VSStÖ vs. JUNOS: Zum Schluss schenk‘ ich dir Marx

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Ein moderiertes Streitgespräch zwischen Lucia Grabetz von dem Verband Sozialistischer Student_Innen Österreichs (VSStÖ) und Niko Swatek von den Jungen Liberalen Studierenden (JUNOS) über Studienplätze und Motivationsschreiben als Aufnahmeprüfung.

Mitten im Wahlkampf treffen sich im Arkadenhof der Universität Wien Lucia Grabetz und Niko Svatek. Lucia ist Spitzenkandidatin des Verbands Sozialistischer Student_Innen Österreichs (VSStÖ), studiert auf der Universität Wien Lehramt Deutsch und Französisch und fordert auf roten Plakaten das „ganze Leben“. Niko, der Spitzenkandidat der NEOS-Tochter JUNOS (Jungen Liberalen Studierende) kommt von der TU Graz, aus der zweitgrößten Studierendenstadt Österreichs und studiert dort Technische Physik. Vor Jahren hat er noch für die Fachschaftslisten Österreichs (FLÖ) kandidiert und will jetzt mit einem pinken Anstrich wieder in die Bundesvertretung.

Dass die Jungen Liberalen mit den Sozialistischen Studierenden viel zu streiten haben, sollte nicht überraschen. Vielmehr haben sie aber auch mehrere gemeinsame Forderungen, wie eine Reform des Beihilfenwesens. Zum Schluss sorgt ein Geschenk für eine Überraschung. Nachdem das Streitgespräch zwischen den beiden Spitzenkandidaten vorbei ist, packt Lucia ein Buch für Niko aus: Marxismus ein Sachcomic. Ein Gespräch über Zugangsbeschränkungen, freie Hochschulen und Ideologien.

Zum zweiten Teil des Streitgesprächs: Pleite-Studierende, Eliten und Schmuse-Plakat

mokant.at: Ich würde sagen, wir beginnen einfach mit den harten Fronten. Niko, in eurem Konzept sind auch „nachgelagerte Studiengebühren“ enthalten. Was ist das genau?
Niko Swatek: Man zahlt erst Studiengebühren, wenn man mit beiden Beinen fest im Leben steht und über einen Freibetrag verfügt. Wir fordern das, weil in Österreich Bildung stark vererbt wird. Kinder aus Akademikerfamilien besuchen mit höherer Wahrscheinlichkeit eine Hochschule als Kinder aus Nicht-Akademikerfamilien. Da aber alle Österreicher für die Finanzierung der Hochschulen aufkommen, ist das nichts anderes als eine Umverteilung von unten nach oben. Mit Studiengebühren kann man das ausgleichen.
Lucia Grabetz: Du hast etwas angesprochen, wo ich völlig mitgehen könnte, eine Umverteilung von oben nach unten. Doch die findet nur statt, wenn Vermögen besteuert wird. Nicht Bildung, sondern Vermögen muss besteuert werden. De facto ist es in Österreich momentan so, dass das reichste Ein-Prozent 37 Prozent vom Gesamtvermögen besitzt. Umgekehrt besitzen 50 Prozent der ärmsten Leute in Österreich nur 2,2 Prozent des Vermögens. Eine Umverteilung schafft man, in dem man Vermögen besteuert und Vermögen wird zurzeit vererbt.

mokant.at: Niko, siehst du es als Aufgabe der ÖH an, sich für eine Vermögenssteuer einzusetzen?
Niko Swatek: Nein, ich finde Vermögenssteuern haben keinen großen Sinn, wenn es um tertiäre Bildung geht. Bei Vermögenssteuern kommt es immer darauf an wie viele reiche Leute es gerade im Land gibt. Wenn man es wirklich eins zu eins aneinander zweckwidmen würde, was schon unwahrscheinlich ist, würde bei einem Reichen-Mangel auch das tertiäre Bildungswesen leiden. In unserem System ist es so, dass man nur zurückzahlt, wenn man viel verdient.
Lucia Grabetz: Ich bleibe trotzdem dabei, dass nicht Bildung besteuert werden soll, sondern hohes Einkommen.

