Ludwig (SPÖ): „Eine Stadt wird nie an allen Ecken pipifein sein”

(c) Thomas Knapp

Wohnbau-Stadtrat und SPÖ-Politiker Michael Ludwig im Interview mit mokant.at über die Gründe der hohen Arbeitslosigkeit, Wiens Kindergärten, das aktuelle Wahlrecht sowie den parteiinternen Nachfolger von Michael Häupl.

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Seit 2007 ist Michael Ludwig amtsführender Stadtrat für Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung. Er folgte Werner Faymann nach, der anschließend bekanntlich zum Bundeskanzler wurde. Im Interview spricht Stadtrat Ludwig über Erfolge in seinem Kerngebiet dem Wohnbau, über Maßnahmen zur besseren sozialen Durchmischung in allen Bezirken, „Bobo-Kindergärten“ sowie den bereits feststehenden parteiinternen Nachfolger von Michael Häupl.

(c) Thomas Knapp

(c) Thomas Knapp

mokant.at: Die SPÖ plakatierte in den vergangenen Wochen “Wien ist die schönste Stadt der Welt. Aber was bringt dir das, wenn’st keine Hackn hast?” Was hat die SPÖ in den vergangenen Jahren verabsäumt, dass die Arbeitsplatzsituation in Wien offenbar so schlecht ist?
Michael Ludwig: Man darf nicht vergessen, dass wir seit 2008 die größte Finanz- und Wirtschaftskrise seit den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts erleben. Nämlich seit 1929, als der große Börsenkrach die ganze Welt erschüttert hat. Und aktuell haben wir die erste wirklich internationale Finanz- und Wirtschaftskrise, die nicht nur einzelne Kontinente und Länder trifft, sondern wirklich die Weltwirtschaft. Wir haben versucht seit 2008 umfassende Maßnahmen zu setzen um stabilisierend für Wiener Wirtschaft und damit verbunden für die Arbeitsplatzsicherung zu wirken. Das ist auch gelungen, denn wir haben so viele Arbeitsplätze in Wien wie noch nie. Es ist aber richtig, dass die Arbeitslosigkeit dennoch gestiegen ist. Das hängt aber auch damit zusammen, dass Wien für die gesamte Ostregion Österreichs und weit darüber hinaus, ein wichtiger Wirtschaftsstandort ist, in den täglich etwa 300.000 Menschen einpendeln um in Wien Arbeit zu finden. Wien erwirtschaftet mit einem Fünftel der gesamten Bevölkerung ein Viertel des gesamten Wirtschaftsaufkommens.

(c) Thomas Knapp

(c) Thomas Knapp

mokant.at: Was kann man konkret gegen die Arbeitslosigkeit in Wien tun?
Ludwig: Wichtig ist vor allem Maßnahmen im Bereich der Jugendarbeitslosigkeit zu setzen. Das ist uns insofern gut gelungen, als wir mit der Wiener Ausbildungsgarantie sichergestellt haben, dass alle die jetzt im dualen Ausbildungssystem keinen Lehrplatz bekommen, mit überbetrieblichen Lehrwerkstätten die Möglichkeit haben eine entsprechende Ausbildung zu absolvieren. Denn Bildung ist eine wichtige Voraussetzung damit man sich auf dem Arbeitsmarkt behaupten kann. Es sind vor allem diejenigen arbeitslos, die über eine geringe Ausbildung verfügen, während wir in Wien sehr wohl Bedarf an weiteren Fachkräften hätten.
Wien hat auch so viele Studierende wie keine andere Stadt im deutschsprachigen Raum und ist – wenn man so will – die Universitätsstadt überhaupt. Wir haben neun Universitäten, sechs Privatuniversitäten und fünf Fachhochschulen und versuchen natürlich auch im Wohnbau dem Rechnung zu tragen, mit einer ganzen Reihe von Angeboten an junge Menschen, damit sie hier wohnen und bleiben können.

