Albert Eibl: „Ein bisschen wie dein eigenes Kind“

Foto: (c) Fotostudio interfoto, Wien

Der junge Verlagsgründer Albert Eibl erzählt im Interview über Hürden im österreichischen Verlagswesen und die Freude am Verlegen.

Vor etwas mehr als einem Jahr hat Albert Eibl in Wien den Verlag Das vergessene Buch gegründet. Als Verleger haucht der Fünfundzwanzigjährige vergessenen Werken der Literatur neues Leben ein. Mit momentan zwei verlegten Romanen von Maria Lazar hat er eine österreichisch-jüdische Schriftstellerin der Zwischenkriegszeit wiederentdeckt, deren bisherige Absenz Kritiker in Staunen versetzt. Mit mokant.at spricht Albert Eibl über die Branche, den Anspruch seines Verlages und über die Aktualität von Maria Lazar.

mokant.at: Als Student einen Verlag zu gründen, klingt nicht nach der typischen Start-Up Idee einer durchzechten Nacht.
Albert Eibl: Zu dem Entschluss kam es nicht in einer durchzechten Nacht, aber in einer halb durchzechten Nacht, kann man sagen (lacht), als ich das vor ein bisschen mehr als einem Jahr mit einem sehr guten Freund besprochen habe, der auch Germanistik studiert.

mokant.at: Hat dich die Frage: „Und was macht man dann mit Germanistik?“ zusätzlich motiviert, etwas auszuprobieren und den Verlag zu gründen?
Albert Eibl: Natürlich hat sich die Frage langsam nach den ersten zwei Studienjahren gestellt. Zuerst habe ich mich auf den Kulturjournalismus konzentriert. Ich finde es sehr spannend, für den Kulturteil Kritiken zu schreiben. Die Idee mit dem Verlag ist dann wirklich spontan gewachsen.

mokant.at: Gibt es das EINE vergessene Buch, das dich inspiriert hat?
Albert Eibl: Nein, es war zunächst einfach der Name Das vergessene Buch, der im Äther meines Unterbewusstseins langsam aufgetaucht ist und sich materialisiert hat. Ich habe mir gedacht, dass es ein Verlagstitel ist, der Potenzial hat. Ich wusste damals auch, dass es so einen Verlag noch nicht gibt.

mokant.at: Wie bist du auf Maria Lazar aufmerksam geworden?
Albert Eibl:
Johann Sonnleitner (Ao. Univ.-Prof. für Neuere Deutsche Literatur an der Uni Wien, Anm.) hat den Namen Maria Lazar einmal in einer Vorlesung zur Literatur der Österreichischen Zwischenkriegszeit fallen lassen und gesagt, dass man diese Autorin eigentlich wieder verlegen müsste. Ich habe Die Vergiftung (erster Roman von Maria Lazar, Anm.) in einer Nacht gelesen und mir auch gedacht: Wieso verlegt man so etwas nicht neu?

mokant.at: Warum ist Maria Lazar aktuell?
Albert Eibl:
 Wie viele andere gute Autorinnen ist sie eine Rebellin. Kämpferisch und unbeugsam zeichnet sie den gesellschaftlichen Irrweg auf, nimmt Zustände aufs Korn, die für sie untragbar sind. Mich beeindruckt vor allem die Radikalität ihrer Sprache, die sowohl Die Vergiftung als auch Die Eingeborenen von Maria Blut auch heute noch äußerst lesenswert macht. In gewissem Sinn nimmt Lazar schon die frühe Jelinek vorweg, worauf auch Holger Englerth in seiner schönen Besprechung der Vergiftung hinweist.

mokant.at: Wie entscheidest du, ob ein Werk für den DVB Verlag Sinn macht?
Albert Eibl: Ich lese die Bücher und höre mir auch die Meinung von zwei, drei Freunden an, die eine Ahnung von Literatur haben. Grundsätzlich habe ich aber die letzte Entscheidung.  Ein Stück weit muss man auch subjektiv entscheiden, ob einem ein Buch wirklich taugt. Wenn man als kleiner Verlag keinen wirklichen Bezug zu seinen Büchern hat, dann ist es schwierig. Jedes Buch sollte ein bisschen so wie dein eigenes Kind sein, das du schön gestaltest und groß machst.

