Giftig: 4 Dinge, die schlimmer sind, als die Nicht-Bio-Gurke

Hormonell aktive Substanzen in der Sonnencreme, Fungizide im Kleiderschrank und trotzdem geht’s immer um die gemeine Bio-Gurke?

Bio steht oft synonym für bewusste, nachhaltige und gesunde Entscheidungen. Doch darf Bio am Teller aufhören? Wir haben mit Lebensmitteltechnologen Dipl.-Ing. Günter Bindeus gesprochen und uns Infos von Greenpeace, Codecheck und anderen geholt.

Die Mutter aller (Bio-)Fragen, nämlich ob Bio und Bio-Lebensmittel grundsätzlich eine gute Sache sind, beantwortet Günter Bindeus im Gespräch generell mit Ja – aber nicht ohne Vorbehalte. Auch er kommt beim Thema „Bio = gesund leben?“ schnell auf den selektiven Grundtenor zu sprechen und meint: „Es ist naiv zu glauben, Ich lebe gesund, weil ich Bio-Gemüse kaufe und damit Pestizide vermeide.“ Es gebe viele andere Dinge, die wir jeden Tag und oft bedenkenlos konsumieren, die mindestens genauso, oft schädlicher für unseren Körper sind als der Genuss von konventionellen, nicht-Bio-zertifizierten Lebensmitteln. Oft werde immer noch vergessen, dass Schadstoffe nicht ausschließlich mit dem Essen in unseren Organismus gelangen: „Alles, was irgendwie mit unserer Haut in Berührung kommt, wird vom Körper aufgenommen.“

Wer sich wirklich bewusst um Schadstoffreduktion und Nachhaltigkeit im alltäglichen Leben bemühen will, der oder die muss weiter als bis ans Ende des Joghurtregals schauen und sich aktiv Wissen beschaffen. „Der Konsument will scheinbar wirklich belogen werden, denn die Informationen könnte sich jeder selbst holen“, sagt uns Günter Bindeus. Wir haben diesen Rat befolgt und eine Auswahl der häufigsten Schadstoffquellen in unser aller Alltag zusammengetragen.

1. Wer schön sein will, muss leiden
Viele Kosmetika aller Art (Shampoos, Cremes, Makeup, etc.) enthalten für den Menschen bedenkliche oder gar schädliche Inhaltsstoffe. Beispielsweise zählen die oft enthaltenen Magnesium Nitrate oder „Nitrosamine“ zu den am stärksten krebserregenden Substanzen. Endokrin aktive Substanzen wie Ethylhexyl Methoxycinnamate, zu finden in einer Vielzahl an Produkten, und Parabene können den natürlichen Hormonhaushalt beeinflussen, wie auch das Bundesministerium für Gesundheit bestätigt. Bei einigen Untergruppen der Parabene ist noch nicht geklärt, in welchem Ausmaß sie den Hormonhaushalt schädigen, denn es fehlt an Langzeitstudien an Menschen, wie das Scientific Committee on Consumer Safety der Europäischen Kommission aufwirft.

Sicher zu bewertende Alternativen bieten Naturkosmetik-Marken (z.B.: Lavera, Alverde, bi good) die mittlerweile oft im Handel erhältlich sind. Ein kurzer Blick auf die Liste der Inhaltsstoffe genügt um die ersten gravierenden Unterschiede festzustellen: So hat beispielsweise ein Duschgel der Marke Alverde 15 Inhaltsstoffe, in einem vergleichbaren Duschgel der Marke Dove finden sich rund 35 Inhaltsstoffe – davon mehrere in den Bereichen weniger bzw. nicht empfehlenswert: Tetrasodium EDTA und BHT (Konservierungsmittel), Coumarin (Duftstoff), Petrolatum (Lipid aus Erdöl), und DMDM-Hydantoin (ein Formaldehyd freisetzendes Konservierungsmittel).

