Bio Eier: Zur Expansion gezwungen

Wir haben uns bei den Bio-Hühnern umgesehen und den Weg von der Henne zum Ei nachverfolgt. Die Bäuerin Nicole Tretter erklärt, wie sie Krankheiten im Hühnerstall vermeidet und warum Biohöfe ein erhöhtes Außenrisiko haben.

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Mittlerweile ist es zehn Uhr und die Hühner haben bereits fleißig Eier produziert – Zeit, die Eier abzunehmen. Wir gehen langsam zurück in den Vorraum des Hühnerstalls, wo in der Wand das Ende eines Förderbands zu sehen ist. Die Bäuerin betätigt ein paar Schalter an der Maschinerie und erklärt, was nun passiert: Zuerst wird ein Netz, das anfangs am Boden der Nester liegt, hochgeklappt, damit die Hennen die Förderbänder verlassen und nur Eier am Ende herauskommen. „Die Hühner werden sachte rausgeschmissen“. Die Eier bleiben im Nest, da das Netz genau die richtige Maschengröße hat. Nach ein paar Minuten kommen tatsächlich Eier am Ende des Förderbands heraus. Nicole Tretter räumt sie rasch und geübt in eine Kartontasse und bringt sie in den Vorraum. Hier stellt sie die Tasse in eine kleine Maschine, die sich als Stempeldruckmaschine herausstellt. Der Identifikationscode wird auf jedes Ei gedruckt. Danach werden die Eier einzeln auf ein kleines Förderband gelegt – hier werden sie abgewogen. Je nach Gewichtsklasse rollen sie eine andere Rutsche hinab und warten darauf, abgepackt zu werden.

Eier sortieren stempeln verpacken

 

Schmutzige Eier sortiert Nicole Tretter penibel aus – sie werden nicht verkauft, sondern können zu Nudeln verarbeitet werden. Warum die Eier nicht gewaschen werden? Dadurch würde man die Schutzschicht des Eis und die Schale beschädigen und es wäre nicht mehr lange haltbar, erklärt die Eierexpertin.

 Sein Stall – ihr Stall
Am Biohof Tretter herrscht Arbeitsteilung – der eben besuchte Stall fällt in Erwin Tretters Aufgabenbereich, der zweite Stall, der einen kurzen Fußweg entfernt liegt, in Nicoles. Wir gehen die bereits erwähnte Straße entlang, um auch den zweiten Stall anzusehen, der Weg dauert ein paar Minuten. Der Stall ist durch eine Trennwand in der Mitte komplett abgetrennt, in jeder Hälfte des Stalls leben 3.000 Hühner. Hier sind vor drei Tagen insgesamt 6.000 neue Hühner eingezogen, die sich langsam einleben. Während der Eingewöhnungsphase dürfen die Tiere nur bei Schönwetter in den Auslauf. Da es mittlerweile angenehm warm geworden ist und die Sonne scheint, möchte Nicole Tretter die Hühner auf die Wiese lassen.

Die Bäuerin betritt den Vorraum des Stalls und betätigt einen von vielen Knöpfen auf einer komplizierten Maschine – dadurch werden die Tore zum Auslauf geöffnet. Die Hühner lugen erst neugierig aus den Toren und spazieren vorsichtig ins Freie. Man merkt, dass sie noch etwas scheu sind, sie schrecken einmal auf und laufen vor einer Gefahr davon, die nur sie sehen. „Hühner gehen nur sehr ungern in offenes Gelände, sie brauchen Strukturen, die sie vor Raubfeinden schützen“, erklärt Kornel Cimer von Vier Pfoten dieses Verhalten.

Im Auslauf stehen ein paar junge Obstbäume, die die Hühner als von Vier Pfoten erwähnten Schutz vor Raubfeinden nutzen können. Die wachsen allerdings nicht besonders schnell, erklärt die Bäuerin, weswegen sie nun ein paar Obststräucher einsetzen möchte. Ihre Hühner leben sich schnell ein und nutzen nach einiger Zeit den Auslauf sehr gerne, erzählt sie. Nach einem letzten prüfenden Blick in den Stall verlassen wir den Stall und machen uns auf den Weg zurück zum Hof. Nun ist Zeit für die letzten Fragen. Wie viele Eier hier täglich produziert werden? Zurzeit legt der 2.000-Hühner-Stall etwa 1.800 Eier pro Tag, die jungen Hennen im größeren Stall beginnen erst in circa zwei Wochen mit dem Eierlegen. Wenn alle Hennen legen, werden hier täglich circa 6.000 bis 6.500 Eier produziert.

