Selbstversuch: Obdachlos für eine Nacht

Securities für das Gemeinwohl
Um 23 Uhr versuche ich mein Glück im Rathauspark. Dort angekommen wird mir mein Missgeschick sofort klar, denn hier ist im Sommer das Filmfestival und daher ist es laut und es sind viele Menschen hier. Doch gerade das finde ich in diesem Moment eigentlich spannend. Wie verhalten sich Menschen beim Feiern gegenüber Obdachlosen? Also bleibe ich hier, suche mir ein etwas ruhigeres Plätzchen und bereite mein Lager in der Nähe des Strauss-Lanner-Denkmals. Die Passanten würdigen mich keines Blickes und wenn, dann schauen sie angewidert und abschätzig auf mich herab. Ich fühle mich den Blicken und Zuschreibungen der Passanten ausgesetzt und werde immer unsicherer.

Aus dem hinteren Teil des Parks nähern sich mir zwei Männer in Warnwesten. Sie gehen direkt auf mich zu und bleiben mit Respektabstand vor mir stehen. Es sind Securities des Filmfestivals am Rathausplatz. Ich grüße die beiden und frage, wie ich weiterhelfen kann. Darauf wird mir höflich klar gemacht, dass man als Obdachloser während des Festivals hier nicht schlafen darf. „Was denken sich denn die Touristen, wenn sie sehen, dass es auch hier Obdachlose gibt“, denke ich mir sarkastisch. Ich will noch weiter nachhaken, frage ob es so schlimm sei, wenn Touristen Obdachlose zu sehen bekommen, aber die beiden wiederholen nur immer wieder ihre Order. Also packe ich auch hier nach kurzer Zeit zusammen und wechsle die Szene.

Mit Messer und Sigmund Freud
Mittlerweile ist es kurz nach 24 Uhr und die Stadt beruhigt sich langsam. Die Straßenbahnen ziehen ihre letzte Runde, die Nachtbusse stehen bereit, die Menschen, die vorher noch am hippen Filmfestival ihre trendigen Snacks genossen haben, zieht es heimwärts. Mich zieht es weiter in den Siegmund-Freud-Park vor der Votivkirche. Auch hier sind einige Personen, die die Nacht draußen verbringen. Ich versuche mit ihnen zu sprechen, aber sie blocken ab und verschließen sich mir. Trotzdem schlage ich mein Lager neben ihnen auf, was sie offensichtlich nicht stört. Hier kann ich auch eine Zeit lang schlafen, wenn ich das auch nur tue, weil ich das aufgeklappte Taschenmesser in meiner Hand bereithalte. Diesmal wache ich von alleine auf. Trotz meiner Isolierung wird mir immer kälter und das Liegen auf den Holzbänken ist auch nicht zu empfehlen. So wälze ich mich hin und her und finde keinen Schlaf mehr. Ich bin unruhig. Nahezu keine Passanten sind unterwegs. Nur noch Gestalten mit zerrissenen Klamotten auf der Suche nach einem geeigneten Schlafplatz stolpern an mir vorbei.

(c) Peter Emrich

(c) Peter Emrich

Gute Nacht im alten AKH?
Plötzlich setzt sich ein Mann mittleren Alters direkt neben mich und fängt an zu reden. Er sieht mir sofort an, dass ich neu bin auf der Straße. Ich gebe mich zu erkennen und erzähle ihm von meinem Selbstversuch und meinen bisherigen Erlebnissen. Franz, so heißt mein neuer Gesprächspartner, erklärt mir, dass es hier doch viel zu laut sei. Ich solle mit ihm mitkommen in das alte AKH, dort könne man ungestört schlafen. Wir gehen miteinander in Richtung altes AKH, auf dem Weg dorthin kaufe ich an einem Würstelstand noch zwei Dosen Bier. Vielleicht hilft das gegen die Kälte, denke ich mir. Am Ziel angekommen erzählt mir Franz, dass auch er ein Notpaket habe. Allerdings besteht seines aus ganz anderen Utensilien wie jenes von Karl: ein paar Centstücke, ein Fläschchen Schnaps, ebenfalls ein Messer, ein Ring und ein zerknülltes Papier mit handschriftlichen Notizen darauf finden sich in seiner Tasche. Ich frage ihn, was denn da geschrieben steht. „Nix des die angeht!“, herrscht er mich forsch an.

Franz legt sich auf seine Bank und schläft auch sofort ein. Ich für meinen Teil bin jetzt noch unsicherer als schon zuvor. Was soll ich nun tun? Versuchen, hier zu schlafen und hoffen, dass nichts passiert? Ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist. So nehme ich einen großen Schluck aus der Bierdose und lege mich zitternd vor Kälte hin. Immer wieder huschen unter mir kleine Mäuse vorbei. Zu Anfang beobachte ich sie, werde aber immer schläfriger und entschwinde so ins Land der Träume.

Laute Schreie und wildes Getrampel wecken mich in den frühen Morgenstunden wieder auf. Zwei Männer in meinem Alter haben eine heftige Rangelei neben mir. Ich bin noch gar nicht richtig in der Realität angekommen, da merke ich, dass Franz schon das Weite gesucht hat. Jetzt bin ich wieder ganz alleine und sehe mich urplötzlich als Ziel der beiden Streitenden. Warum auch immer, ich weiß es nicht. Diesmal haben sie es sicher nicht auf meine Bank abgesehen, denke ich mir. Notdürftig stopfe ich meine Decke in die Tasche und verlasse schnell den Ort des Geschehens. Mein Puls rast, mein Herz klopft wie wild. Das war mir zu viel. Ich beschließe, den Versuch abzubrechen und mein Privileg – ein warmes, weiches Bett– zu genießen. Es ist 05:06 Uhr, die Nacht verliert zusehends an Schwärze und ich komme langsam wieder in mein normales Leben zurück.

„Was macht der Tourist hier?“
Während meinem Selbstversuch waren mir obdachlose Menschen immer wieder mit Ablehnung und Misstrauen begegnet.  Ab und an wurde ich als „Tourist“ beschimpft, da ich mich doch nur für kurze Zeit auf diese Situation einlasse. Natürlich sind in diesem Selbstversuch andere Voraussetzungen gegeben als für Personen, die tatsächlich kein Dach über dem Kopf haben, jedoch ist es ein Anfang, sich in die Situation auch nur annähernd hineinzuversetzen. Die Erlebnisse dieser Nacht helfen mir zu verstehen wie sich Menschen fühlen, die auf sich alleine gestellt sind. Was es bedeutet, ohne Hilfe in der Großstadt zu leben und wie einen die Gesellschaft ansieht, wenn man am Boden ist. Wie demütigend die Blicke und Gesten der Menschen sind, die nicht verstehen, warum jemand auf der Straße lebt und was das bedeutet. Wolfgang Ambros bringt es in seinem Lied „Die Kinettn wo i schlof“ auf den Punkt. Dort heißt es: „und die Leitkuman ma entgegen, wia a Mauer kummans auf mi zua, i bin da Anzige der ihr entgegengeht kummt ma voa, oba i reiß mi zam und i moch beim ersten Schritt die Augen zua“.

Zum ersten Teil des Selbstversuchs

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peter.emrich@mokant.at'

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