ursprünglichen CSA-Modell“, erklärt er. „Ich bin selbstentscheidend und kundenorientiert – es besteht also ein reines Dienstleistungsverhältnis.“ Für Menschen, die gerne selber herumgarteln wollen, bietet Radl Selbsternteparzellen an. Unabhängig davon meint er, dass sich laut einer Studie nur die wenigsten Menschen dafür interessieren würden, selbst Hand anzulegen, sondern sich lieber bequem das Endprodukt abholen würden. Wie eben Flora.

Doch der ursprüngliche Gedanke von CSA setzt stark auf die Gemeinschaft. Die Biologin Margit Zötsch aus der Steiermark betreibt eine CSA, welche noch eher auf diesem Gedanken basiert. Auf eineinhalb Hektar Fläche baut sie Gemüse und Obst an – auch Honig erzeugt sie. Hier ist die Beziehung nicht rein finanzieller Natur, auch die Kunden dürfen durch aktives Gestalten und eigene Ideen mitwirken. Viele schätzen das sehr und helfen bei der Bewirtschaftung gerne ab und zu freiwillig mit.

Zu welchem Grad die Kunden in die Landwirtschaft miteinbezogen werden würden, sei bei jedem CSA-Betrieb anders, so Margit Zötsch. Denn jeder hätte sein individuelles Modell. Zötsch ist – obwohl sie selbst eine CSA betreibt – zurzeit ebenfalls noch Mitglied bei einer anderen CSA: „Dadurch bekomme ich neue Ideen und kann mich austauschen, in einer Art Feedbackschleife“, erklärt sie.

Sicher für Landwirte, Risiko für Kunden?
Für den Landwirt kann CSA eine große Entlastung bedeuten und auch eine Verminderung des Risikos. Manfred Radl erklärt, dass es von Vorteil sei, bereits im Vorhinein seine Abnehmer zu haben: „Für mich ist es viel praktischer und angenehmer, wenn ich mich nicht um das Wirtschaftliche kümmern muss, also ‚wie viel bekomme ich für das Kilo‘ und ähnliches.“

Hingegen besteht ein kleines Risiko für die Kunden. Da der gesamte Ertrag durch die Anzahl der Mitglieder dividiert wird, kann es schon mal passieren, dass Kunden weniger erhalten, oder im schlimmsten Falle sogar leer ausgehen. „Einen Totalausfall hatte ich zum Glück noch nie“, erzählt Manfred Radl. „Aber die Karotten wurden schon mal von den Schnecken zerfressen, und dann gibt es halt weniger.“ Das Risiko des Landwirtes wird jedoch vermindert, indem es von mehreren Kunden mitgetragen wird.

Foto: (c) Lukas Unger

Foto: (c) Lukas Unger

Gemüse in den Mund per Mund-zu-Mund
Sich bei einer CSA oder solidarischen Landwirtschaft anzumelden wäre also eine Option für Flora. Leider weiß sie bis dato noch nicht, dass es so etwas gibt. Werbung im üblichen Sinne gibt es kaum, denn sie hat nicht zwangsläufig den gewünschten Effekt. Nach einer Studie der „University of Vermont“ führen traditionelle Werbemittel, wie Poster und Flyer, bei CSAs sogar zu negativen Effekten. Die klassische Mund-zu-Mund-Propaganda ist in diesem Bereich immer noch am effektivsten. Manfred Radl bestätigt dies: „Ein bisschen Werbung haben wir schon gemacht, aber zum Großteil läuft alles Mund-zu-Mund.“

Doch selbst wenn Flora nicht auf den CSA-Zug aufspringen sollte, es gäbe ohnehin genug Interessenten, meint Margit Zötsch. Im Moment sei vor allem im städtischen Bereich der Zuspruch der Bevölkerung enorm und würde sich noch weiter steigern: „Jeden, der selbst eine Landwirtschaft im CSA-Stil gründen will, kann ich mit gutem Gewissen darin bestärken. Er wird sich wohl keine Sorgen um Kundschaft machen müssen.“

Titelbild: (c) Lukas Unger

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