Wiener Obdachlose: Flucht vor Drogen und Alkohol

Süchtig. Aggressiv. Faul – Eine Schande für das Stadtbild. Das spiegelt die Meinung vieler Menschen über Obdachlose wider. Christopher Ian Ewert, Steven Meyer und Victor-Dario Pfannmöller wollten wissen, wer hinter diesen Personen steckt, die auf Wiens Straßen leben. Das Projekt „Wien – Deine Obdachlosen“ führte sie zum 44-jährigen Oli.

Wien. 22. Bezirk. Seestadt. Hier befindet sich das größte Stadtentwicklungsprojekt Europas: eine einsame U-Bahn-Station, menschenleere Gebäudekomplexe, viel Bauschutt und Staub. Es entsteht ein neuer Bezirk, in den viel Geld investiert wird und wo später einmal 20.000 Menschen leben und arbeiten sollen. Abseits dieser großen Baustelle, vorbei an drei großen Kränen und einem Hubschrauberlandeplatz, befindet sich ein langer idyllischer, grüner Weg. Der Weg führt zu einer kleinen Wohnwagensiedlung. Man kann sie schon von Weitem sehen: Mehrere LKW, Busse und eben Wohnwägen, die ein kleines Lager bilden.

Zwei große Hunde rennen spielend umher. Der Besitzer ist Oli. Er sitzt auf den Treppen, die in den Wohnwagen in dem er lebt führen. Kamin, Bett, Gaskocher, kein fließendes Wasser. Er braucht nicht viel zum Leben. Hier wohnt er mit seinen zwei Hunden zusammen. Oli ist 44 Jahre alt und obdachlos. Er ist einer von schätzungsweise 12.000 Obdachlosen in Österreich. Vor 20 Jahren hat er Deutschland verlassen und hat seitdem in Spanien, Portugal, Marokko und Italien gelebt, bis er nach Österreich kam.

Seine Hunde bedeuten Oli Alles. Sie sind es, die ihn am Leben halten ­­­– und der Gedanke an seine Tochter, die er in zwei Jahren besuchen möchte, wenn sie volljährig ist. Als Oli seine Tochter erwähnt, wird seine Stimme brüchig. Tränen bilden sich in seinen Augen und seine Fassade bröckelt. Er erzählt davon, wie viel er früher getrunken und wie oft er Drogen genommen hat. Als seine Freundin schwanger wurde, änderte sich jedoch alles. Er wollte ein guter Vater sein und ließ seine alte Szene hinter sich. Es funktionierte aber nicht alles so, wie er es sich vorstellte.


Da er und seine Freundin gemeinsame Schulden hatten, ging er ins Gefängnis ­– damit sie die gemeinsame Tochter aufziehen konnte. Teilzeithaft: Tagsüber arbeiten, abends in die Zelle. Nach einigen Monaten erfuhr er dort, dass seine Freundin ihn betrog. Es folgte eine Trennung, wobei er aufgrund seiner Vergangenheit nur selten seine Tochter sehen durfte. Nachdem er aus dem Gefängnis entlassen wurde, stand er alleine da. Er wollte nicht noch einmal in die alte Szene geraten, und verschwand. Flucht war die einzige Möglichkeit für ihn.

Es fällt ihm nicht leicht darüber zu reden. Er wirkt unsicher und gebrochen. Hier in Wien lebt er mit einer Gruppe in einer Kommune. Mittlerweile ist die Wohnwagensiedlung, die sich Gänseblümchen E.V. nennt und offiziell als Kundgebung angemeldet ist, sein Zuhause. Der Wohnwagen gehört einem Freund, der ihn darin wohnen lässt. Gemeldet ist er dort nicht, weshalb er offiziell wohnungs- und somit obdachlos ist. Sein Geld verdient er sich durch Betteln in der Innenstadt. Alkohol und Drogen spielen keine Rolle mehr in seinem Leben. Kontakt zu seiner Familie hat er nicht. Wie lange die Kundgebung in Seestadt noch geduldet wird, ist unsicher. Er sagt er sei zufrieden, es wirkt jedoch viel mehr als hätte er sich arrangiert. Hier mit seinen Hunden, abseits einer großen Baustelle.

Titelbild, Artikel und Video: Christopher Ian Ewert, Steven Dietmar Meyer und Victor-Dario Pfannmöller

kultur@mokant.at'

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