Jo Stöckholzer: Zwischen Folk und Elektrizität

Foto: (c) Philipp Bauer

mokant.at trifft den aufstrebenden Multi-Instrumentalist Jo Stöckholzer bei einem Wohnzimmerkonzert und spricht mit ihm über seine eigenwillige Musik, kreative Prozesse und die Nähe zum Publikum.

15 Augenpaare starren gebannt zu den zwei jungen Musikern, die im Wohnzimmer einer WG in Wien noch einmal kurz vor ihrem Konzert durchatmen. Jo Stöckholzer startet das Intro mit dem Zupfen der Gitarrensaiten. Nach und nach nimmt er Schnalzlaute und kurze Gesangspassagen mit der Loop-Station auf. Durch Live Looping kann er die Musikbausteine immer wieder abspielen. Er bedient das Gerät barfuß. Zusätzlich setzt er Akzente durch die analoge Drum Machine, einem elektronischen Instrument zur Erzeugung von Rhythmus. Dorian „Dodo“ Windegger sitzt zwischen Piano und Synthesizer und wippt im Takt. Die Loop-Station verbindet stetig weitere Musikbausteine und baut dadurch Spannung im Intro auf. Dodo wartet auf den Einsatz seiner Tasten, das Publikum auf die ersten gesungenen Textpassagen.

„Deutschsprachiger Folk mit einem Hauch von Elektrizität“

Foto: (c) Davut Cekmecelioglu

Foto: (c) Davut Cekmecelioglu

Der 21-jährige Jo Stöckholzer ist ein Tiroler Multi-Instrumentalist. Er weiß die Saiten von Western-Gitarren, Guitalele, sowie 12-Saiter-Gitarren zu schlagen, zupft das Banjo, macht Percussion und spielt Klavier. Am diesjährigen Donauinselfest unterstützt er die Band Vormärz am Schlagzeug. So vielfältig seine Talente sind, so ambivalent ist auch seine Musik. Sein Genre genauer zu definieren fällt ihm schwer: „Es ist einfach deutschsprachiger Folk mit einem Hauch von Elektrizität. Wobei, bald ist es nicht nur mehr ein Hauch, sondern Elektrizität mit einem Hauch von deutschsprachigem Folk“, meint der Singer -Songwriter. Auch wenn sich seine Musik verändert, werden Gitarre und Klavier weiterhin Bestandteil sein. Denn „die richtig gefühlvollen Lieder, die etwas bewegen, die entstehen schon auf der Gitarre, oder am Klavier aus der Emotion heraus“, sagt Stöckholzer.

Hochdeutsch und undeutliches Sprechen
Begonnen hat Jo Stöckholzer 2012 ganz simpel mit Gesang und akustischer Gitarre. Vor drei Jahren waren manche Texte noch auf Englisch, manche im Tiroler Dialekt. Englisch war ihm jedoch zu plump und im Dialekt fehlten ihm die Worte. Kennzeichen seines Gesangs sind „das hochdeutsche- und das nicht so deutliche Sprechen“, wie er selbst sagt. Bei kleineren Konzerten ist er, auch aus Platzgründen, im Duo unterwegs. Auf großen Bühnen begleitet ihn seine Band mit Bass, Schlagzeug und DJ-Set, wie zum Beispiel am Full Tension Festivals in Bozen, wo er diesen Mai vor AnnenMayKantereit und Bilderbuch auf der Bühne stand. Als Support spielte Jo Stöckholzer bereits für mehrere österreichische Größen wie Clara Luzia, DAWA, Garish und Nino aus Wien. Gleich nach dem Wohnzimmerkonzert geht es weiter nach Nickelsdorf zur Singer-Songwriter Bühne am Nova Rock Festival.