mokant.at: ÖVP-Stadtrat Manfred Juraczka hat sich im Gespräch mit mokant.at dafür ausgesprochen, dass am Sonntag gewisse Geschäfte geöffnet haben, um damit Arbeitsplätze zu schaffen. Können Sie sich das auch vorstellen?
Ludwig: Ich unterstütze da die Linie von Bürgermeister Michael Häupl, für den es eine Grundvoraussetzung ist, dass sich die Sozialpartner über die Sonntagsfrage einigen. Sollte es solche Versuche geben, muss sichergestellt sein, dass die Arbeitnehmer auch bereit sind an solchen Tagen zu arbeiten und es auch eine entsprechende wirtschaftliche Abgeltung für sie gibt. Ich persönlich sehe aber noch andere Herausforderungen. Es würde wohl innerhalb der Wiener Wirtschaft zu Verlagerungen kommen. Schon jetzt profitieren gute Lagen in Wien, während die nicht so guten Lagen in der Stadt wirtschaftlich weiter verlieren würden. Das heißt Klein- und Mittelbetriebe die im Handel tätig sind, würden dadurch stärker unter Druck kommen, denn die Kaufkraft bleibt im wesentlichen die gleiche. Berechungen der Gewerkschaft und der Arbeiterkammer zeigen, dass das Umsatzpotenzial, welches durch eine Sonntagsöffnung lukriert werden kann, überschaubar ist. Touristen kaufen zwar ein, die Frage ist aber ob sich dafür der Aufwand rentiert. Man müsste also auch die Wiener Bevölkerung dazu motivieren am Sonntag einzukaufen.
Es gibt zwar jetzt auch schon Berufsgruppen die am Sonntag arbeiten müssen, aber der Zusammenhalt einer Gesellschaft wird dadurch nicht erleichtert, wenn es überhaupt keinen Tag gibt, an denen man familiäre oder freundschaftliche Treffen organisieren kann, weil davon auszugehen ist, dass ein größerer Teil der Bevölkerung an diesem Tag frei hat. Wenn man am Zusammenhalt der Gesellschaft Interesse hat, ist eine Stadt die ständig zum Einkaufen motiviert, nicht das was ich mir vorstelle.

mokant.at: Kommen wir zu Ihrem Spezialgebiet dem Wohnbau: Die SPÖ-Wien schreibt auf ihrer Website von neuen Gemeindebauten für eine bessere Durchmischung in allen Bezirken. Warum ist es in den vergangenen Jahren in manchen Bezirken zu dieser augenscheinlichen Segregation (soziale Entmischung, Anm. d. Red) gekommen?

(c) Thomas Knapp

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Ludwig: Ich sehe diese Segregation nicht. Wir haben Maßnahmen seit vier Jahrzehnten gesetzt, seit es die sogenannte sanfte Stadterneuerung gibt. Damit es die sogenannte Gentrifizierung zumindest nicht in diesem Ausmaß gibt, wie in anderen Städten. Gentrifizierung heißt, dass nach einer Sanierung nur gewisse soziale Gruppen profitieren, dass die ursprüngliche Bevölkerung in billigere Stadtviertel auszieht und neue soziale Schichten dort einziehen, weil die Mieten höher sind. Hinter mir sehen Sie eine goldene Tafel, die höchste Auszeichnung der UNO, die ich im Namen der Stadt Wien für gelungene Stadterneuerung entgegennehmen durfte. Und zwar für die soziale Dimension der sogenannten sanften Stadterneuerung und nicht für die technischen Rahmenbedingungen. Es ist uns nämlich gelungen – auch mit großem finanziellem Aufwand – private Hauseigentümer dazu zu verpflichten, die Wohnungsmieten für 15 Jahre nicht zu erhöhen, sofern sie finanzielle Unterstützung von der Stadt Wien für die Sanierung bekommen. Damit haben die dort ansässigen Mieterinnen und Mieter einen doch recht langen Wohnschutz.
Der Versuch mit Dachgeschoßausbauten oder mit der Zusammenlegung von Wohnungen, auch andere kaufkraftstärkere Gruppen in abgewohnte Stadtviertel zu bekommen, ist ja eine Maßnahme um die soziale Durchmischung zu unterstützen.
Ein gutes Beispiel ist das Einzugsgebiet beim Brunnenmarkt, aus dem – wie aus der TV-Sendung “Alltagsgeschichten” von Elisabeth Spira hervorgeht – Ende der 80er-Jahre, so ziemlich jeder weg wollte. Mittlerweile konnten wir durch die positive Veränderung die dieses Gebiet vollzogen hat, jede Wohnung dort fünf, sechs, sieben Mal vergeben.
Von daher sehe ich die Notwendigkeit der Stadt auch mit finanzieller Unterstützung zu intervenieren durchaus gegeben. Auch wenn es darum geht in abgewohnten Vierteln zu intervenieren – und die wird es in einer Stadt immer geben, denn eine Stadt wird nie an allen Ecken und Ende pipifein sein, sondern es wird immer Neubau- und Altbaugebiete geben, die in einem guten oder weniger guten Zustand sind.

Hier geht es zum zweiten Teil des Interviews „Nachfolge von Michael Häupl ist bereits entschieden“

Ludwig_stadtrat_wohnbau_wien_wahl_info

Titelbild: (c) Thomas Knapp

Dominik Knapp war von März 2013 bis Jänner 2017 als Redakteur und stellvertretender Chef vom Dienst (Korrekturleser) bei mokant.at tätig. Neben dem Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften beschäftigt er sich vorwiegend mit Sport in all seinen Facetten (bevorzugt Tischtennis, Padel und Tennis) sowie dem Eurovision Song Contest.

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