„Wunder-Bar“: Eine Nacht im Herzen Wiens

"Wunder-Bar"

Teil 3 unserer Wiener Lokal Runde: Ein nächtlicher Streifzug durch die Innenstadt hat mokant.at spontan in die „Wunder-Bar“ einkehren und dort verweilen lassen

Ein rundes Warnlicht blinkt uns aufgeregt entgegen, als wir eine Baustelle in der Schönlaterngasse im ersten Wiener Gemeindebezirk passieren. Gleich nach der Absperrung versteckt sich der kleine Eingang zur „Wunder-Bar“. Alle Tische, die vor dem zart rosa-weißen Haus am Gehsteig stehen, sind voll besetzt. Die Nacht ist sehr warm und die Gäste vor dem Lokal in sommerlicher Garderobe. Aufgrund des Mangels an freien Plätzen beschließen wir uns in das Innere der Bar zu begeben. Innen ist es leer. Da die Luft zu stehen scheint, setzen wir uns an einen runden Tisch nahe der offenstehenden Eingangstüre. Die kleinen Tischchen werden von dunklen Holzsesseln und ledernen Ecksofas flankiert. Wir entscheiden uns für die Sitzbank, die uns beide an ein gemütliches Wohnzimmer denken lässt.

Die gewölbte Decke scheint trotz ihrer Krümmung den Raum zu drücken, wodurch dieser kleiner wirkt, als er eigentlich ist. Die Sitzbänke, die an den Wänden entlang laufen, führen in dunkle Nischen. Jene werden jeweils nur von einer Lampe beleuchtet, die über den dazugehörigen Tischen hängen. Auf jedem der Tische befindet sich ein gläserner Aschenbecher. Neben der roten Eingangstüre steht ein Beistelltischchen, auf dem sich die heutigen Tageszeitungen stapeln. An der gegenüberliegenden Wand ist ein altes Telefon angebracht, auf dessen Aufkleber „Defekt“ geschrieben steht. Das sanfte Gelb der Wandfarbe wird in unregelmäßigen Abständen von Plakaten unterbrochen. Unterschiedliche Veranstaltungen, Ausstellungen sowie Theaterstücke werden darauf angekündigt.

(c) facebook/ Wunder-Bar

(c) Wunder-Bar

Der Duft von altem Leder
Die junge Kellnerin fragt uns gleich nach unseren Getränkewünschen. Mit einem freundlichen „Kommt sofort“ begibt sie sich in den zweiten Raum, der vom vorderen Teil nur durch einen offenen Torbogen getrennt ist. Eine dunkelrote halbrunde Bar stellt in diesem das zentrale Element dar. Die davor stehenden unbesetzten Barhocker verstärken die Leere des Lokals zusätzlich. Im Bogen zwischen den zwei Räumen befindet sich ein dunkelbrauner Kleiderständer an dem drei vergessene Schirme hängen.

Die Kellnerin stellt unsere Getränke achtsam auf den Tisch und begibt sich erneut vor das Lokal zu den übrigen Gästen. Wir sind wieder allein. Von draußen lässt sich nur ein leises Raunen vernehmen. Dieses und die kaum zu vernehmende Hintergrundmusik stellt eine angenehme Geräuschkulisse dar. Unser Gefühl in einem großen Wohnzimmer zu sitzen nimmt stetig zu.

Die Ruhe wird kurz von einem Gast in einem grell blauen Shirt unterbrochen. Er tritt ins Innere des Lokals direkt gefolgt von der Kellnerin, die neue Getränke zu holen scheint. Er fragt sie, ob das draußen ihr Freund oder ihr Bruder sei, worauf sie ihn sichtlich amüsiert entgegnet „Mein Freund. Sehen wir uns denn so ähnlich?“. „Na, ich war nur neugierig“, bemüht sich der Mann schnell und verschwindet in einer kaum sichtbaren Türe an der hinteren Wand. Darauf steht in schmaler Schrift „Herren“ geschrieben. Die gesamte Hinterwand wird von Spiegeln in kleine Quadrate geteilt und verleiht dem Raum eine optische Vergrößerung.

Obwohl das Lokal noch immer leer ist, vernehmen wir den deutlichen Geruch von altem Rauch, der in allen Nischen und Ecken verhaftet scheint. Zusätzlich verströmen die eingesessenen Ecksofas einen Duft von altem Leder. Mein Freund meint, dass ihn der Geruch an das Dorflokal seiner Jugend erinnert.

Das sieht die Polizei wohl nicht so gern
Auf einmal ertönen von draußen laute Stimmen. Zwei junge Frauen mit Hund scheinen keinen Sitzplatz mehr zu bekommen. „Dürfen wir uns da dazu quetschen oder stören wir euch“, fragt eine der beiden etwas verzweifelt. Der angesprochene Herr bietet ihnen offensichtlich die leeren Sessel an. Der Hund wird freudig von allen anderen Gästen begrüßt und von etlichen Händen gestreichelt. Eine der Frauen begrüßt die Kellnerin und fragt nach einer Wasserschüssel für den Hund. „Ich kanns mir eh selber holen. Bei der Hitze sollt man sich nicht so viel bewegen“, meint sie zu dieser und fächelt sich demonstrativ mit ihrer Hand zu.

Aufgrund der tatsächlich ansteigenden Hitze im Lokal beschließen wir für einen Moment vor die Türe zu gehen. Da sich uns noch immer kein freier Platz anbietet, setzen wir uns kurzerhand auf den Gehsteig der gegenüber liegenden Straßenseite. Aus der neuen Perspektive erkennen wir erst, dass die „Wunder-Bar“ von gar keinem Schild ankündigt wird. Wie wir später erfahren, gibt es die Bar bereits seit 1976 und ist seit dem auch in Familienbesitz. Da die aktuelle Besitzerin momentan verreist ist, erhalten wir diese Information von einem Herren, dessen Telefonnummer uns die Kellnerin später zusteckt.

Als uns die Kellnerin am gegenüberliegenden Bordstein sitzen sieht, bittet sie uns mit leiser Stimme wieder auf die Seite des Lokals zu kommen. Die Polizei sehe das wohl nicht so gern. Wir nehmen unseren Platz von vorhin ein und bestellen gleich neue Getränke. Diesmal sind wir jedoch nicht lange allein. Wie aus dem Nichts strömt eine Gruppe von bestimmt fünfzehn Menschen in die kleine Bar und nimmt in zwei der Sitznischen sowie an der Bar Platz. Von einem Moment auf den anderen scheint die Bar von Lautstärke erfüllt zu sein, die quer durch den Raum dringt. Jede Person der neu dazu gestoßenen Gruppe besitzt ein weißes Namensschild sowie einen starken amerikanischen Akzent. Aufgeregt werden Tipps für Lokale, Restaurants sowie Ausflugsdestinationen ausgetauscht und mit entzückten „Oh my God“ kommentiert. Langsam legt sich unsere anfängliche Wohnzimmer-Stimmung wieder und wir beschließen wenig später die kleine Bar zu verlassen.

Titelbild: (c) Wunder-Bar

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