Wiener Obdachlose: Im Rollstuhl nach Wien

venzi

Süchtig. Aggressiv. Faul – Eine Schande für das Stadtbild. Das spiegelt die Meinung vieler Menschen über Obdachlose wider. Christopher Ian Ewert, Steven Meyer und Victor-Dario Pfannmöller wollten wissen, wer hinter diesen Personen steckt, die auf Wiens Straßen leben. Die Serie „Wien – Deine Obdachlosen” führte sie dieses Mal zum 36-jährigen Venzi.

Wien. Schottentor. Wer hier öfter ist, kennt ihn vielleicht vom Sehen – oder hat ihm schon einmal Geld gespendet oder etwas zum Essen gegeben. Dem Mann im Rollstuhl, der immer freundlich lächelt und die Vorbeigehenden grüßt. Venzi, gebürtiger Bulgare, ist 36 Jahre alt und sitzt meist den gesamten Tag hier, in der Hoffnung eine kleine Spende zu bekommen. An diesem Ort wird er wahrgenommen und viele Menschen kennen ihn schon.

Geboren ist Venzi in Gabrowo. Die Stadt befindet sich im Landeszentrum und ist 220 Kilometer von der Hauptstadt Sofia entfernt. Gleich nach der Geburt wurde er von seiner Mutter auf der Entbindungsstation zurückgelassen. Seine Familie hat er nie kennengelernt, weshalb er seine Kindheit und Jugend in verschiedenen Waisenheimen verbrachte. In einem dieser Heime erfuhr er viel Gewalt und wurde oft verprügelt. Das ist der Grund, wieso er auch heute noch im Rollstuhl sitzt und nicht Laufen kann.

Als er 18 Jahre alt wurde, verließ er das Heim. Es zog ihn in die Millionenstadt Sofia, wo er jedoch schnell auf der Straße landete. Seitdem versuchte er sein Leben durch Betteln zu finanzieren. 2014 zog er nach Österreich, weil ihm erzählt wurde, dass die Lage hier besser sei als in Bulgarien und man ihn besser behandeln würde. Wien bezeichnet er mittlerweile als seine neue Heimat und das, obwohl er die Sprache noch nicht einmal spricht. „In Bulgarien gibt es nicht so viel Hilfe, weil die Menschen selbst nichts haben“, erzählt Venzi. In Wien bekomme er Essen und gelegentlich Geld von freundlichen Menschen. Zum Waschen kann er immer in eines der Obdachlosenzentren Wiens fahren. Immer wieder erwähnt er Gott und dass die helfenden Menschen hochleben sollen. Er ist ein religiöser Mensch.

Über sein Heimatland Bulgarien hat Venzi nichts Gutes zu sagen. Immer wieder erzählt er, dass die Menschen von Bulgarien nach Österreich kommen, um Arbeit zu suchen und ein besseres Leben zu führen. „Das funktioniert hier viel besser als in Sofia. Da gibt es nur Krise und keine Jobs“, sagt Venzi. Er selbst finanziert sich sein Leben jedoch noch immer durch Betteln. In Sofia lebte er in ständiger Angst, aber hier in Wien fürchtet er sich eigentlich vor nichts, erzählt er. Obwohl er täglich irgendwo rund um die U-Bahnstation Westhahnhof übernachtet.

Dort zu übernachten ist nicht ungefährlich und entspannt schlafen kann Venzi hier nicht. Es kommt oft vor, dass er angegriffen wird oder Leute versuchen sein Geld zu stehlen. Rund um den Bahnhof versuchen schließlich viele Menschen die Nacht zu verbringen. Wenn so etwas passiert, kann er jedoch immer auf Hilfe zählen. Das schätzt er an Österreich. Dass es Menschen gibt, die ihn unterstützen. Mit Bulgarien verbindet ihn nichts mehr. Heimatgefühle hat er nicht und er möchte auch nie wieder zurück. Seine Heimat ist in Österreich. Hier in Wien.

 

Titelbild: (c) Christopher Ian Ewert, Steven Meyer, Victor-Dario Pfannmöller

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