„Stehbeisl“: Eine Nacht im netten Beisl nebenan

Stehbeisl

Teil 5 unserer Wiener Lokal Runde: Erneut begibt sich mokant.at auf die nächtlichen Straßen Wiens. Und entdeckt dabei das „Stehbeisl“ in Mariahilf

Die Vielfalt der Lokale im siebten Bezirk Wiens könnte eigentlich nicht größer sein. Trotzdem werden wir diesen Abend nicht fündig: Entweder sind alle Sitzplätze belegt oder es gibt gar nicht erst die Möglichkeit draußen zu sitzen. In diesem Fall sind dann auch kaum Gäste da. Somit schlendern wir einige Zeit ziellos umher, bis wir über die Mariahilferstraße in den sechsten Bezirk gelangen. Dort biegen wir in die Windmühlgasse ein. Gleich zu Beginn dieser, gegenüber des Vapiano lockt eine nette Holzterrasse mit gemütlich aussehenden Sitzbänken und einigen Topfpflanzen. Ein Tisch wird soeben frei.

Erfreut darüber nehmen wir an dem runden Tischchen Platz, auf dem noch die leeren Gläser der vorherigen Gäste stehen. Leichter Zigarrengeruch weht vom Nachbartisch herüber. Die bereits eingeschaltete Straßenbeleuchtung sowie die Flammen in den kleinen weißen Laternen auf jedem Platz erzeugen eine entspannte Lichtstimmung. Eine junge Kellnerin mit einer dicken Holzkette um den Hals fragt uns leicht verwirrt ob wir noch einen Wunsch hätten. Als sie bemerkt, dass wir eben erst gekommen sind, lacht sie auf und meint „Jetzt hab ich mich schon gewundert, wie schnell ihr das alles getrunken habt“. Nachdem sie unsere Bestellung aufgenommen hat, wischt sie mit einem feuchten Tuch über den Tisch und räumt die leeren Gläser ab.

Nächtliche Vorhaben
An den restlichen Tischen sitzen hauptsächlich jüngere Menschen, die sich mit gedämpften Stimmen unterhalten. Als ich in unsere Runde frage, wie die Gasse hier nochmal heiße, beantwortet mir ein Mann mit runder Brille am Nebentisch meine Frage. Er sitzt alleine da und tippt etwas in sein Telefon. Kurz darauf steht er auf und stellt sich an die Türe des Lokals. Die Fassade des Beisls ist mit ziegelroten Holzvertäfelungen verkleidet. Diese wird nur von der schmalen Eingangstüre sowie von länglichen Fenstern unterbrochen. Ein paar schwarze Tafeln kündigen die Happy Hour sowie andere Angebote von Getränken an. Aus dem Inneren der Bar dringt leise Musik und die Stimme eines Gastes, der sich mit der Kellnerin zu unterhalten scheint.

(c) Stehbeisl

(c) Stehbeisl

Der Platz neben uns bleibt nicht lange leer. Eine Gruppe von drei jungen Männern nimmt diesen unter lautem Gelächter ein. Die bis gerade eben noch sehr ruhige Geräuschkulisse scheint sich in diesem Moment drastisch zu ändern. Da die Tische auf der Terrasse vor dem Lokal recht nahe beieinander stehen, kann ich es kaum vermeiden, das Gespräch des Nebentisches mitanzuhören. Sie unterhalten sich auf Englisch und scheinen den heutigen Abend zu planen. Darüber wohin es genau gehen soll, sind sie sich noch nicht ganz einig. Das Ziel Frauen aufzureißen scheint jedoch von allen gleich geteilt zu werden. „I love it to be Single“, ruft einer der Männer und seine Freunde pflichten ihm sichtlich bei. Als die Kellnerin ihre Getränke bringt, stoßen die Männer etliche Male motiviert an und klopfen sich anschließend auf die Brust und die Oberschenkel.

Als ich etwas später hinein gehe und an der Bar auf die Kellnerin warte, spricht mich ein älterer Herr an. Er sitzt alleine an der Bar und trinkt Wein. Er bietet mir mit einer freundlichen Geste auf den leeren Barhocker den Platz neben sich an. Ich lehne höflich ab, worauf hin er das Lied im Hintergrund mit „Clubsound“ kommentiert. Mit hektischen Bewegungen wirft er seine Hände in die Luft und lacht dabei laut. Ich muss auch lachen.
In diesem Moment kommt die Kellnerin herein und ich erkundige mich nach dem Kontakt zu dem Besitzer des „Stehbeisls“. Da sie den ersten Tag dort ist, verweist sie mich an ihre Kollegin, die mir gerne Auskunft geben würde, jedoch ist ihr Akku leider leer. Der Mann mit der runden Brille von vorhin kann mir schließlich helfen. Anscheinend kennt er den Besitzer ebenfalls. Als ich mich für die Telefonnummer bedanke, meint er belustigt: „Für etwaige Beschwerden, nur für Beschwerden“.

Der Charme des „erweiterten Wohnzimmers“
Gegen 23 Uhr werden alle Gäste gebeten sich in das Innere des Lokals zu begeben, da der Gastgarten schließe. Dem Wunsch gehen wir gleich nach und nehmen an einem runden Tisch Platz. An den holzverkleideten Wänden hängen alte Pfeifen und Musikinstrumente. Hinter der Theke versteckt sich eine altmodische Kassa. Obwohl über jedem der Tische eine bunte Lampe angebracht ist, wirkt der kleine Raum sehr dunkel. Bald schon kringeln sich dicke Rauchfäden durch die Luft. Die Musik wird nun etwas lauter und wir fühlen uns sehr wohl. Später erzählt mir Tomek am Telefon, der seit 2007 Besitzer des „Stehbeisls“ ist, dass das Lokal bereits seit 1976 existiere. Der Fakt, dass das Lokal wie ein „erweitertes Wohnzimmer“ sei, mache den Charme des „Stehbeisls“ aus, meint Tomek.

Nach und nach scheint das Lokal immer voller zu werden und die Stimmung ausgelassener. Eine Person an der anderen Seite der Bar singt laut zu einer Coverversion von „The Times They are a-Changin’“. Obwohl die zwei Kellnerinnen sichtlich viel zu tun haben, müssen wir nie lange auf unsere Bestellungen warten. Als ein Gast mit drei Hunden das Lokal betritt und diese wild durch das Beisl laufen, fühlt es sich wirklich etwas heimelig an. Wir streicheln die vorbeilaufenden Hunde und genießen die belebte Atmosphäre. Nachdem jener Gast das Lokal wieder verlässt und es ruhiger wird, beschließen wir auszutrinken und ebenfalls den Heimweg anzutreten.

Titelbild: (c) Stehbeisl

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.