Selbstversuch: Schlafen wie ein Genie

Zu viel zu tun und zu wenig Zeit? Weniger schlafen hilft. Vorausgesetzt man macht es richtig: ein Selbstversuch

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Sechs Uhr drei in der Früh. Eine WhatsApp-Nachricht erinnert mich daran, dass es Zeit ist, aufzustehen. Ich fühle mich erwachsen oder zumindest so, als hätte ich Pflichten, denen ich nachkommen muss. Ein bisschen spießig fühle ich mich auch, wenn ein Freund schlafen geht und ich selbst aufstehen muss. Wenn man sich erst einmal aufgerafft hat, ist es gar nicht so schlimm. Aber das Brennen in den Augen erinnert daran, dass man nur vier Stunden geschlafen hat.

Die Nacht zum Tag machen
Für einige Tage habe ich meinen Schlafrhythmus vom herkömmlichen nachts schlafen auf das sogenannte Everyman-Modell umgestellt. Dabei geht es darum, nicht mehr in einer Phase durchgehend zu schlafen, sondern den Schlaf auf mehrere Phasen aufzuteilen. So soll man mit weniger Schlaf auskommen. „Weniger“ bedeutet bei Everyman fünf Stunden Schlaf täglich. Meine vier Stunden Kernschlaf halte ich von zwei bis sechs Uhr. Dann sind noch drei zwanzigminütige Powernaps vorgesehen, die über den Tag verteilt werden.

Was macht man um sechs Uhr früh? Als Studentin habe ich den ganzen Februar lang Ferien, arbeiten muss ich heute nicht. Nach einem Blick aus dem Fenster verwerfe ich meine Joggingpläne sofort wieder. Es ist stockdunkel und der Schnee ist noch nicht von den Straßen geräumt. Zum Frühstücken ist es noch zu früh – davon abgesehen würde die Kaffeemaschine sicher meine Mitbewohnerin aufwecken. Also tippe ich erst einmal „Tipps gegen Müdigkeit“ in mein Smartphone und lasse mich inspirieren: ich verzichte auf die Klassiker „Koffein“ und „kalt duschen“ und versuche es mit frischer Luft und leichter Bewegung. An meinem ersten Tag mit nur vier Stunden Schlaf stehe ich um sechs Uhr dreißig bei offenem Fenster in meinem Zimmer und schwinge meinen Hula-Hoop-Reifen. Zu meinem Erstaunen fühle ich mich hellwach und motiviert.

Schlafen? Ain’t nobody got time for that!
Ich muss zugeben, dass ich keine Frühaufsteherin bin. Vor allem in den Ferien zögere ich das Schlafengehen immer weiter hinaus, weil ich am Vormittag einfach nicht aufstehen muss. Tagsüber ist man dann zu beschäftigt, um die vielen Punkte auf der To-Do-Liste abzuhaken und die Seminararbeiten und Uni-Prüfungen werden verschoben. Deshalb habe ich mir vorgenommen, mit dem Schlafengehen ein bisschen disziplinierter umzugehen. Plus: wer nur fünf Stunden am Tag schläft, hat 19 Stunden Zeit für alles andere. Everyman ist nicht meine Erfindung, sondern stammt von einer amerikanischen Studentin, die unter dem Pseudonym PureDoxyK in ihrem Blog darüber berichtet und auch Bücher zum Thema geschrieben hat. Angefangen hat sie mit dem Uberman-Modell (zwei Stunden Schlaf, aufgeteilt auf sechs zwanzigminütige Schlafphasen), später ist sie auf Everyman umgestiegen. Im Internet schwärmt sie davon, wie viel Zeit sie durch diesen Schlafrhythmus gewinnt und wie entspannt sie ist. Vorausgesetzt, die Schlafenszeiten werden strikt eingehalten. Schließlich lasse ich mich zu dem Versuch verführen, weil angeblich auch Größen wie Leonardo da Vinci und Albert Einstein Anhänger des sogenannten polyphasischen Schlafens waren. Wenn das so ist – vielleicht küsst auch mich die Muse beim nächtlichen Seminararbeiten-Schreiben.