 Stall 2 Hühner werden in den Auslauf gelassen

 

Homöopathie im Hühnerstall
Wie hoch ist der „Ausfall“, der Prozentsatz der Hühner, die während ihrem Aufenthalt hier sterben? „Bei der letzten Ausstallung war das ein Traum, wir hatten trotz Außenrisiko – Fuchs, Autos und Co – einen Ausfall von vier Prozent.“ Im Durchschnitt gäbe es auf diesem Hof einen Ausfall von 5 bis 6 Prozent. Wichtig sei, dass sie Krankheiten gar nicht erst aufkommen lasse, erklärt Nicole Tretter. Durch Homöopathie, Mineralstoffe und Kräuter, die sie je nach Bedarf der Hühner ins Futter mischt, habe sie das ganz gut unter Kontrolle. Täglich kontrolliert sie den Gesundheitszustand der Hühner, um im Bedarfsfall sofort reagieren zu können. Das Gewicht der Hennen wird durch Computerwaagen, die im Stall eingebaut sind, automatisch kontrolliert.

Wenn eine Krankheit ausbricht, „hab ich verloren“, erklärt die junge Frau weiter. Denn dann sei es schwierig, sie unter Kontrolle zu bringen, vor allem, wenn bereits mehrere oder gar alle Hühner im Stall angesteckt sind. Im Ernstfall würden die Tretters schon Antibiotikum anwenden, doch das sei in den letzten Jahren nicht notwendig gewesen. „Da muss ich aber auf Holz klopfen“, sagt sie, blöde Zufälle könne es immer geben. Sollte es doch einmal notwendig sein, Antibiotikum zu verwenden, dürfen die Eier übrigens für einige Zeit nicht als BIO-Eier verkauft werden.

Das Ganze – die ständige Beobachtung und das Kümmern um die Tiere – ist sehr zweitaufwändig, das bestätigt die Bäuerin. „Mehr als drei oder vier Nächte im Jahr fahren wir nicht auf Urlaub – das geht einfach nicht“, erklärt sie, während sie zum Abschluss das Tor zum zweiten Teil des Auslaufs öffnet, der zum Hühnerstall Nummer Eins gehört. Die Hühner sind mittlerweile nicht mehr scheu und folgen dem Besuch auf Schritt und Tritt. Bunte Schnürsenkel finden sie anscheinend besonders spannend – sie pecken neugierig hin und schaffen es mit vereinten Kräften, binnen weniger Sekunden beide Schuhe zu öffnen.

Bio Hühner

 

Dem Wohl der Tiere verschrieben
Die Frage, wie sie denn überhaupt zu einem Biohof gekommen sei, ist für Nicole Tretter einfach zu erklären. Ihr Mann hatte bereits vor dem gegenseitigen Kennenlernen einen Hühnerhof, 1995 stieg er auf biologische Tierhaltung um. 2003 ist sie auf den Hof gekommen, direkt aus einem Bürojob. Mit Landwirtschaft hatte sie bis dato nichts zu tun. Anfangs war sie ein bisschen skeptisch, erzählt sie, hat sich jedoch schnell eingelebt und mit ihrer Skepsis ständig neue Wege gesucht, Dinge zu verbessern. Für sie stand damals sowie heute das Wohl der Tiere im Vordergrund, erklärt sie.

Um das zu bestätigen, verweist die Bäuerin auf zahlreiche Siegel, mit denen der Hof ausgezeichnet ist. Unter diesen findet sich auch das Prüfzeichen „Tierschutzgeprüft“ wieder, das von der Kontrollstelle für artgemäße Nutztierhaltung vergeben und kontrolliert wird. Nach kurzer Internetrecherche findet man einen genauen Katalog, welche Kriterien dabei einzuhalten sind – doch der genaue Abstand zwischen Sitzstangen, Futtertrögen etc. sagt einem Laien nicht viel. Kornel Cimer erklärt, dass dieses Zeichen die „Einhaltung höherer Standards als vom Gesetz vorgeschrieben“ fordert, was auch regelmäßig kontrolliert wird.

