Selbstversuch: Heute träum‘ ich was ich will

Ein Klartraum oder luzider Traum ist ein Traum, in dem der Träumende realisiert, dass er gerade träumt. Fünf Wochen lang habe ich den Versuch gestartet, mehr Kontrolle über meine Traumwelt zu erlangen.

8 Uhr Früh, verwirrt schaue ich mich in meinem Zimmer um und frage mich, ob ich schon wach bin. Obwohl ich eigentlich reichlich Schlaf hatte, bin ich trotzdem müde – als hätte ich nicht zu wenig, sondern zu viel geschlafen. Aufs Neue haben mich nächtliche Abenteuer zu intensiv beschäftigt, aber erinnern kann ich mich in der Früh an nichts. Um meine Traumwelt besser in den Griff zu bekommen, starte ich fünf Wochen lang ein Experiment. Ultimatives Ziel? Einen luziden Traum zu haben, also im Schlaf das Bewusstsein zu erlangen, dass ich gerade träume und dann, im besten Fall, auch ein bisschen über die Geschehnisse mitzubestimmen.

Phase 1: Der richtige Ratgeber

(c) Katharina Kropshofer

(c) Katharina Kropshofer

Wer den Film Inception gesehen hat weiß, wie  Erwartungen an die eigene Traumwelt aussehen können. Bevor ich beschließe, selbst ein Klarträumer zu werden, betreibe ich deswegen im Internet intensive Recherche und stoße auf die unglaublichsten Geschichten, die wirklich an diverse Filmszenarien erinnern. In verschiedenen Foren findet man zum Beispiel Profisportler, die davon erzählen, dass sie ihre Fähigkeiten im Traum ausbauen können. Ein Golfspieler beschreibt etwa, wie er schlafend seinen Abschlag trainiert. Auch lese ich von Künstlern, die ihre Inspiration auf diese Art und Weise bekommen und bin sofort überzeugt: Das will ich auch.
Den Möglichkeiten in einem Klartraum sind quasi keine Grenzen gesetzt. Starten die meisten mit einfachen Aufgaben wie schlafend zu beschließen weiterzuträumen, können erfahrene Träumer auch ganze Traumwelten erschaffen, die sie sogar fliegend erkunden. Um den Traumprozess beeinflussen zu können, sollte man ihn davor natürlich auch verstehen. Also folge ich einigen Empfehlungen in den Foren und beschaffe mir ein schlaues Buch mit dem simplen Titel „Anleitung zum Klarträumen“.
Sobald wir einschlafen, durchlaufen wir mehrere Phasen mit komplexen Vorgängen in unserem Gehirn. Während drei Phasen des Tiefschlafs in der ersten Nachthälfte stattfinden, wird der für das Träumen entscheidende REM-Schlaf meist erst in der zweiten Hälfte dominant. Der REM-Schlaf ist nach dem Phänomen des Rapid Eye Movement benannt, einem charakteristischen Augenzucken, das einen leichteren Schlaf, aber eine hohe Gehirn Aktivität anzeigt. Generell wiederholt sich ein Schlafzyklus von Phase eins bis vier alle 90 Minuten. Manche Forscher vermuten, dass der Traumprozess medizinisch gesehen funktioniert, indem die Aktivität des frontalen Gehirn Cortex’ dezimiert wird. Dieser Teil des Gehirns ist verantwortlich für Logik und Planung, weshalb eine geringe Aktivität erlaubt, eigentlich unmögliche Dinge zu sehen und zu machen. Es wird jedoch spekuliert, dass in einem Klartraum genau dieses Areal wieder teilweise aktiv wird und wir somit „klare“ Gedanken fassen können.
Erstaunt bin ich darüber, wie wenig über den Sinn des Träumens bekannt ist. Viele Forscher folgen dem Beispiel Sigmund Freuds und sehen in Träumen eine unterbewusste Manifestation unseres tiefsten Verlangens und unserer größten Ängste.
Auch wenn zahlreiche Spekulationen bestehen, muss ich mir über den experimentellen Charakter meines Versuches klar werden. Ein sicheres Ergebnis darf ich mir auf keinen Fall erwarten, aber so schnell werde ich nicht aufgeben.

(c) Katharina Kropshofer

(c) Katharina Kropshofer

Phase 2: Vom Experimentieren zum konkreten Plan
Als einziges Hilfsmittel habe ich demnach meine Psyche und ein kleines Traumtagebuch, welches definitiv notwendig ist, um die erste Hürde zu überwinden: Sich an das Geträumte zu erinnern.
Die ersten paar Tage wache ich auf wie immer und schaffe es nicht, wie geplant sofort nach dem Aufwachen alles aufzuschreiben, was noch in meinem Kopf herumschwirrt. Je länger man wartet (und hier handelt es sich oft wirklich nur um Sekunden), desto schneller ist alles wieder weg. Im Kopf bleibt lediglich eine Art Nachgeschmack und die Gewissheit, dass da etwas war – nur zu diesem Zeitpunkt ist dieses Etwas leider undefinierbar.
Eine Woche brauche ich, um eine Routine zu finden und meinem Gehirn zu erklären, dass das Erste nach dem Aufwachen wirklich der Griff zum Notizbuch sein muss. Blättere ich mich dann nach den ersten Tagen durch die bekritzelten Seiten, finden sich nur unverständliche Satzfetzen wie „rauchige Stube“, „Fahrt durch Slowenien“, oder „genervt“. Scheinbar scheint sich mein Unterbewusstsein, oder besser gesagt mein träumendes Gehirn, noch ein wenig zu sträuben. Einmal wache ich sogar auf und merke, dass ich mich selbst ausgetrickst habe: Nach dem Aufwachen schlafe ich nochmal kurz ein und träume, dass ich den Traum aufschreibe. Zurück im wirklichen Wachzustand ist die Seite natürlich leer.
Dass die aufgeschriebenen Sachen dann auch wirklich Bilder in meinem Kopf hervorrufen, dauert noch bis in die zweite Versuchswoche hinein. Mittlerweile hoffe ich stark darauf, dass Freud unrecht hatte und will mit meinen skurrilen Trauminhalten eigentlich so wenig wie möglich zu tun haben. Erste Zweifel überfallen mich: Vielleicht hat es ja einen Sinn, dass wir uns meistens nicht an das Geträumte erinnern und vielleicht störe ich durch mein Stöbern nur den natürlichen Verarbeitungsprozess meiner Erlebnisse.

Hier geht’s zum zweiten Teil: Mantra, Reality Checks und kleine Erfolgserlebnisse

Kathi hat Biologie und Kultur- und Sozialanthropologie studiert. Sie findet, dass die Kombination hilfreich ist, um sich professionell über die Menschheit zu wundern.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.