„Du kannst das nit“
Sein Beweggrund fürs Musik machen ist einfach erklärt: „Ich hab immer das gemacht, wo die Leute gesagt haben, du kannst das nit.“ Weil er sich geweigert hat Kirchenlieder zu singen, bekam er in der Volkschule eine Zwei in Musik. Die Texte waren ihm zu bieder. Beim Zeichnen hörte er während der Schulzeit dieselbe Phrase: „Lass das sein!“ und ging prompt in eine Grafik HTL. Jetzt ist Jo Stöckholzer mit Erfolg Grafiker und Musiker. Ob es ihn gerade dadurch reizt, sei für ihn schwer zu sagen. „Ich mag den kreativen Prozess einfach gern“, erklärt der junge Musiker. Seinen Sinn für Musik zeigt er auch beim Theaterstück „Eine Sommernacht“. Dieses Stück untermalt er live mit selbst geschriebenen Liedern, denn seine Kreativität lebt Stöckholzer beim Texten von ganz und gar nicht biederen Liedern aus.

Musik als Denkanstoß
Inhaltlich beschäftigen sich die Lieder von Stöckholzer mit ernsten Themen. Oben Unten Links Rechts erinnert an die derzeitige Lage von Asylsuchenden in Österreich. Der Protagonist im Lied stellt fest: „Du bist Alles und ich Nichts“ und fragt sich im Refrain „Warum gibt es dies´ Oben und Unten, dieses Links und wieder dieses Rechts.“ Die Frage, ob seine Musik politisch sei, findet Jo schwierig. „ Sie trifft mehr die Ethiker, als die Politiker“, findet er. Seiner Meinung nach berührt Politik erst, wenn etwas schief gelaufen ist. Er meint, für Musiker sei es leichter, einen positiven Draht zu Menschen aufzubauen. „Ich will etwas auslösen. Das ist die schönste Sache, wenn du merkst, du hast jemanden wirklich getroffen“, fasst der Musiker zusammen. Der direkte Kontakt mit seinen Zuhörern ist ihm wichtig. Bei größeren Konzerten fordert er am Ende das Publikum auf: „Kommts dann rüber zu mir und red ma a bissl.“ Wegen der Intimität seien Wohnzimmerkonzerte für ihn die schönsten Konzerte.

Glückliche Kinder im Wohnzimmer
Bei Konzerten legt der junge Musiker Wert auf den Kontakt mit dem Publikum. Er fühle, was er singt und möchte auch, dass die Zuhörer mitfühlen. Immer wieder kommt er vor sein Mikrofon um akustisch zu spielen. Bei „Wie lange“ schnappt er sich die kleine Guitalele, eine Mischung aus Gitarre und Ukulele. Auch Dodo befreit sich von seiner Tastenbarrikade, kommt in die Mitte und stimmt mit seiner Melodica ein. Auch bei „Glückliches Kind“ sind die Zuhörer aufgefordert mitzusingen. Nach und nach fügen sich die unterschiedlichsten Stimmen ein. Grinsende Gesichter füllen den Raum und „kratzen die Trauer von den Tapeten“, wie eine Zeile im Lied lautet. Das letzte Lied kommt schneller, als erwartet. „Kannst du fliegen?“, fragt Jo Stöckholzer mit kratziger Stimme. Obwohl die Lieder trostlos wirken, ziehen sich vereinzelte Farbtupfer der Hoffnung durch und machen dadurch Lust auf mehr.

Wie es weiter geht
Der nächste Meilenstein für Jo Stöckholzer ist die Veröffentlichung seines Debutalbums „Alles“ im Herbst 2015. Lieder für das nächste Album sind auch schon da und werden vom selben Label, Aktiv Sound Records, aufgenommen. Wer Lust auf mehr bekommen hat, dem sind folgende Konzerte ans Herz gelegt:

09/07/15 Rock on the Roof Festival in Götzis, Vorarlberg

22/07/15 Weigh Station for Culture in Bozen, Südtirol

08/08/15 Poolbar Festival in Feldkirch, Vorarlberg

16/10/15 Treibhaus Innsbruck, Tirol

Ist keine passende Location dabei, dann könnt Ihr euch Jo Stöckholzer sogar für ein Konzert  in Eure Stadt wünschen. Oder Ihr informiert euch einfach auf seiner Homepage über Neuigkeiten.

Titelbild: (c) Philipp Bauer

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Sophie Minihold ist als Redakteurin für mokant.at tätig und studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien. In ihrer Freizeit ist sie auf Konzerten zu finden. Derzeitiges Lieblingslied: Beirut - No No No

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