Zahlt es sich finanziell aus, Bio-Bauer zu sein? Die junge Frau erklärt erst einmal, dass für sie keine andere Haltungsform als Bio in Frage käme. Finanziell zahle es sich dann aus, wenn man viel Zeit und Liebe investiere. „Leben können wir davon“, erklärt sie. „Das einzige, das uns immer fehlt, ist Zeit.“ Was sie jedoch schade findet, ist, dass sie aus wirtschaftlichen Gründen eigentlich dazu gezwungen sind, „ständig zu wachsen“. 8.000 Hühner sind im Bio-Bereich eigentlich schon relativ viel – laut Vier Pfoten liegt der Durchschnitt eines Biohofs bei einer Hühnerpopulation von 1.600. Eine Durchschnittszahl sei jedoch nicht sehr aussagekräftig, da auch Biohöfe mit 100 Hühnern miteinberechnet werden, erklärt Nicole Tretter. Ihr Hof sei „einer der größeren“ in Österreich. Doch dass sie noch weiter vergrößern müssen, schließen die Tretters nicht aus. Es sei einfach nicht möglich, die Erwartungen, die manche Bio-Werbungen erzeugen, zu erfüllen – ein Hof mit ein paar Hühnern, die frei herumlaufen, sei wirtschaftlich nicht umsetzbar.

Im Vordergrund stehe jedoch zu jeder Zeit nicht die Eierproduktion, sondern die Gesundheit und die Lebensqualität der Tiere. „Wir haben uns dem Wohl der Tiere verschrieben und bieten jedem Tier den besten Lebensraum.“ Ob das in allen Biohöfen so ist, weiß sie nicht. Als Orientierung für den Konsumenten empfiehlt sie, Gütesiegel als Indikator heranzuziehen. „Ich hoffe, dass es in ganz Österreich so ist wie bei uns, aber wissen tu ich es nicht.“ Kornel Cimer von Vier Pfoten weist darauf hin, dass einer der größten Einflussfaktoren auf das Wohlergehen der Tiere das Management des Betriebs ist. „Das lässt sich nur sehr schwer mit einer Richtlinie verordnen. Was man sagen kann, ist, dass in Bio-Betrieben das Potential grundsätzlich höher ist, dass es den Tieren besser geht, da ihnen einiges angeboten wird.“

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passend dazu:

 

 Titelbild und alle Fotos: (c) Jasmine Schuster

 

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Jasmine Schuster studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien und ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: jasmine.schuster[at]mokant.at

1 Comment

  1. Dr. Edmund Berndt

    25. Oktober 2015 at 18:02

    Homöopathie dringt aus der Medizin in den Alltag vor

    Geschickt haben es die Homöopathen und vor allem die Werbe- u. Marketingmanager der Homöoindustrie verstanden sich mit dem Zeitgeist zu segnen. Dabei wird natürlich in allen Medien kräftig nachgeholfen.

    So wird heute im Zuge der ausufernden Bio-, Natur- u. Nostalgiewelle, wie könnte es auch anders sein, die Homöopathie mit allen diesen Begriffen, die Gesundheit, langes, wenn nicht gar ewiges Leben versprechen, gleichgesetzt. Darüber hinaus erlöst uns die Homöopathie sanft von sprichwörtlich allen Übeln der Zivilisation, der Naturwissenschaft und der bösen Aufklärung schlechthin. Natürlich und Homöopathie sind gewinnbringende siamesische Zwillinge.

    Die Attraktivität ist ungebrochen. Nahezu alles kann irgendwie homöopathisch behandelt werden. Auch Seuchen wie Ebola werden zum Ziel homöopathischer Behandlungsphantasien. Selbstverständlich gehört heute die Homöopathie zum Repertoire der Veterinärmedizin. Haus- u. Nutztiere werden behandelt und auch im Gartenbau wird Homöopathie angewendet. Und wenn es zusätzlich gemacht wird, dann wirkt es ganz sicher, oder?

