GfW: „Integrationspolitik funktioniert nicht“

(c) Lisa Edelbacher

Turgay Taskiran, Spitzenkandidat von Gemeinsam für Wien (GfW) im Interview über Conchita Wurst, neue Integrationsmaßnahmen und die Neuwahlen in der Türkei.

Von Medien wurde die von Turgay Taskiran initiierte Liste schnell in eine Schublade gesteckt. Unter den Namen „Migrantenliste“ oder „türkische Liste“ hat Gemeinsam für Wien schon von allen Seiten Kritik geerntet. Am Sonntag tritt Gemeisam für Wien zur Wien Wahl an, mit dem Ziel die fünf Prozenthürde zu schaffen. Im Interview spricht Spitzenkandidat Taskiran, der die Liste lieber türkis oder bunt betitelt, von neuen Integrationsmaßnahmen und Lösungsvorschlägen, „die andere Parteien nicht haben“. Ansonsten positioniert er sich nahe der ÖVP auf Familienpolitikebene und erklärt, wieso er Erdogans Rede in Wien nicht organisiert hätte.

mokant.at: Das Antreten einer eigenen migrantischen Liste sei Beweis für einen mangelnden Integrationswillen, sagt die FPÖ. Auch Sebastian Kurz wünscht sich einen Beitritt zu einer bereits etablierten Partei. Haben Sie mit solchen Reaktionen gerechnet?
Turgay Taskiran: Eigentlich nicht. Es ist ein positiver Schritt für die Integration, wenn sich Menschen mit Migrationshintergrund politisch beteiligen. Außerdem haben wir von Anfang an gesagt, dass es keine reine Migrantenliste ist, sondern dass wir auch Wiener mit in die Liste integrieren wollen. Wir haben Kandidaten aus elf verschiedenen Nationen und es sind alle Religionen vertreten. Es ist eine neue politische Bewegung.

mokant.at: Wieso ist Stephan Unger (wechselte von ÖVP zu GfW, mittlerweile wieder ausgetreten, Anm. d. Red.) ihrer Meinung nach wieder ausgetreten?
Taskiran: Wir sind eine neue politische Bewegung. Da gibt es natürlich am Anfang Probleme, wie die Bestimmung der Listenplätze, und fehlende Ressourcen. Da hat jeder seine Interessen. Es war nicht einfach, das alles unter einen Hut zu bringen. Und dann hat der Herr Unger gesagt, er ist nicht mehr dabei.

mokant.at: Mit einer Begründung?
Taskiran: Weil er einige Entscheidungen nicht als demokratisch empfunden hat. Es gibt Fristen, die man einhalten muss. Wir haben nicht so recht gewusst, wie das abläuft.

mokant.at: Deswegen auch das Problem mit den Plakatflächen? (fehlende Bewilligung, Anm. d. Red.)
Taskiran: Genau. Die Zeit war so knapp. Wir haben die Listen einreichen müssen. Demokratisch abzustimmen, war nicht mehr möglich.

mokant.at: Wie wurde dann abgestimmt?
Taskiran: Wir haben mit den Leuten gesprochen und versucht je nach Einsatz eine gerechte Liste zu machen. Für die Landeslistenbestimmung haben wir einen Vorstand bestimmt, der dann entschieden hat, wer auf die Landesliste kommt. Der Vorstand hat entschieden, dass der Herr Unger nicht in die ersten 10 kommt. Das war dann nicht okay für ihn.

mokant.at: Wer ist dieser Vorstand?
Taskiran: Der wurde bei einer Versammlung bestimmt. Er besteht aus zwanzig Personen – auch ich bin dabei, und unser Obmann Mehmet Akagündüz.

(c) Lisa Edelbacher

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mokant.at: Sie sprechen davon, alle Minderheiten in Gemeinsam für Wien zu inkludieren. Als Maturafach fordern sie nur Türkisch.
Taskiran: Nicht nur Türkisch, sondern für alle Sprachen, die in Wien gesprochen werden, sollte es die Möglichkeit geben darin zu maturieren. Es werden natürlich Prioritäten gesetzt. Sprachen, die am meisten gesprochen werden, wie Serbisch, Russisch, Slowakisch oder Tschechisch, sollen Priorität haben. Falls es Interesse für eine ausgefallene Sprache geben würde, könnte man auch darüber reden.

mokant.at: Wie wollen Sie das Interesse hier konkret feststellen?
Taskiran: Man könnten zum Beispiel Umfragen in den Schulen machen. Natürlich muss man auch ein Lehramt für Türkisch oder andere Sprachen implementieren, damit dann folgend auch genügend Lehrkörper da sind.

mokant.at: Sie fordern weiters eine Durchmischung der Klassen, wie wollen Sie das konkret erreichen?
Taskiran: Es gibt ja zum Beispiel Schulen in Favoriten, die einen sehr hohen Anteil an Migranten haben. Hier sehe ich, dass die Qualität der Bildung sehr nachlässt. Es gibt ja auch Schulen in Favoriten, die fast nur von Österreichern ohne Migrationshintergrund besucht werden.

