Und Überhaupt: Pauschalreise-Persona

In der Kolumne UND ÜBERHAUPT schreibt sich unsere Kultur-Chefin Sabrina regelmäßig ihre Gedanken von der Seele

Vier Flugstunden von daheim entfernt und doch isst man zum (dritten) Nachmittagssnack einen Apfel aus Südtirol. Sowas passiert nur im Cluburlaub. Und das Zauberwort heißt All Inclusive.

Damals, als die Mutter noch die schicken neuen Fishbone-Shirts und jello-Sandalen strategisch auf die zwei Gemeinschaftskoffer aufgeteilt hat, war die vollends durchgeplante und bezahlte (Pauschal-)Reise der Standard des Urlaubens. Selbst war man nur für die Accessoires- und Stofftierauswahl zuständig. Und überhaupt war alles ein passives Vergnügen. Wer sich aber im Erwachsenenalter und nach vielfachen alleinigen Low-Cost-Städtereisen auf diese Passivität zurückbesinnt, der erlebt mitunter einen Mini-Schock. So ganz anders reist es sich nämlich in den Cluburlaub. Und so ganz bestimmte Artgenossen tummeln sich in dem wohlgenährten, dekadenten Biotop des All-Inclusive-Clubs.

Hier sind wir alle eine der folgenden Personas: Pensionist, junge Familie, junges Pärchen, Prolet und Freunde/-innen. Für alle gelten dieselben Prioritäten: Essen, Trinken, Pool-/Strandplatz. Umgesetzt werden diese Prioritäten jedoch unterschiedlich.

Die (Fast-)Pensionisten lassen sich’s gerne richten. Sie haben sich in der Heimat genügend Wohlstand erarbeitet um dem Urlaubskellner jeden zweiten Abend gönnerhaft einen Euro zuzustecken – wofür sie selbstverständlich exklusives Service erwarten. Gleiches gilt für den Bademeister, dessen Hauptaufgabe schon lange nicht mehr die Aufsicht der Gewässer ist, sondern die optimale Ausrichtung und Reservierung der Liegen für die trinkgeldstarken und faulen Gäste. Und die optimale Sonnenausrichtung ist wichtig. Denn während sie zuhause von konstanter Krankheitsangst verfolgt sind, machen die Pensionisten im Urlaub auch gerne Urlaub von der (Hautkrebs-)Angst und setzen plötzlich alles daran, zur eigenen Ledertasche zu werden. Die Hauptsorge im Hurghada-Cluburlaub sind schließlich nicht Sonnenstrahlen sondern Eiswürfel.

Beim Thema Eiswürfel/Leitungswasser überschneiden sie sich mit den jungen Familien. Auch hier ist die Hauptparanoia Durchfall (oder sonstige Krankheiten), erweitert um den Sonnenbrand – die Volksschüler schätzen nämlich den Wert von gut geölten Ledertaschen noch nicht. Die jungen Mütter und Väter tun den restlichen Urlaubern irgendwie leid, wenn sie die schreikrampfenden Kinder von den Eismaschinen wegzerren, aber insgeheim denkt sich jeder: „Warum tut ihr euch und uns das an? Fahrt doch nach Bibione.“ Die Jungfamilien nehmen die Liegenreservierung bei weitem nicht so wichtig wie andere Gruppen. Müssen sie auch nicht – am Kinderpool will sonst sowieso niemand liegen.

Die Pärchen-Cluburlauber haben offenbar die Wochen und Monate vor der Reise auf Liebesdefizit gearbeitet. Anders lässt sich nicht erklären, weshalb es ihnen unmöglich erscheint, mal getrennt planschen zu gehen und ohne ständigem Umschlingen und Schmusen im 1,10m tiefen Wasser zu stehen. Auch der Weg zum Dessert-Tisch scheint ohne handhaltende Verstärkung unüberwindbar. Das Gute an den Pärchen: Man hört sie nicht, man sieht sie nur. Und wegschauen geht leicht. Sie sind ruhig und genügsam, denn sie sind viel zu sehr damit beschäftig, sich ihr eigenes romantisiertes Klima zu schaffen und couple selfies zu schießen.

Die Freunde- oder Freundinnen-Gruppen fallen gern schon im Flugzeug auf. Alles wird bewitzelt, alles ist Party, die anderen Leute und deren Gehörgänge existieren nicht. Ein bis zwei Mitglieder der Gruppe machen dann gerne auf Elite-Flieger und bestellen Tomatensaft. In dieser Urlauberkategorie finden sich wohlmöglich die meisten und schlechtesten Tattoos auf einem Haufen. Oftmals Jugendsünden, sehen sie auf dem sonnenverbrannten Untergrund wieder wie frisch gestochen aus. Alles am Freunde-Urlauber wirkt wie feurige Kompensation zum Alltag. Eine Ausnahmeerscheinung sind die ganz kleinen Zweier-Freunde-Gruppen: Sie sind die sehr ruhigen und rein relax-interessierten Einhörner in der Kategorie. Ab und an bemühen sie sich zur Wassergymnastik um den Völlerei-Gewissensbissen entgegenzuwirken.

Besonders schlimm ist es, wenn sich der Freunde-Urlauber mit dem Proleten überschneidet: Dieser Urlaubshybrid ist dann nicht nur laut, sondern auch komplett ungeniert und beschwerderesistent. Aber auch für sich alleine hat der Prolet genug Spielraum. Er ist vermutlich die klassischste Cluburlaubpersona, paradoxerweise aber auch die, die eigentlich am wenigsten in der Destination verloren hat. Denn außerhalb einer Pauschalreise würde es diesen Reisenden niemals in das betreffende Land verschlagen. Mit peinlicher Selbstverständlichkeit spricht er die Clubangestellten im Dialekt an und stößt sich daran, dass das Brot nicht so gut schmeckt wie daheim. Auf Lokalspezialitäten ausweichen kommt als Alternative nicht in Frage. Der Prolet kennzeichnet sich meist durch zu laute und unbedachte Kommentare und seine Urlaubsschuhwahl: die nachgeahmten Crocs.

Ob Crocs oder Tomatensaft, ob couple selfies oder leather selves – im Endeffekt sind wir alle nervig. Und überhaupt ist das ja alles inklusive.

Weil überhaupt: Hauptsache kein Durchfall.

Titelbild: (c) flickr.com/Alan Light

Sabrina Freundlich ist stellvertretende Chefredakteurin von mokant.at. Sie beschreibt sich als writeophile and fortune cookie lover. Kontakt: sabrina.freundlich[at]mokant.at

2 Comments

  1. Johanna

    2. April 2015 at 14:32

    Und als welche Persona warst du im Cluburlaub? Als Teil des schmusenden Pärchens? 😀

    • Sabrina Freundlich

      31. Juli 2015 at 09:55

      Ich war ein Einhorn, bitteschön! 😉

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.