mokant.at: Welche Zutat darf in einem erfolgversprechenden Verlags-Rezept nicht fehlen?
Albert Eibl: Das Erfolgsrezept habe ich natürlich auch noch nicht für mich gepachtet.  Mit zwei Büchern bin ich noch in der Anfangsphase. Natürlich ist es für kleinere Verlage schwierig. Ich denke, man muss sich auf eine Sparte konzentrieren, die die größeren Verlage noch nicht abgegrast haben.

mokant.at: Sind die großen Verlage zu kommerzorientiert?
Albert Eibl: Definitiv, deswegen gibt es wenigstens ein kleines Publikum für Verlage, die sich eine Nische gesucht haben. Wenn die größeren nicht glauben, dass sich ein Buch mehrere tausendmal verkauft, wird darüber nicht nachgedacht. Es gibt schon auch Verlage, die an den Sinn von Büchern glauben, wie der Suhrkamp, der mittlerweile pleite ist. Der hat immer wieder Bücher verlegt, weil er geglaubt hat, dass diese Bücher etwas zur Kultur beisteuern. Auch innerhalb von Österreich dünnt die Verlagslandschaft aus, weil viele Verlage pleitegehen. Es gibt ja auch immer mehr gute österreichische Autoren, die nach Deutschland abwandern, weil sie sagen, dass österreichische Verlage zu wenig zahlen.

mokant.at: Welche Vorteile hat ein Autor von der Zusammenarbeit mit einem kleineren Verlag?
Albert Eibl: Mit einem kleineren Verlag zusammenzuarbeiten, hat den Vorteil, dass ich als Verleger mit dem Autor wirklich in persönlichem Kontakt stehe, was bei großen Verlagen nicht mehr geht. Der Autor hat mehr die Möglichkeit, auf die Entstehung seines Buches Einfluss zu nehmen.

Foto: (c) Leandra Eibl

Foto: (c) Leandra Eibl

mokant.at: Vom Lektorat bis zum Vertrieb – was bereitet dir am Verlegen die meiste Freude?
Albert Eibl: Zum einen natürlich die Werke zu finden, weil schon ein Research vorangeht. Ich gehe in die Nationalbibliothek und lese auch in Archiven nach. Was mir aber auch wirklich Spaß macht, ist mit meiner Schwester gemeinsam am Cover zu arbeiten, Ideen zu entwickeln und Vorschläge zu Motiven, Form und Farben einzubringen. Das ist viel Arbeit, aber wenn das Cover dann stimmt, freu ich mich schon.

mokant.at: Welcher Schritt bis zum fertigen Buch ist der aufwendigste?
Albert Eibl: Das allerteuerste ist, das Buch zu drucken. Da kommt’s drauf an, ob man das Risiko eingeht, eine größere Auflage zu drucken oder ob man mit einer kleineren anfängt und nachdrucken lässt, was dann ein bisschen teurer wird.

mokant.at: Hast du für den Verlag Förderungen bekommen?
Albert Eibl:
Ich habe Förderungen für eine wissenschaftliche Gesamtedition der Werke Maria Lazars beim Zukunftsfonds und dem Nationalfonds der Republik Österreich für die Opfer des Nationalsozialismus beantragt. Ich denke, dass es gerade für die Exilforschung sehr relevant ist, das Werk von Maria Lazar in einem Stück begutachten zu können.

mokant.at: Besteht in puncto Förderungen für österreichische Verlage so etwas wie Chancengleichheit?
Albert Eibl: Generell ist Chancengleichheit rechtlich gegeben, aber es gibt natürlich Unterschiede. Ich habe für mein Projekt diese Fördertöpfe. Verlage, die ausschließlich Jungautoren herausbringen, haben es viel schwieriger, besonders im Vergleich zu den Siebziger- und Achtzigerjahren. Da müsste der Staat heutzutage einfach mehr Geld ausgeben.