2. Kleider machen Leute… und Hormonstörungen
„Ein Shoppingtag, an dem viele fabriksneue Kleidungsstücke anprobiert werden, ist sicher schädlicher für den Organismus als konventionelles nicht-Bio Gemüse zu sich zu nehmen“, gibt Günter Bindeus zu bedenken. Die Konzentration an Fungiziden und die diversen Mittel zum Farberhalt in der ungewaschenen Kleidung sei oftmals weit höher als alle erlaubten Pestizidwerte bei Obst und Gemüse. Diese giftigen Substanzen werden beim Anprobieren genauso vom Körper aufgenommen als ob sie im Magen landen würden.

Zwar existieren in den meisten europäischen Ländern strenge Grenzwerte für giftige Stoffe in der Kleidererzeugung. Das große Problem dabei ist aber, dass der Großteil der bei uns getragenen Kleidung so genannte Fast Fashion ist und von der anderen Seite des Erdballs kommt.

Aber nicht nur ungewaschene Kleidung enthält nachweislich Schadstoffe: Greenpeace hat in den letzten Jahren groß angelegte Studien zum Thema Giftstoffe in Kleidung und Schuhen veröffentlicht und listet perfluorierte Chemikalien (PFC), Phthalate und zinnorganische Verbindungen als weit über dem erlaubtem Höchstwert in Kleidung, auch in Kinderkleidung, enthalten. Diese Chemikalien werden unter anderem als Weichmacher und Fungizide eingesetzt und können das Wachstum bei Kindern, den Hormonhaushalt und das Immunsystem beeinträchtigen. Viele bekannte Marken erhielten schlechte Noten, wobei überraschenderweise hochpreisige Marken wie Adidas und Nike die höchsten Schadstoffwerte aufwiesen. Zwar haben sich laut Greenpeace die meisten Hersteller seit der Studie von 2012 (Studie: „Giftige Garne“) verbessert, von schadstofffreier Kleidung (und nachhaltiger Produktion) kann jedoch weiterhin keine Rede sein.

Wer auf Öko-Kleidung umsteigen kann und will, der kann nach den Siegeln von GOTS (Global Organic Textile Standard) oder IVN Best vom Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft Ausschau halten und sich dabei sicher sein. Dass der Preis der Ware der Qualität entsprechend angepasst ist, dürfte aber immer noch viele vom Umstieg abschrecken.

3. Rote Welle
Zwar ist allgemein bekannt, dass die Luftverschmutzung, vor allem in Großstädten, gesundheitliche Probleme birgt, aber konsequent schützen tun sich nur die wenigsten. Die Abgaswolke, die eine stehende KFZ-Kolonne erzeugt, wird von Radfahrern gerne als Grund für’s Vorbeidrängen und nicht Haltmachen angeführt. So problematisch dieser Grund verkehrsrechtlich auch sein mag, er ist berechtigt, wie eine Studie in Atmospheric Environment von Anju Goel und Prashant Kumar beweist. Und nicht nur Verkehrsteilnehmer, die sich außerhalb der Fahrzeuge befinden, kommen auf ihre Feinstaubkosten. Die Autofahrer selbst trifft die Abgaskeule im großen Stil: Laut Studie atmen Autopendler ein Viertel aller Abgase während des Haltens an Verkehrskreuzungen ein – und dabei verbringen sie nur zwei Prozent ihrer gesamten Pendelzeit dort. Weiter geht aus den Ergebnissen hervor, dass die Konzentration an Abgasen, die sich im Inneren des Autos sammeln, an Kreuzungen bis zu 29mal höher ist als während des Fließverkehrs.

