Magic: Investiere einen Kleinwagen in Karten

Magic: The Gathering gilt als das erste und mittlerweile beliebteste Sammelkartenspiel seiner Art. mokant.at war bei einem Turnier in Wien.

Der SpielRaum in der Otto-Bauer-Gasse in Wien platzt beinahe aus allen Nähten. Im Geschäft herrscht hektisches Treiben, zusätzlich zu den bestehenden Tischen bauen Mitarbeiter noch schnell einige Bierbänke auf. Drachen, Magier und andere Fantasiewesen lächeln verschmitzt von den riesigen Postern auf die lange Schlange an Menschen herab, die sich bereits vor der Kassa versammelt haben, um sich anzumelden. Es ist Samstagnachmittag und heute finden hier gleich zwei Magic-Turniere statt: Im Grand Prix Trial sammelt der Gewinner wertvolle „Byes“, die als Freilose für den tatsächlichen Grand Prix in Krakau dienen, während sich in der School Of Magic noch nicht so erfahrene Spieler mit anderen Einsteigern messen können.

Das Prinzip des Spiels wird den Anfängern schnell erklärt: Jeder Spieler startet mit 20 Lebenspunkten und versucht durch das geschickte Spielen von Kreaturen und Zaubern die Punkte des Gegners auf null zu bringen. Es gibt dabei fünf Farben: Weiß, Blau, Schwarz, Rot und Grün. Jede dieser Farben symbolisiert eine eigene Spielweise und Philosophie im Magicuniversum. Was sich zunächst simpel anhört, schlägt sich in den 209 Seiten des aktuellen Regelwerks in pdf-Form als deutlich ausgeklügelter nieder. Für Fans auf der ganzen Welt ist diese Komplexität der Anreiz des Spieles.

Foto: (c) Markus Füxl

Foto: (c) Markus Füxl

Fuck The Big Sharks
Mittlerweile ist in der Otto-Bauer-Gasse die Auslosung der Spieler fast abgeschlossen. Um sich für das Grand Prix Trial anmelden zu können, muss man sein Deck (die Karten, mit denen man spielt) den Schiedsrichtern bekannt geben. Gespielt werden heute die Formate Standard und Modern. Das bedeutet grob, dass nur neuere Karten erlaubt sind.

Paul (30) und Alex (28) wollten eigentlich beim Einsteigerturnier mitspielen, haben aber einige zu alte Karten in ihren Decks. „Das ist für uns jetzt natürlich schade, es wäre mein erstes Turnier gewesen“, gibt Paul geknickt zu. Obwohl er gesteht, dass es viele Nerds gebe, die Magic spielen, passt er selbst nicht zum Stereotyp: Sein schwarzes Football-Shirt mit dem Aufdruck „Fuck The Big Sharks“ spannt sich über die breiten Schultern, die Haare und der Bart sind gepflegt und getrimmt, am Handgelenk trägt er eine teure Uhr. „Die Fangemeinde um Magic zeigt wirklich einen Querschnitt durch die gesamte Bevölkerung, was Alter, Aussehen oder soziale Schichtung betrifft“, meint Paul und blickt dabei durch den krachvollen Raum. Das Grand Prix Trial hat bereits begonnen, die ersten Spiele laufen. Die Spieler haben vor sich Spielmatten mit Motiven aus dem Magicuniversum ausgelegt, die Karten stecken in eigenen Hüllen, um sie nicht zu beschädigen. Der Lautstärkepegel hält sich in Grenzen, es wird teilweise gescherzt und geplaudert, andere Paare sind grübelnd in ihre Handkarten vertieft.

Ein Teilnehmer schreit plötzlich: „Judge!“. Als Folge kommt ein Mitarbeiter des SpielRaums zum Tisch, um als Schiedsrichter zu agieren und die Situation zu klären. Meistens handelt es sich dabei um Unstimmigkeiten über die Auslegung des umfangreichen Regelwerkes, zu handfesten Streitereien kommt es nicht. David (19) spielt heute selber nicht mit und beobachtet neue Strategien und Karten. Er schätzt vor allem diese Interaktion mit den anderen Spielern: „Man kommt zusammen, diskutiert über Strategien, tauscht Karten und baut miteinander Decks. Es ist ein faszinierendes Hobby“, schwärmt er.

