Ludwig (SPÖ): „Nachfolge von Michael Häupl ist bereits entschieden“

(c) Thomas Knapp

Wiens amtsführender Wohnbau-Stadtrat Michael Ludwig im zweiten Teil des Interviews über den Standort neuer Gemeindebauten, den hohen Anteil an Zuwanderern in Wiens Kindergärten, Parteiwechsler Senol Akkilic sowie die bereits feststehende Nachfolge von Michael Häupl.

Hier geht’s zurück zum ersten Teil des Interviews

mokant.at: Gibt es konkrete Pläne wo diese neuen Gemeindebauten entstehen sollen?
Ludwig: Wir haben bereits ein Pilotprojekt in Favoriten – in der Fontanastraße, wo die AUA früher ihre Zentrale hatte – gestartet. Erst vergangene Woche habe ich mit dem Bürgermeister zwei weitere Projekte vorgestellt. Eines davon im 2. Bezirk am Handelskai und eines im 6. Bezirk in unmittelbarer Nähe zur Mariahilferstraße beim Westbahnhof. Also in einem sehr zentralen urbanen Bereich in der Stumpergasse.

„Ja natürlich, es gibt viele Bobo-Kindergärten, Bobo-Schulen, wo ich die Eltern noch im Ohr habe, wie sie sich beim Reden überschlagen mit Tipps was noch alles gut wäre beim Thema Zuwanderung“

mokant.at: Ein Problem das mit den abgewohnten Stadtvierteln zusammenhängt ist die fehlende Durchmischung in Volksschulen und Kindergärten.
Ludwig: Wieso? Inwiefern?
mokant.at: Man hört aus Kreisen von Kindergartenpädagoginnen und Lehrern sehr häufig, dass Kinder untereinander hauptsächlich in ihrer Muttersprache kommunizieren, weil die Notwendigkeit Deutsch zu sprechen nicht gegeben ist.
Ludwig: Im Zuwanderungsmonotoring von Frau Stadträtin Frauenberger ist ausgewiesen, dass so ziemlich die Hälfte der gesamten Wiener Bevölkerung entweder in der ersten Generation zugewandert ist, oder zumindest einer der beiden Elternteile. Da sind jene, die vor noch längerer Zeit zugewandert sind, nicht berücksichtigt, wie etwa aus der Polenkrise oder aus noch weiter zurückliegenden Flüchtlingswellen. Wir haben sehr viele Menschen mit Migrationshintergrund in der Stadt, bei Kindern und Jugendlichen ist dieser Anteil überproportional stark. Ich werde ständig mit der Frage konfrontiert, wieso in Gemeindebauten so viele Ausländer wohnen. Und darauf antworte ich immer: wenn man für Zuwanderung ist, muss man auch dafür eintreten, dass die Menschen wo sind. Es ist immer leicht im Allgemeinen für Zuwanderung einzutreten, aber dann wenn es konkret wird, eben im Wohnumfeld, im Kindergarten oder in Schulen zu sagen: hoppala, da sind ja jetzt Zuwanderer.

Michael Ludwig Arme

mokant.at: Viele Eltern nehmen ihre Kinder aus Kindergärten, weil der Anteil an Zuwanderern dort zu groß ist und geben sie in andere Kindergärten, was dazu führt, dass die Durchmischung noch weniger statt findet.
Ludwig: Ja natürlich, es gibt viele Bobo-Kindergärten, Bobo-Schulen, wo ich die Eltern noch im Ohr habe, wie sie sich beim Reden überschlagen mit Tipps was noch alles gut wäre beim Thema Zuwanderung und ihre Kinder aus diesen Gründen dann in andere Kindergärten und Schulen geben.

mokant.at: Ich bin zwar kein Fan von Quoten, aber könnte man nicht anhand einer Quote Kinder in Kindergärten einteilen, immerhin finanziert die Stadt Wien auch deren Betreuung.
Ludwig: Wie soll eine Quote funktionieren, wie soll man sie messen? Wie soll man ein Kind bewerten? Ist wichtig ob es Deutsch kann, ob es aus einer zugewanderten Familie kommt? Gibt es bei zugewanderten Familien dann Unterschiede, ob sie aus den USA kommen, oder aus Bosnien? Und soll man die Kindern dann kreuz und quer durch Wien schicken? Bisher ist es ja so, dass die regionale Nähe zu einem Kindergarten wichtig ist. Sollte man dann Busse einführen, die die Kindern von Ottakring nach Döbling führen?