(c) Alissa Hacker

(c) Alissa Hacker

(Un-)Happy Napping
Die Müdigkeit kommt in Wellen. Zwei bis drei Stunden nach dem Aufstehen macht sich der Schlafmangel zum ersten Mal bemerkbar, der erste Powernap ist aber erst nach fünf Stunden vorgesehen. Das mit den zwanzigminütigen Schläfchen ist überhaupt so eine Sache. Eigentlich dachte ich, ich wäre so müde, dass ich sofort einschlafe, wenn ich mich hinlege. Irrtum! Um elf Uhr habe ich die Müdigkeitsphase übertaucht und liege mit offenen Augen im Bett. Schnelles Einschlafen will gelernt sein. Zwanzig Minuten herumzuliegen ist zwar entspannend, hält aber nicht bis zwei Uhr früh wach. Die restlichen Powernaps des Tages muss ich auslassen. Irgendwas kommt immer dazwischen: Konzerte, Pressekonferenzen und lange vereinbarte Arzttermine lassen sich nur schwer verschieben.

(c) Alissa Hacker

(c) Alissa Hacker

Besonders am Wochenende lässt mich meine Disziplin im Stich: trotz des guten Vorsatzes, um zwei im Bett zu sein, bleibe ich zu lange im Pub und verschlafe am nächsten Tag um eine Stunde. Nachdem Wien nicht mehr im Schneechaos versinkt und Schönbrunn gleich ums Eck ist, beschließe ich, joggen zu gehen, um wach zu werden. Das Atmen ist unangenehm, wenn sich die Lunge mit kalter Luft füllt. Doch um sieben Uhr dreißig in Schlosspark laufen zu gehen ist die erste Belohnung, die ich für das frühe Aufstehen bekomme. Idylle, bevor die übliche Mischung aus Touristen, Spazierern und Joggern die Wege und Wiesen füllt. Im ganzen Park treffe ich nur auf eine Handvoll Menschen. Die ersten Sonnenstrahlen scheinen auf die schneebedeckten Wege. Ein Moment der Ruhe, bevor ich mich auf den Rückweg mache, vorbei an der Schule, vor der sich Zuspätkommer tummeln, vorbei an den Autos, die in die Stadt strömen.

Müder Grantler
An das frühe Aufstehen gewöhne ich mich relativ schnell. Ich mag die Zeit, die ich morgens dazugewinne. Da haben alle Aufgaben Platz, die man irgendwann ohnehin machen muss: Aufräumen, Sachen packen, Abwaschen (aus der Küche höre ich, wie meine Mitbewohnerin ihre Zimmertür zuknallt). Anstatt gehetzt und verschlafen zum Frühstücken mit einer Freundin zu kommen wie normalerweise, bin ich diesmal entspannt und vor allem pünktlich. Außerdem konnte ich davor schon viele Sachen erledigen, die ich sonst hintenanstellen müsste, weil ich einfach nicht aus dem Bett komme.

19 Stunden sind allerdings eine verdammt lange Zeit, wenn man wie ich nicht konsequent genug ist und sich nicht einfach unabhängig vom Ort für zwanzig Minuten aufs Ohr haut. Everyman ist zwar viel besser mit dem Alltag vereinbar als Uberman. Soweit, dass ich mich in einem Café auf ein Sofa lege und schlafe, bin ich aber noch nicht. Deshalb habe ich in der letzten Woche viele Powernap-losen Stunden und Tage übermüdet, grantig und vor allem aber koordinationslos verbracht: am stärksten fällt die Müdigkeit nämlich beim Sport auf. Damit meine ich nicht, wenn ich vor mich hin jogge, sondern meinen Sportkurs. Diese eineinhalb Stunden sind mir noch nie so lange und anstrengend vorgekommen, wie während meiner Everyman-Zeit. Es fiel mir nicht nur schwer, mich zu konzentrieren, meine Koordinationsfähigkeit war im Eimer. Rechten Fuß heben und die linke Hand strecken? Nahezu Unmöglich. Am Heimweg kann ich in der U-Bahn die Augen kaum noch offen halten. Zuhause falle ich in mein Bett, krame das Handy aus der Tasche und schalte nach sechs Tagen Schlafexperiment alle Wecker aus.

Titelbild: © Klara Kostal

Alissa Hacker ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: alissa.hacker[at]mokant.at

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