Nachgelagerte Studiengebühren: Man zahlt wenn man mit dem Studium fertig ist

mokant.at: Es ging eigentlich um Studiengebühren. Lucia, für den VSStÖ ist das Thema Studiengebühren absolut vom Tisch?
Lucia Grabetz: Ich bin selbst im Sozialreferat der ÖH-Bundesvertretung tätig und ich sehe, dass Studiengebühren – sie sind nicht zur Gänze abgeschafft – immer wieder ein großes Loch ins Budget der Studierenden reißen. Studierende aus Drittstaaten müssen die doppelten Studiengebühren zahlen, das sind ungefähr 740 Euro. Gleichzeitig dürfen sie nur zehn Stunden im Bachelor und zwanzig im Master nebenbei arbeiten. Das zeigt die Absurdität auf. Als Studierender aus einem Drittstaat kannst du nur hier studieren, wenn dich die Eltern finanzieren.
Niko Swatek: Ja, Studierende aus Drittstaaten sollten nicht benachteiligt werden. In unserem System mit den nachgelagerten Studiengebühren kann man auch Studieren, wenn man gerade das Geld nicht im Börserl hat. Man zahlt erst, wenn man schon mit dem Studium fertig ist. Das widerlegt deine Befürchtung.
Lucia Grabetz: Allgemein muss man noch zu den nachgelagerten Studiengebühren schon noch sagen, dass sie sehr wohl eine Hürde darstellen. Der Gedanke ein Studium anzufangen und danach etwas zurückzahlen zu müssen, ist für Jemanden aus einer ArbeiterInnenfamilie eine größere Hürde, als für eine Person mit finanziell gesicherten Background. Ihr verkennt ein bisschen die Lebensrealität von den Studierenden, die nicht aus einem „eh schon akademischen Umfeld“ kommen. Teilweise nehmen Studierende auch so schon Schulden auf sich.
Niko Swatek: Grundsätzlich entscheidet man meistens in der Schulphase, ob man ein Studium beginnt oder nicht und da macht man sich noch gar keine Gedanken wegen der Studiengebühren. In unserem System kann man sich ja auch grundsätzlich nicht verschulden, weil man nur zurückzahlt, wenn man von seinem Studium profitiert, das heißt lebenslange Verschuldung ist nicht möglich.

mokant.at: Wie in den USA?
Niko Swatek: Dort sind es Privatkredite und bei uns ist es ein staatliches Bildungsdarlehen. Wenn man es innerhalb von 30 Jahren nicht zurückzahlen kann setzt die staatliche Ausfallshaftung ein. Und wenn Studiengebühren eingeführt werden, muss man das Beihilfensystem ausbauen.
Lucia Grabetz: Das Beihilfensystem ist massiv ausbaufähig. Aber Studiengebühren können nie im Leben eine Hochschule ausfinanzieren.
Niko Swatek: Dazu brauchen wir auch zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes, das aufgrund einer kapazitätsorientieren Studienplatzfinanzierung vergeben wird und mehr Drittmittel.

„Selbst wenn man das Budget im tertiären Bildungssektor verzehnfacht, kann es immer noch passieren, dass auf einmal hunderte Menschen, wegen einer Serie, zum Beispiel Big Bang Theorie, wieder Physik studieren wollen“

mokant.at: Reden wir kurz über die Utopie. Wenn die Universitäten ausfinanziert wären, würdet ihr dann für einen freien Zugang eintreten?
Niko Swatek: Wir sind für Zugangsbeschränkungen dort, wo es zu Kapazitätsengpässen kommt. Selbst wenn man das Budget im tertiären Bildungssektor verzehnfacht, kann es immer noch passieren, dass auf einmal hunderte Menschen, wegen einer Serie, zum Beispiel Big Bang Theorie, wieder Physik studieren wollen (alle lachen) und dann gibt es nicht genug Laborplätze. Dann muss man in dem Semester Zugangsbeschränkungen machen, damit die Studierenden ein faires Studium bekommen. Wo sie von Anfang bis Ende durchgehend studieren können und nicht an Knock-Out Prüfungen oder an zu wenig Laborplätzen scheitern.