mokant.at: Womit wir wieder bei der Segregation wären. Da es, wie Sie sagen, stärker abgewohnte Viertel gibt, sammeln sich die Kinder aus diesen abgewohnteren Vierteln dann überproportional oft in den gleichen Kindergärten und Volksschulen.
Ludwig: Wir bemühen uns, dass es kein bleibender Zustand ist. Überall wo es abgewohntere und damit besonders billige Wohnungen gibt, leben klarerweise auch eher Menschen mit einem geringeren Einkommen, das kann man gar nicht leugnen. Aber was ist die Alternative? Es müsste eher so sein, dass die Angebote in allen Kindergärten und Schulen so attraktiv sind, dass die soziale Zusammensetzung keine Rolle spielen darf. Es gibt derzeit die sehr populäre Forderung nach starker Schulautonomie – und zum Teil befürworte ich die auch. Aber es darf nicht dazu führen, dass sich gewisse soziale Gruppen ihre Schulen herrichten. Das ist auch der Grund warum wir unter anderem den kostenfreien Kindergarten in Wien eingeführt und auch beibehalten haben.

mokant.at: Stichwort kostenfreies Kindergartenjahr. Das ist ja eines der Steckenpferde der SPÖ…
Ludwig: Nicht Steckenpferde, sondern einer der Meilensteine des Bildungssystems. Das kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Denn der Kindergarten ist für mich keine Aufbewahrungsstätte für Kinder, sondern der Eintritt in die gesamte pädagogische Ausbildung und ein Schlüsselerlebnis für viele Kinder.
mokant.at: Jetzt gibt aber oftmals zu wenige Pädagoginnen für zu viele Kinder.
Ludwig: Ich habe den Eindruck, dass mein Kollege Christian Oxonitsch alle Anstrengungen unternimmt, das Verhältnis zwischen Pädagoginnen, Pädagogen und Kindern ideal zu gestalten. Da brauchen wir nicht nur den Vergleich mit anderen Bundesländern nicht scheuen, sondern liegen auch im internationalen Vergleich sehr gut.
mokant.at: Und was halten sie von einem Studium für Kindergartenpädagogik, parallel zur bisher angebotenen Ausbildung in der BAKIP?
Ludwig: Ich war Gründungsmitglied der Hochschule für pädagogische Berufe. Und wie der Name schon sagt impliziert das, dass sich eine solche Hochschule nicht nur mit der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern beschäftigen sollte, sondern auch mit jener von Kinderpädagogen und Freizeitpädagogen. Ich war immer dafür, dass es ein modulares Ausbildungssystem gibt, wo man eine Basisausbildung bekommt und dann Module aufstellen kann, die bestimmte Fachbereiche abdecken. Ich würde Ausbildungsformen befürworten bei denen die Flexibilität zwischen den einzelnen Ausbildungsbereichen forciert wird. Warum soll jemand nicht zehn Jahre lang Kinder ausbilden, dann in der Freizeitpädagogik tätig sein und abschließend in der Erwachsenenpädagogik, oder auch umgekehrt. Ich sehe da großes Potenzial, sowohl für Pädagoginnen, Pädagogen als auch für Schülerinnen und Schüler, weil sie ganz andere Lebenserfahrungen mitbekommen.

Wohnbau-Stadtrat Michael Ludwig: „Wir leben in einer Welt die sich ausdifferenziert“

mokant.at: Wie gut gefällt Ihnen eigentlich das aktuelle Wahlrecht in Wien?
Ludwig: Das ist keine Sache des Gefallens. Wir haben in Wien ein gutes und faires Wahlrecht, das sich über viele Jahre bewährt hat. Alle Parteien haben die gleichen Voraussetzungen. Es hat leicht mehrheitsfördernde Elemente. Mich wundert, dass dieses leicht mehrheitsfördernde Wahlrecht von manchen Parteien angegriffen wird, denn die ÖVP hat letztens eine Mitgliederbefragung gemacht, bei der sich die Mehrheit für ein Mehrheitswahlrecht aussprach. In Wien sieht die ÖVP das natürlich anders, denn in Wien haben alle das Interesse die SPÖ zu schwächen. Die SPÖ profitiert von diesem Wahlrecht ja nicht, weil sie die SPÖ ist, sondern weil die Mandate die im Wahlkreis vergeben werden, stärker bewertet werden, als die sogenannten Reststimmenmandate. Das halte ich persönlich für sehr gut, denn wir sprechen immer von der Anbindung der Madatare an die Wählerinnen und Wähler, daher ist es völlig in Ordnung graduell jene Mandate bevorzugt, die im Wahlkreis direkt erworben werden. Daher sehe ich keine Notwendigkeit das Wahlrecht zu ändern. Dass andere Parteien das anders sehen, verstehe ich aus ihrer Sicht, denn sie wollen die absolute Mehrheit der SPÖ verhindern, da sie nur so als Koalitionspartner ins Spiel kommen.
mokant.at: Damit haben Stimmen in gewissen Wahlkreisen einen höheren Wert. Ist nicht gerade Wien so gut vernetzt, dass es mich als Favoritner genauso betrifft was auf der Mariahilferstraße oder in Floridsdorf passiert?
Ludwig: Aber dann erübrigt sich die Einteilung in Wahlkreise. Aktuell wählt man bestimmte Abgeordnete, weil es auch eine Nähe zu diesen Abgeordneten gibt. Wenn man das nicht will, dann kann man über alles reden. Es muss einem nur bewusst sein, dass ein Wahlrecht, das die Verhältnismäßigkeit noch stärker in den Vordergrund rückt, es noch schwieriger macht Koalitionen und Regierungen zu bilden. Meiner Erinnerung nach sind die Niederlande und Israel jene Länder mit dem stärksten Verhältniswahlrecht, dort braucht es drei bis vier Parteien für eine Regierung und es sitzen sieben bis acht Parteien im Parlament. Kann auch ein Zugang sein, aber leichter wird die Lösung von Problemen damit nicht.
mokant.at: Wobei das ein Problem ist, dem sich die Parteien endlich stellen müssten. Man kann auch in einem stark verhältnisbetonten Wahlrecht viele Stimmen oder gar die absolute Mehrheit erringen.
Ludwig: Ja, sicher. Aber wir leben in einer Welt die sich ausdifferenziert. Das bemerken wir in allen Teilen des Lebens. Die Wahrscheinlichkeit wird damit größer, dass es mehr und unterschiedlicher Parteien gibt und es Regierungsbildungen gibt, die monatelang dauern.

