Selbstversuch: Obdachlos für eine Nacht

Das Leben auf der Straße ist hart. Doch was es konkret bedeutet obdachlos zu sein, wissen die Wenigsten. Daher wagte ich für mokant.at den Selbstversuch und verbrachte eine Nacht auf den Straßen Wiens.

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Während sich die überwiegende Bevölkerung am Abend in die sichere Wohnung zurückzieht und das warme Bett genießt, müssen andere mit einer Parkbank oder gar dem nackten Boden vorlieb nehmen. Es sind Menschen ohne Lobby, wenige nehmen sie ernst, noch weniger sprechen für sie. Als Sandler oder Penner werden sie oft stigmatisiert. Arbeitsscheu sollen sie sein und durch Selbstverschulden in die Misere gekommen. Diese Brandmarkung einer Gesellschaftsschicht war ausschlaggebend für diesen Erfahrungsbericht. Ich habe mich aufgemacht und Kontakt zu Obdachlosen gesucht. Hotspots wie Stadtpark, Rooseveltpark, Sigmund Freud Park, Gürtel und Prater waren meine ersten Anlaufstellen.

Johann Strauss und seine Gang
An einem warmen Sonntag im August ist es dann so weit. Meine Ausrüstungsgegenstände sind eine Jacke, eine Decke, ein Taschenmesser, ein Diktiergerät, eine Wasserflasche, ein abgeschaltetes Handy und 9 Euro Kleingeld. So mache ich mich um 20 Uhr auf den Weg zum Wiener Stadtpark.

Schritt für Schritt begebe ich mich weiter in den Stadtpark hinein. Die Wegbeleuchtung wirft nur ein fahles Licht auf den Asphalt. Auf den ersten Blick sieht man keine Menschen in der sonst so belebten Grünoase. Beim näheren Hinsehen erblicke ich auf Bänken im Abseits jedoch Umrisse, die auf schlafende Menschen hinweisen. Tatsächlich sind es in Schlafsäcke und Decken gehüllte Personen, die heute die Nacht hier verbringen. In Gruppen liegen sie im Park. Mein Weg führt an ihnen vorbei in Richtung Johann-Strauss-Denkmal, denn dort ist ein Platz, an dem noch niemand nächtigt und der für mich ein wenig Sicherheit versprüht. Also bereite ich hier mein Lager. Eingewickelt in meine Decke liege ich auf einer harten Holzbank inmitten einer Millionenmetropole und niemand interessiert sich für mich. Ein beängstigendes Gefühl. Der Rücken schmerzt schon nach kurzer Zeit auf der Bank. Was jedoch unangenehmer ist, ist die Kälte, die langsam, aber beständig meinen Körper durchdringt.

Kurz fallen meine Augen zu. Davon bin ich selbst überrascht, denn sicher fühle ich mich hier nicht. Ein Rütteln weckt mich aber schnell wieder auf. Drei Männer in zerrissenen Klamotten und wild wuchernden Bärten stehen vor mir. Einer sieht mir mit stechendem Blick in die Augen und fragt mich laut: „Wos duast du do? Do liegn wia! No, wos is? Schleich di!“ Dieser Aufforderung komme ich dann auch schnell nach, denn die Gruppe versteht anscheinend keinen Spaß.

Justitia und Karl
Es ist mittlerweile 21:30 Uhr und ich bin auf dem Weg über den Heldenplatz hin zum Grete-Rehor-Park, zwischen Justizpalast und Parlament. Dort ist, außer einem Mann auf einer Parkbank und einem Pärchen, nicht viel los. Ich setze mich zu dem Herrn, nachdem ich ihn gefragt habe. Er heißt Karl und lebt seit langem auf der Straße, sagt er. Karl ist für einen Obdachlosen gut gekleidet. Sein Haar ist wild zerzaust und der Bart lang. „Des is a Gfret mit de Stadtparkleit! De kennan kan Geniera“, erklärt mir Karl auf die Frage, ob denn das normal sei, dass man unter Obdachlosen so eine Konkurrenz hat. Er gibt mir aber auch wichtige Tipps zum „Überleben“ auf der Straße. So versorge ich mich auf seinen Rat hin beim Gratiszeitungsständer mit einem Stapel Zeitungen, die dort aufliegen. „Zum Glück san no einige do, denn sunst wird’s kalt!“, merkt Karl an. Die Zeitungen schieben wir uns dann unter die Kleidung, um besser isoliert zu sein. Es wirkt wirklich gut, denn obwohl es ein warmer Spätsommertag ist, ist es in der Nacht doch sehr kühl und die Zeitungen lassen die Kälte nicht so schnell an meinen Körper heran.

Nachdem Karl und ich uns gedämmt haben, geht es zurück in den kleinen Park und unter die Decke. Es ist angenehm ruhig, ab und an lassen mich Passanten aufschrecken, aber an das gewöhne ich mich relativ schnell. Sicher fühle ich mich aber auch hier nicht. Mein Begleiter zeigt mir sein Notpaket, welches er in einem Beutel immer bei sich trägt. Es besteht aus einem Messer, einer kleinen Schachtel mit Tabak, Block und Stift und einem Bild seines Großvaters. Das sind für ihn die wichtigsten Dinge, die er braucht. Immer wieder fährt ein Streifenwagen der Polizei am Park vorbei und beobachtet uns. Dies wird uns bald zu heiß, wir packen unsere Sachen zusammen und jeder von uns geht wieder seiner Wege.

Weiter zum zweiten Teil des Selbstversuchs

Titelbild: (c) Peter Emrich

peter.emrich@mokant.at'

1 Comment

  1. anna1234@gmx.at'

    anna

    1. September 2015 at 08:29

    Spannend, ich hätte mich das nie getraut! Hab nicht gewusst, dass es offenbar eine Konkurrenz darum gibt wer wo schlafen darf…

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