mokant.at: Welche Schulen in Favoriten sind das?
Taskiran: Wüsste ich jetzt nicht. Einfach Schulen, wo der Anteil an Migranten sehr gering ist. Zum Beispiel in Oberlaa oder so. Müsste man sich jetzt anschauen. Ich bemerke, dass viele Migranten ihre Kinder jetzt auch in private Schulen schicken.
mokant.at: So wie Sie auch ihre Kinder.
Taskiran: Weil sie sagen die Qualität in öffentlichen Schulen sei nicht mehr so gut.

mokant.at: Sie wollen diese Qualität durch Durchmischung erreichen?
Taskiran: Ja genau.

mokant.at: Müsste man an dieser Stelle nicht mit einer Durchmischung der Wohngegenden beginnen? Wiener Volksschulplätze werden nach einem Wohnsprenkel zugeteilt.
Taskiran: Natürlich. Das ist auch eines unserer Themen. Dass man auch die Wohngegenden schön durchmischt.

mokant.at: Wie will man das erreichen?
Taskiran: Es könnten Mieten auf eine gewisse Höchstmiete festlegt werden. Auch bei den Gemeindebauwohnungen muss man für eine Durchmischung sorgen, dass sich keine Ghettos bilden.

mokant.at: Wie wollen Sie das finanzieren?
Taskiran: Vor allem dadurch, dass die Stadt Wien neue Wohnungen schafft, die auch für sozial schwache leistbar sind. In der neuen Seestadt in Aspern hat das gut funktioniert. Das muss man ausdehnen auf ganz Wien. Die Mieten der Gemeindebauwohnungen sind in den letzten vier Jahren sehr stark gestiegen, höher als die Inflation. Man muss wirklich schauen, dass die Gemeindebauwohnungen, die eigentlich für sozial schwächere Menschen da sind, nicht von Politikern, die viel höherer Gehälter haben, bewohnt werden.

mokant.at: Diesen Punkt kritisieren auch andere Parteien, wie zum Beispiel die Grünen. Im Programm der Grünen sind noch einige weitere Parallelen zu Ihren Forderungen zu finden. Wieso sollte man Gemeinsam für Wien und nicht den Grünen seine Stimme geben?
Taskiran: Bei den Grünen liegt ein Schwerpunkt auf Umweltschutz. Der Umweltschutz ist uns auch sehr wichtig. Unser großes Projekt ist allerdings das neue Zusammenleben. Andere Parteien haben keine Lösungsvorschläge dafür, wie Migranten besser integriert werden können, um ein besseres Zusammenleben zu schaffen. Die Wählerschicht einer Partei, kennt kaum Migranten, ist aber gegenüber Migranten negativ eingestellt. Würde die Möglichkeit bestehen, in Begenungszonen von Wohnhausanlagen zusammenzukommen, zu kochen, zu grillen, dann wäre das gegenseitige Verständnis viel besser. Es würde weder Hass noch Ausgrenzung bestehen. Ein großes Problem im Bereich Integration bedeutet die deutsche Sprache. Ein Deutschkurs allein reicht oftmals nicht. Wenn sich beispielsweise eine türkische Hausfrau in den Deutschkurs setzt, aber nicht die Möglichkeit hat Konversation zu betreiben, dann bringt dieser Deutschkurs nichts. Oftmals sehe ich das bei meinen Patienten. So im Alltag hier in Favoriten oder Simmering können Erledigungen auch ohne Deutsch gemacht werden.

mokant.at: Im Wahlprogramm der Grünen steht dass sie „das Zusammenleben, den Dialog im Zuge von Nachbarschaftsprojekten und Schulen fördern wollen.“ Diese Idee ist eine sehr ähnliche. Wo liegt hier der konkrete Unterschied?
Taskiran: Ich habe mir jetzt das Programm der Grünen nicht angeschaut, also ich weiß nicht wo die Unterschiede sind. Bei uns ist mehr die Familie im Vordergrund. Wir haben mehr Nähe zur ÖVP auf Familienpolitikebene.

mokant.at: Sie sagen in einem Interview mit News, „dass es für eine richtige Familie biologische Gegebenheiten gibt.“ Wollen Sie eine homosexuelle Wählerschaft ausschließen?
Taskiran: (Er zögert) Ausschließen? Wir wollen eigentlich alle Wiener ansprechen. Natürlich ist Homosexualität ein Thema in der Gesellschaft, aber würden wir jetzt nicht in den Vordergrund stellen. Die Sexualität ist Privatsache, wie auch Religion. Meine persönliche Einstellung ist eher nahe der ÖVP – gleichgeschlechtliche Partnerschaften OK, aber keine Ehe“.

mokant.at: Wie steht Gemeinsam für Wien dazu?
Taskiran: Wir haben das in unserem Programm nicht behandelt.