    Der Aberglaube Homöopathie ist nämlich längst nicht mehr eine medizinische Behandlungsmethode in engerem Sinn. Die magischen Grundlagen des Gesundheitsaberglaubens Homöopathie finden in allen erdenklichen Lebensbereichen Anwendung. So werden auch Pflanzen schon homöopathisch behandelt. Gemäß dem Leitdogma „Gleiches heilt Gleiches“ werden mit Helix tosta Globuli (geröstete Schnecke) Gartenschnecken in Schach gehalten. Homöopathische Informationen werden zur Verbesserung des Wohnraumklimas an die Wand gemalt. Auch bei Mauerentfeuchtungsgeräten – ein eigenes Tummelfeld für Pseudotechnik – wird mit Homöopathie argumentiert.

    Es wird eine Wirksamkeit vorgegaukelt. Die unüberbrückbaren Ungereimtheiten und Gegensätze zu Wissenschaft werden hinter transrealen Vorstellungen versteckt. Der Begriff „Homöopathie“ wurde zum Zauberwort. Nichts und niemand hindern, dieses magische Wort auf jeden nur denkbaren Nonsens umsatzsteigernd draufzukleben. Absolut jeder der will, kann sich als Homöopath bezeichnen, sich auf die Homöopathie berufen und irgendwelchen kruden Mittel und Verfahren zumindest das Markenzeichen Homöopathie umhängen. Daran stößt sich auch in der akademischen Homöopathiegemeinde niemand.

    Allerdings von Empfehlungen zur Empfängnisverhütung mittels Homöopathie konnte ich bis dato nichts bemerken. Ein katholischer Arzt, der als „Schulmediziner“ bezeichnet wurde, hatte laut angedacht Homosexualität mit Homöopathie zu heilen. Ich darf wiederholen. Es gibt keine ernsthaften Einwände oder laute Proteste gegen diese und andere Skurrilitäten seitens ärztlicher Homöopathiegesellschaften.

    Mit der allmächtigen Homöopathie kann man auch das Weltmeer kurieren und Sushi und Kabeljau schmecken wieder. Grace DaSilva-Hill, eine gut bekannte britische Homöopathin startete eine Kampagne zur ihrer Rettung. Sie appellierte schriftlich an andere Homöopathen, Leuticum, eine Lues-Nosode, ins Meer zu tröpfeln. Nach Grace DaSilva-Hill soll man, wenn das Meer zu weit weg ist, das Mittel einfach in einen Bach oder Fluss träufeln. Und wenn auch das auch nicht möglich ist, genügt es auch, das Mittel über die Toilette runterspülen. Homöopathie kennt keine Grenzen.

    Aber damit sind die Anwendungsphantasien noch lange nicht ausgereizt. Falls nämlich das Mittel nicht erhältlich ist. – unglaublich, aber wahr. – genügt es auch, liebe- u. hingebungsvoll ein Glas Wasser mit dem Namen des Mittels zu besprechen und Abrakadabra die Weltmeere heilende Information wird – sie ahnen es – schwuppdiwupp im Wasser gespeichert und kann dann, wenn es nicht anders möglich ist, auch per WC ins Meer gespült werden. Merke: Kein Wasser ist zu blöd, um heilende Informationen speichern zu können. Wasser besteht jede Pisastudie. Homöopathisch informiertes Wasser hat Hochschulreife!

    Was für aufgeklärte Zeitgenossen ein kurioser Aberglaube ist, gilt für Anhänger als unbedingt wahr also für mehr als nur irgendwie wahrscheinlich oder zufällig. Dafür gibt es verschiedene Gründe und Erklärungen, die nicht isoliert zu sehen sind, die ineinander übergehen und die mit dem Phänomen Aberglaube zusammenhängen.

    Mit pseudowissenschaftlichen Argumenten wird das Unwahrscheinliche logisch gemacht und charismatische Scharlatane – heute Gurus oder Wunderheiler genannt – verkünden das neue Heil. Und auch die Anhänger von alternativen, komplementären und ganzheitlichen Heillehren und Modeströmungen streben unter Berufung auf Demokratie und Meinungsfreiheit nach Gleichberechtigung und verlangen immer vehementer die Integration. Das Qualitätskriterium ist die offensichtliche Beliebtheit, mehr nicht.

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