Philosophische Praxis: Das Leben im Gespräch

Die Antwort auf eine Frage liegt manchmal in uns selbst. Es braucht vielleicht nur ein Gespräch oder einen anderen Blickwinkel. Beides liefern immer öfter Philosophische Praktiker..

Bücher tun es,  Forschende tun es und die Eltern tun es auch. Sie geben Ratschläge über das Leben, Glück und Erfolg. Für Studierende ist wohl der Juni einer der Monate, in denen sie am meisten über ihr Dasein nachdenken. Der Lernstress lässt Fragen laut werden: Welchen Zweck hat das Studium? Wie soll ich mein Leben leben? Und – wie hilft mir bitte „Publikation X: Ein Studienbuch zur Einführung“, eines Tages die Miete zu zahlen? Offene Fragen und schwere Entscheidungen begleiten Menschen in allen  Lebensphasen. Für jene, die Unterstützung suchen, gibt es einen regelrechten Markt an Vorträgen, Kursen oder Ratgebern. Eine Alternative, die immerhin mehr als 2000 Jahre Erfahrung in der Schwergewichtsklasse der „großen Fragen“ hat, ist die Philosophie. Sie beschäftigt sich seit jeher mit Liebe, Freundschaft, Existenz und Tod. Philosophische Praktiker verstehen sich als Gesprächspartner in diesen Themen. Dabei geht es nicht um eine Beratung nach dem Motto „in 10 Schritten glücklich sein“, sondern um einen Anreiz zur Selbstreflexion.

Der Begriff Philosophische Praxis ruft zunächst fragende Gesichter hervor. Bei einer Google-Suche mit den Wörtern „Philosophie“ und „Praxis“ scheinen zahlreiche Webseiten einzelner Praktiker auf. Die Leistungen reichen von Gesprächs- und Beratungsangeboten für Einzelpersonen, Paare und Unternehmen bis hin zur Psychotherapie. Diese Bandbreite lässt Fragen aufkommen:  Was ist Philosophische Praxis genau? Beratung, Therapie oder doch etwas anderes?

Zeit für ein Gespräch
Gerd Achenbach war 1981 der Erste, der den Begriff für sich benutzt und somit geprägt hat. Seit den 80ern hat sich mit der steigenden Zahl an Praktikern ein Berufsbild entwickelt, das von einzelnen Vertretern sehr unterschiedlich interpretiert wird. Die gemeinsame Idee: Philosophieren – abseits von Universitäten – in Bereichen des praktischen Lebens, der Kunst, der Kultur und in der Wirtschaft.

Innerhalb der Philosophischen Praxis gebe es verschiedene Formate, so Leo Hemetsberger. Er ist unter anderem in seiner eigenen Praxis tätig und arbeitet mit Unternehmen, Gruppen und Privatpersonen. Die charakteristischste Methode ist das philosophische Gespräch. Es gehe darum, in Ruhe über Fragen und Probleme zu reden. Der Begriff der Praxis mag wohl die Assoziation „Arzt“ wecken. Leo Hemetsberger betont jedoch, dass das Verhältnis zu seinen Kunden nicht das eines Arztes oder Therapeuten zu einem Patienten ist. Er trete nach sokratischem Vorbild mit seinen Kunden in ein Gespräch ein.

Zusatzinfo: Der Begriff „Maieutik“oder „Hebammenkunst“ bezeichnet eine Gesprächsform nach sokratischem Vorbild. Wiederholtes Fragen soll den Gesprächspartner anregen, eigenständig zu denken. Der Fragende ist in der Metapher die Hebamme, die Gedanken des anderen fördert.

Der Praktiker höre zu, wo Bedarf bestehe und setze sich tiefgehend mit den persönlichen Anliegen auseinander. So vielseitig wie die Philosophie ist, sind auch die möglichen Themen: Konflikte, Jobwechsel oder Lebensziele. Es handelt sich aber nicht um eine philosophische Belehrung. „Man rennt da nicht stolz dozierend durch die Gegend und hängt den Leuten die eigene Weisheit um“, so Leo Hemetsberger. Der Praktiker führt sein Gegenüber im Gespräch an philosophische Denkweisen heran und gibt Anreize, Themen zu hinterfragen. Dabei merkt man vielleicht gar nicht, dass gerade Aristoteles, Kant oder Nietzsche durch die eigenen Gedanken streifen. Philosophie ist nicht explizit Thema, steht aber im Hintergrund. Leo Hemetsberger wiegt im Laufe des Gesprächs ab, ob Fragestellungen aus der Philosophiegeschichte in der gegebenen Situation weiterhelfen können. Es gehe um Methodenkritik und darum Menschenbilder zu hinterfragen.

Er hat neben dem Doktor der Philosophie auch Diplome als Lebens- und Unternehmensberater und  als Mediator. Das habe formale Gründe. Für Philosophische Praktiker an sich gebe es keine Gewerbeberechtigung. In Österreich ist die Lebens- und Sozialberatung ein geschützter Bereich und so paradox es klingt, dürfen Philosophen unter eigenem Deckmantel nicht in diesem Feld arbeiten.

Auf den Webseiten anderer Praktiker sind philosophische Gespräche nur ein Teil des Angebots. Beratungen und Coachings im sozialen oder therapeutischen Kontext ergänzen es. Der Preis und die Dauer pro Sitzung sind sehr unterschiedlich.

Zusatzinfo: Bei einer Google-Suche ergab sich eine Preisspanne von 70 Euro für 1,5-2 Stunden bis hin zu 250 Euro ohne Zeitangabe.

Leo Hemetsberger erklärt, dass es auch eine Idee der Praxis ist, Philosophie mit zusätzlichen Kenntnissen zu verbinden. Mit dem Studium alleine, könne man in der Wirtschaft Kunden nur schwer überzeugen.

Hier geht’s zum zweiten Teil:
Über Philosophie in der Psychotherapie und die Frage der beruflichen Identität.

david.steiner@mokant.at'

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