mokant.at: Wie Maria Lazar zu ihrer Zeit haben es angehende Autoren momentan auch nicht leicht, einen Verlag zu finden. Welche Beziehung hast du als Verleger zu diesem alten Schriftstellerleiden?
Albert Eibl: Man muss als Verleger auch ein Stück weit etwas wagen, wenn man autonome Kunst verlegen will.  Mir ist es nicht so wichtig, dass meine Werke zehntausendmal verkauft werden. Mir geht’s eher darum, Autoren aus der Versenkung herauszuholen. Das ist der Anspruch von meinem Verlag. Es geht um die vergessenen Bücher, die zu Unrecht vergessen sind und deshalb nicht mehr verlegt werden.

mokant.at: Wer wäre denn dein Wunschautor, mit dem du als Verleger am liebsten zusammenarbeiten würdest oder gerne zusammengearbeitet hättest?
Albert Eibl: Hmm.. (überlegt), also obwohl es schwierig gewesen wäre, hätte ich trotzdem gerne mit Elias Canetti zusammengearbeitet, weil er eine unglaublich sprühende Persönlichkeit gewesen sein muss. Oder zum Beispiel mit Friedrich Dürrenmatt, dem satirischen Meister der Katastrophe.

mokant.at: Zum Thema zu Unrecht vergessene Bücher: welche sind denn zu Unrecht populär?
Albert Eibl: Das ist eine sehr gute Frage (lacht). So etwas wie Fitfy Shades of Grey.

mokant.at: Was hältst du von Fifty Shades of Grey?
Albert Eibl: Ich finde es mehr als bedenklich, dass so viele Menschen rund um die Welt, gerade auch so viele Frauen, ein so schlecht geschriebenes Werk verschlingen und es teilweise sogar als Literatur bezeichnen. Für manche ist es vielleicht gute Unterhaltung, aber Literatur soll eben mehr bieten als nur gute Unterhaltung.

mokant.at: Sprachlich?
Albert Eibl:
Nein, nicht nur. Also wenn du zur Antike zurückgehst, stellt Homer zwei konkrete Forderungen an die Literatur. Sie soll erstens belehren und zweitens unterhalten. Das kann heute auch noch ein wichtiges Richtmaß sein, um literarische Werke zu beurteilen. Ich sehe in der Literatur heutzutage immer mehr den Unterhaltungswert im Vordergrund. Darunter leiden die Handlungsstränge. Die Protagonisten sind oft zu einseitig und nicht psychologisch raffiniert genug gestaltet. Als guter Schriftsteller sollte man auch immer ein guter Psychologe sein.

mokant.at: Was liest du privat gerne?
Albert Eibl: Ich habe einen eher abseitigen Geschmack was Literatur betrifft. Ich lese Ernst Jünger, Henry de Montherlant oder Hans Henny Jahnn, aber auch moderne Literatur, wie Tom Wolfe zum Beispiel. Ich bin auch ein großer Fan von Michel Houellebecq, obwohl das oft auf Kritik stößt. Ich finde seine Literatur schafft es wirklich, einen sehr kritischen Blick auf unsere Zeit zu werfen. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Das ist das Wichtigste. Ein Autor sollte nie bequem sein und nie auf die Moral seiner Leser Rücksicht nehmen.

mokant.at: Die großen Verlagshäuser stehen in einer langen Familientradition. Angenommen der DVB Verlag wird groß und dein Enkel übernimmt einmal den Verlag, wie würde er dich beschreiben?
Albert Eibl: Das ist aber eine fiese Frage. (lacht) Ich hab ja noch nicht einmal einen Sohn. Egal wie ich das formuliere, das kommt jetzt eitel rüber. Es wäre etwas anderes, wenn ich auf zwanzig Jahre Verlagstradition zurückblicken könnte. Aber mein Enkel würde wahrscheinlich sagen: Mein Großvater war ein mutiger Mann, der allerdings zur falschen Zeit geboren wurde.

Titelbild: (c) Fotostudio interfoto, Wien

 

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1 Comment

  1. Nathaniel Fried

    14. März 2017 at 19:26

    Really interesting interview! And awesome haircut, but Marlon’s is better.

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