mokant.at: Was halten Sie allgemein von Parteiwechseln von Mandataren?
Ludwig: Die wird es in einer Demokratie immer geben. Ich persönlich verstehe es nicht, ich bin meiner Partei beziehungsweise meiner Gesinnungsgemeinschaft so verbunden, dass ich immer zu ihr stehe. Es kann durchaus sein, dass es Mehrheiten in der Partei gibt, die man punktuell anders sieht. Das ist auch in einer innerparteilichen Demokratie so. Ich finde es auch immer unrichtig, wenn man Parteien, insbesondere die SPÖ als monolithischen Block sieht.
mokant.at: Mandatare wie Senol Akkilic sind aber trotzdem jederzeit herzlich willkommen, wenn sie wechseln möchten?
Ludwig: Wir schließen niemanden aus. Wer sich zur SPÖ bekennen möchte, wird bei uns immer eine Heimat finden.

mokant.at: In einem Internetportrait der Presse aus dem Jahr 2009 werden sie als zu nett für die Politik bezeichnet. Sind Sie zu nett?
Ludwig: Ich habe nicht den Eindruck, dass es zu viel Freundlichkeit in der Welt gibt. Es würde der Politik gut tun, wenn man eine grundsätzliche Freundlichkeit an den Tag legt, ohne inhaltliche Differenzen dabei zu überbrücken. Es schadet der Politik sehr, wie wir uns in der Öffentlichkeit präsentieren. Wenn sich manche Menschen von der Politik abwenden, hat das glaube ich auch mit solchen Dingen zu tun.
mokant.at: Also ist Ihnen der überparteiliche Dialog schon auch wichtig?
Ludwig: Ja, ist mir sehr wichtig.
mokant.at: Auch mit der FPÖ?
Ludwig: Wir beschließen im Gemeinderat mehr als achtzig Prozent aller Anträge einstimmig. Es wird im Parlamentarismus einer Demokratie immer die Notwendigkeit geben, miteinander zu reden. Wenn dieser Dialog irgendwann abreißt, kann man sich in der Geschichte Österreichs ansehen, wohin das führt. Das wollen wir alle nicht. Ich habe mich sehr intensiv mit der Geschichte unseres Landes beschäftigt und kann nur sagen, die besten Zeiten unseres Landes waren immer jene, wo es einen grundsätzlichen Dialog gegeben hat. Unabhängig von politischen Positionen und nicht Unterschiede verwischend, das sage ich ganz deutlich. Man sollte die Radikalität die es manchmal in der Wortwahl gibt, aber definitiv überdenken.

mokant.at: Welche Errungenschaft Ihrer Amtsperiode würden Sie als die Bedeutendste bezeichnen?
Ludwig: Wir haben den Fokus wieder auf hochqualitative Wohnungen gelegt, die noch leistbarer sind. Da ist uns in den vergangenen Jahren viel gelungen, was auch international große Anerkennung gefunden hat. Ich will keine billigen Sozialwohnungen wie es sie beispielsweise in den Pariser Vororten gibt, wo man nur wohnen möchte, wenn man nichts anderes mehr findet. Der geförderte Wohnbau in Wien soll weiterhin eine hohe Qualität haben, soll aber besonders für junge Menschen auch leistbar sein.

mokant.at: Werden Sie Nachfolger von Michael Häupl?
Ludwig: Nein, denn das ist bei uns parteiintern bereits entschieden. Der Nachfolger von Michael Häupl wird Michael Häupl sein.

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Titelbild und andere Bilder: (c) Thomas Knapp

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Dominik Knapp war von März 2013 bis Jänner 2017 als Redakteur und stellvertretender Chef vom Dienst (Korrekturleser) bei mokant.at tätig. Neben dem Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften beschäftigt er sich vorwiegend mit Sport in all seinen Facetten (bevorzugt Tischtennis, Padel und Tennis) sowie dem Eurovision Song Contest.

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