mokant.at: Der VSStÖ steht für einen freien Studien-Zugang, wie soll das Problem der übervollen Hörsäle gelöst werden?
Lucia Grabetz: Zugangsbeschränkungen lösen de facto nicht das Platzproblem. Wir haben in Psychologie Zugangsbeschränkungen und die Leute sitzen in den Hörsälen trotzdem am Boden. Was es jetzt noch viel zu wenig gibt, sind gute Orientierungsphasen. Ich selbst habe von meiner Schule aus nicht auf die Berufsorientierungsmesse gehen dürfen. Das war ein wichtiger Moment in der Klasse, weil wir gemeinsam beschlossen haben, trotzdem hinzugehen und zu schwänzen (alle lachen). Es geht um Orientierungsphasen auch vor dem Studium, das machen wir mit der ÖH schon ein bisschen durch die MaturantInnenberatung, aber dann auch wenn man auf die Hochschule kommt. Wir als VSStÖ fordern hier eine echte Orientierungsphase, in der man sich im ersten Semester drei verschiedene Studienrichtungen anschauen kann, auch an verschiedenen Hochschulen. Und sich dann diese Lehrveranstaltungen anrechnen kann.

mokant.at: Wäre das ein Vorschlag mit dem die JUNOS was anfangen können?
Niko Swatek: Naja, wir sind grundsätzlich der Meinung, dass Schulen viel härter in die Pflicht genommen werden müssen, um auch wirklich ihren Schülern aufzuzeigen, was sie später nach der Schule machen können. Wir haben auch keinen Tag frei bekommen um uns darüber zu informieren, was wir nachher einmal machen wollen.

„Ihr steht für eine Uni der Eliten“

mokant.at: Das StudierenProbieren ist doch auch ein bereits bestehendes Angebot, eine Teilnahme wird auch entschuldigt.
Niko Swatek: Das ist super, aber ist wieder von der ÖH und nicht von den Schulen. Und es gibt auch kein österreichweites einheitliches Gesetz das vorsieht, dass es Orientierungszeit innerhalb der Schulzeit gibt, weil ja alles mit den Landesgesetzen geregelt ist. Das ist schon einmal schlecht. Und so eine grundsätzlichen Orientierungsphase, wie sie auch der VSStÖ vorsieht, klingt zwar wunderschön – aber es kann aber immer passieren, dass sich die Orientierungsphase der drei Studien überschneidet oder dass sie hintereinander sind und ich von Hochschule A nicht nach Hochschule B komme. Ich halte das Konzept für nicht ausgereift.
Lucia Grabetz: Es geht um eine Vorinskription. Das heißt, du hast im ersten Semester in verschiedenen Hochschulen Vorlesungen, in der Realität nicht in drei verschiedenen Bundesländern, da muss man schon bei der Lebensrealität von Studierenden bleiben. Das entscheidende dabei ist die Orientierungsmöglichkeit. Und um noch einmal auf Zugangsbeschränkungen zurückzukommen, die eine große Hürde sind. Wer kann denn sich überhaupt diese Aufnahmeprüfung leisten? Das sind Menschen, die sich die Vorbereitungskurse leisten können und im Sommer vielleicht nicht arbeiten müssen. Ihr steht für eine Uni der Eliten.
Niko Swatek: Nein, das stimmt nicht. Das mit den Eliten ist Blödsinn und das Aufnahmeverfahren punktuelle Tests sein müssen, für die man vorher lernen oder Kurse besuchen muss, ebenfalls. Wir stehen nicht für eine punktuelle Prüfung, sondern wir wollen ein Aufnahmeverfahren, das aus mehreren einzelnen Abschnitten besteht und das kann auch wirklich nur ein Motivationsschreiben sein. Bei mir auf der TU Graz (Technische Universität Graz, Anm.) haben wir in Architektur eine Aufnahmeprüfung. Es haben sich 351 Menschen inskribiert und die Aufgabe war es, ein Motivationsschreiben zu der Frage „Warum will ich Architektur studieren?“ zu verfassen und es haben nur 188 Leute eingereicht. Das ist ein bisschen über fünfzig Prozent. Man kann nicht sagen, dass es eine Hürde darstellt, sich im Vorfeld mit seinem Studium auseinanderzusetzen. Das ist genau das, was du eigentlich mit deiner Orientierungsphase willst. Du hast trotzdem gesehen, dass es fünfzig Prozent „nicht schert“ das zu schreiben.
Lucia Grabetz: Also das finde ich ein bisschen frech, dass du sagst, die Leute „scherts nicht“ das Motivationsschreiben zu machen. Warum es mir geht, ist dass die Leute, nicht bevor sie auf die Hochschule kommen schon wissenschaftlich arbeiten müssen, sondern in einem ersten Semester eine Unterstützung und Orientierung bekommen und erst danach die wissenschaftlichen Ansprüche gefordert werden. Und wenn du ein Motivationsschreiben noch nie in deinem Leben gemacht hast, ist das sehr wohl auch eine Hürde. So easy ist das nicht, wie du tust.
Niko Swatek: Also ein Motivationsschreiben ist keine wissenschaftliche Arbeit und es wurde nicht einmal bewertet. Es ging nur darum etwas einzureichen.