(c) Lisa Edelbacher

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mokant.at: Also gibt es keine Stellungsnahme dazu?
Taskiran: Es gibt keine Meinung dazu. Meine persönliche Meinung als Spitzenkandidat ist, dass es für eine Ehe Mann und Frau geben muss, auch mit Hinblick auf den Aspekt der Fortpflanzung.

mokant.at: Welchen Nachteil bringt es für die Gesellschaft wenn die Eheschließung zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern stattfindet?
Taskiran: Es ist ja so, dass es biologische Gegebenheiten gibt. Ein Mann kann noch immer keine Kinder bekommen. Die Zuneigung von der Mutter zum Kind ist viel größer ist als die vom Vater. Das sind Gegebenheiten. Natürlich kann sich ein Vater oder ein Mann sehr gut um ein Kind sorgen, aber der Mann kann noch immer nicht stillen.

mokant.at.: Seit Conchita Wursts Sieg beim Eurovision Song Contest steht Österreich in einem sehr tolerantem Licht. Haben Sie sich über den Sieg gefreut?
Taskiran: Schon eigentlich. Ein Jahr zuvor haben ja bei der Ausscheidung die Trackshitters gewonnen. Conchita Wurst hätte hier schon ein Jahr früher gewinnen sollen. In der Türkei sind ähnliche Persönlichkeiten sehr populär wie, Herr Bülent Ersoy. Da ist die türkische Gesellschaft viel offener als die österreichische. Ich habe mich sehr gefreut, dass Conchita gewonnen hat.

mokant.at: Was sagen Sie zu den kommenden Neuwahlen in der Türkei?
Taskiran: Ich bin der Meinung, dass demokratische Werte sehr wichtig sind. Probleme müssen auf demokratischen Weg und auf keinen Fall mit Gewalt gelöst werden. Es kann nicht sein, dass Menschen zu Gewalt greifen, um ihre politischen Forderungen umzusetzen. Ich fand es falsch, dass die HDP im vorhinein, kategorisch ausgeschlossen hat mit der AKP zu koalieren. Ich würde mir wünschen, dass es eine Lösung gibt nach der Wahl. Ich wäre eine Verfechter einer CHP-AKP Regierung gewesen, da es eine große Koalition gewesen wäre. So hätte man sehr viel umsetzen können.

mokant.at: Sie waren Präsident des Verein UETD und sagten bereits in Interviews, dass ihr politisches Interesse für die Türkei mit Wien nichts zu tun hat. Welche Wertigkeiten übernehmen Sie von ihrer Zeit als Präsident und ihrem Interesse für die türkische Politik mit zu Gemeinsam für Wien?
Taskiran: Ehrlich gesagt keine. Der Weg, den die UETD seit 2013 eingeschlagen hat, mit dem bin ich überhaupt nicht einverstanden.

mokant.at: Sie sagten weiters, Sie hätten Erdogans Rede in Wien 2014 nicht organisiert. Wieso nicht?
Taskiran: Der Zeitpunkt war falsch. Obwohl gesagt worden war, dass es kein Wahlkampf war, war es ein Wahlkampf in Europa. Das hätte ich nicht befürwortet. Nach den Wahlen wäre es sicher möglich gewesen. Andererseits muss man auch sagen, dass des Verein UETD kritisiert wird AKP nahe zu sein, aber nicht, dass grüne Abgeordnete die HDP unterstützen. Die österreichische Politik sollte sich da nicht einmischen.

mokant.at: Waren Sie bei Erdogans Rede dabei?
Taskiran: Ich war als ehemaliger Präsident der UETD eingeladen und daher dabei.

Ich bin Rapid Fan aber auch Galatasaray Fan.

mokant.at: Sie wurden von den Medien in eine Ecke gedrängt und als türkische Liste bezeichnet. Glauben Sie die Wiener nehmen Ihnen die türkise, bunte Liste ab?
Taskiran: Es gibt Menschen, die es mir abnehmen. Wir haben achtzig Kandidaten und mehr als die Hälfte sind türkischstämmige Wiener, alles Österreicher. Das Hauptproblem ist noch immer, dass man türkischstämmige Migranten noch immer nicht als Österreicher ansieht. Auch mich nicht, obwohl ich in Österreich geboren bin. Das zeigt, dass die Integrationspolitik nicht richtig funktioniert hat, in den letzten Jahren. Ich bin stolz, dass ich türkische Wurzeln habe und türkisch spreche. Bei einem Fußballspiel Türkei-Österreich würde ich eher zur Türkei halten. Wenn aber Österreich gegen Deutschland spielt, bin ich zu 100 Prozent Österreicher. Ich bin Rapid Fan aber auch Galatasaray Fan.

mokant.at: Glauben Sie, dass Gemeinsam für Wien die Fünf Prozent Hürde am Sonntag schafft?
Taskiran: Ich glaube es schon. Obwohl die Umfragen sagen, dass wir es nicht mehr schaffen, glaube ich es schon.

Info_türkischeliste_wien_wahl_gfw

Titelbild und Fotos: (c) Lisa Edelbacher

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Klara Kostal ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: klara.kostal[at]mokant.at

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