Der Black Lotus
Dass es durchaus billigere Hobbies gibt, wissen die Spieler. Paul wartet noch immer, dass ein Tisch für Alex und ihn frei wird: „Die Bandbreite bei Magic ist extrem. Um beim Einsteigerturnier teilzunehmen, reicht ein normales Deck ab 25 Euro. Das kann man ausbauen, indem man in neue Karten investiert.“ Paul hat insgesamt fünf Decks, das billigste hat einen Wert von 40 Euro. Das teuerste kostet mehrere hundert. Noch teurer ist es bei David, er hat mittlerweile fast einen neuen Kleinwagen in das Sammelkartenspiel investiert: „6 000 Euro sind es bei mir sicher. Durch das Tauschen bleibt der Wert für mich allerdings erhalten.“

Wichtiger als die Spielbarkeit einer Karte sei für viele in diesem Zusammenhang der Wert der Karte unter den Sammlern. Die teuerste Karte der Welt ist dabei der Black Lotus. Valentin Hauser, Head Of Organised Play im SpielRaum Wien, führt uns in einen abgetrennten Bereich und holt ein Exemplar dieser Karte kurz hervor. Der Kaufpreis beträgt satte 2 500 Euro. „Wir haben einen Setpreis um die 9 000 Euro mit acht weiteren seltenen Karten, den Power Nine. Bei diesen Karten geht es um den Sammlerwert und nicht darum, sie tatsächlich zu spielen. Jeder kleine Kratzer darauf bringt eine Wertminderung von 100 Euro“, erklärt Valentin und verschließt den Safe wieder sorgfältig.

Dass man mit Magic nicht nur Geld ausgeben, sondern auch einnehmen kann, beweist die Tatsache, dass es mittlerweile eigene Weltmeisterschaften gibt. Im Preistopf befinden sich dabei jährlich 300 000 Dollar. Thomas Holzinger ist einer der erfolgreichsten österreichischen Magic Spieler und war dreimal Teil des österreichischen Nationalteams. „Wirklich leben kann man davon allerdings nicht. Das meiste Geld steckt man in die Flüge zu den nächsten Turnieren“, gibt er in einem Gespräch zu. Er schätzt sich aber glücklich, mit einem Kartenspiel durch die Welt zu reisen.

Foto: (c) Markus Füxl

Foto: (c) Markus Füxl

Bunt gemischt
Im SpielRaum Wien sind die ersten Runden bereits vorbei. Die Adrenalinausschüttungen der Spieler fordern nach drei Stunden ihren Preis und so wird die Luft langsam stickig. Für die ersten Teilnehmer ist das Turnier bereits zu Ende. Eine Gruppe steht vor dem Geschäft und stärkt sich rasch aus McDonalds-Tüten und Red Bull-Dosen. Dazwischen steht Alexander und zieht an seiner Zigarette. Er ist 49 Jahre alt und über seinen Sohn zu Magic gekommen: „Am Anfang hab ich mich geärgert, weil die Karten so teuer sind. Ich habe aber schnell gemerkt, dass das Spiel höchst komplex und interessant ist. Seit drei Jahren spiele ich jetzt regelmäßig.“ Für ihn läuft das Turnier gut, er steht bei 3-0, drei Runden muss er noch spielen. „Ich kenne mittlerweile fast alle Spieler hier. Heute sind auch ein paar Damen da, nicht nur Nerds. Obwohl es bunt gemischt ist, muss man sagen: Je besser die Leute sind, desto größer der Nerdfaktor.“ Bei der anschließenden Frage, wie viel er in den drei Jahren in Magic investiert hat, zieht er noch einmal an der Zigarette. Nach einer kurzen Pause antwortet er zögerlich: „Im Monat stecke ich 80 bis 100 Euro rein, das kann man sich jetzt über drei Jahre hinweg ausrechnen.“

Die Spieler strömen wieder in das Geschäft. Alexander drückt seine Zigarette aus, verabschiedet sich und geht zu seinem Tisch. Dort hat sein nächster Gegner, 12 Jahre alt, bereits eine Spielmatte vor sich ausgebreitet und mischt ungeduldig seine Karten. Um für Alexander Platz zu machen, muss sein linker Sitznachbar im schwarzen „Fuck The Big Sharks“-Shirt ein wenig zur Seite rutschen. Die nächste Runde beginnt.

Titelbild: (c) Markus Füxl

Markus Füxl studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien und ist als Redakteur für mokant.at tätig. Kontakt: markus.fuexl[at]mokant.at

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