mokant.at: Diese Art von Eignungstest ist insgesamt sehr selten. Es gibt auf der Psychologie zum Beispiel Tests, wo Lerninhalte und Kompetenzen abgefragt werden.
Niko Swatek: Ja, wir fordern das diese Aufnahmeverfahren von den Studierenden zusammen mit den Professoren erstellt werden. Die zwei Gruppen wissen am besten, welches Verfahren für ihr Studium am besten geeignet ist. Das Mitspracherecht der Studierenden ist dabei essentiell.
Lucia Grabetz: Das heißt für dich trotzdem, dass eine Prüfung stattfinden muss, bevor du überhaupt zum Studium kommst.
Niko Swatek: Ein Motivationsschreiben ist keine Prüfung.
Lucia Grabetz: Was sollen dann die Professoren und Lehrenden gemeinsam mit den Studierenden erarbeiten?
Niko Swatek: Welche Verfahren sie für richtig halten. Bevor Studierende mit dem Studium beginnen, weil ich es nicht fair finde einen freien Hochschulzugang zu haben. Man kommt auf die Uni, darf zwei Semester studieren und im dritten Semester wird man dann mit Knock-Out Prüfungen rausgehaut. Oder weil es nicht genug Labor Plätze gibt. Oder man findet keinen Diplomarbeitsbetreuer. Wenn es nicht genug Kapazitäten gibt, müssen sie am Anfang fair verteilt werden.
Lucia Grabetz: Das Kapazitäten-Problem oder auch generell das Finanzierungsproblem der Hochschulen ist essentiell. Dazu braucht es auch ein Bekenntnis der Politik (Niko stimmt zu) und auch Taten, die darauf folgen.

Zum zweiten Teil des Streitgesprächs: Pleite-Studierende, Eliten und Schmuse-Plakat

Titelbild  und Fotos (c): Karoline Gittenberger

Katharina Egg leitete zwei Jahre lang das Ressort Politik. Jetzt ist sie als außerordentliche Redakteurin bei mokant.at tätig und untersucht als Publizistik-Studentin Wirkungen Sozialer Netzwerke auf Politische Kommunikation. Ihre freie Zeit verbringt sie am liebsten am Fahrrad, auf Reisen und im Wiener Nachtleben. Kontakt: katharina.egg[at]mokant.at

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