Zwar werden mittlerweile Schritte in Richtung Abgasminimierung gesetzt und viele Hersteller produzieren Automobile, die den Motor beim Anhalten automatisch drosseln. Doch wirkliche Lösungen existieren kaum oder werden nicht konsequent umgesetzt. Denn auch die Emissionshöchstgrenzen für PKWs, die vielerlands bereits Gesetz sind, trifft gerade die größten Schmutzmacher, die Diesel-LKWs und Busse, nicht. Sie spucken weiterhin ohne Regulierung Abgase in die Luft. In Deutschland müssen zumindest PKWs, die in Ballungszentren (s.g. Umweltzonen) unterwegs sind, verpflichtend mit einer Schadstoff-/Umweltplakette gekennzeichnet sein. Alte Autos mit sehr hohem Emissionswert dürfen die Zentrumsstraßen gar nicht erst befahren. Diese Kennzeichnung ist in Österreich nachwievor freiwillig.

4. Teil ’ne Coke mit deinem… Weichmacher
Die Erfindung von Plastik hat unser Konsumverhalten dramatisch verändert. Plastik ist allgegenwärtig und viel zu lange hat es gedauert, bis wir auf die Gefahren der Plastik- und Wegwerfwirtschaft aufmerksam wurden. Der deutsche BUND erklärt in einer Publikation vom Juni wie sich chemische Stoffe aus Plastikverpackungen lösen können und so in den Körper gelangen – besonders bei Erwärmung. Phthalate oder „Weichmacher“, Bisphenol A (BPA) und zinnorganische Verbindungen werden auch hier als gefährliche, hormonell aktive Substanzen angeführt. Wer also regelmäßig Essen aus dem handelsüblichen Plastikgeschirr schlemmt, der nimmt wohlmöglich hormonverändernde Schadstoffe zu sich.

Die bei uns üblichen PET-Flaschen enthalten zwar keine Weichmacher, da sie nicht auf demselben PVC-Grundstoff basieren wie viele andere Plastikerzeugnisse, allerdings sind auch sie nicht schadstofffrei: Die süßlich schmeckende Chemikalie Acetaldehyd, der eine krebserregende Wirkung nachgesagt wird, löst sich bei längerer Lagerzeit ebenso aus dem Material und schwimmt ins Getränk. Aus diesem Grund wurden früher nur süße Limonaden in PET abgefüllt, da dort der schädlich-süße Beigeschmack nicht auffiel. Mittlerweile sind die erlaubten Höchstwerte von Acetaldehyd zwar deutlich herabgesetzt worden, nachweisbar ist die Substanz aber dennoch in fast jeder PET-Flasche. Dosenverpackungen von Getränken und anderen Lebensmitteln enthalten Bisphenol A zwar in geringerer Konzentration als PVC-basierte Materialien, doch auch hier konnten deutliche BPA-Werte in der Innenbeschichtung gemessen werden.

 

Weiterlesen:
-> andere Artikel zum Thema

Weiterführende Links:
www.codecheck.info
www.ages.at – Österr. Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit
Greenpeace-Studie: Giftige Garne (2012)
Greenpeace-Studie: Monsters in Your Closet (2013)
„Fast Fashion“ im Lexikon der Nachhaltigkeit
Plastik-Broschüre vom Bund für Umwelt und Naturschutz

Titelbild: mokant.at

Sabrina Freundlich leitet die Ressorts Musik und Kultur bei mokant.at. Twitter überfordert sie regelmäßig aber dennoch hat sie sich dort am wohl besten beschrieben, als "writeophile and fortune cookie lover". Kontakt: sabrina.freundlich[at]mokant.at

4 Comments

  1. anna

    3. November 2015 at 12:01

    Arg…hab das mit der Kleidung nicht gewusst. irgendwie unheimlich

    • Sabrina Freundlich

      3. November 2015 at 15:20

      Schon, oder? Wenn ich dran denke, wie oft ich in der Wäsche-Not schon auf neue, noch ungewaschene Shirts zurückgegriffen hab… brr.

  2. mp

    4. November 2015 at 18:09

    interessanter Artikel

  3. Waldmannfisch

    31. Dezember 2015 at 00:05

    Acetaldehyd entsteht in viel größeren Mengen als Zwischenprodukt beim Abbau von Alkohol in der Leber, so gesehen sind Bier Wein & co viel „gefährlicher“ als das Cola aus der PET-Flasche.

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