KopfhörerInnen: Noel Gallagher’s HFB – Chasing Yesterday

Noel Gallagher’s High Flying Birds – Chasing Yesterday
(VÖ: 2.3.15 | Sour Mash/Wohnzimmer Records)

(c) Sour Mash Records

(c) Sour Mash Records

Noel Gallagher meldet sich mit einem neuen Album aus dem Äther des Britpop zurück. Chasing Yesterday stellt stellenweise eine stilsichere Weiterentwicklung seines Vorgängers dar, erfindet dabei allerdings das Rad des Genres nicht neu. Doch alles von Anfang an: Schon beim Opener Riverman wird Noel Gallaghers Liebe zur, nennen wir es „Hommage“, klar. Bei einem Saufgelage spielte The Smiths-Sänger Steven Patrick Morrissey ihm den Song Pinball von Brian Protheroe vor. Gallagher ist begeistert, übernimmt das Thema und baut darauf seinen Riverman auf. Abgesehen vom Gitarrenintro kopiert er gegen Ende des Tracks ein weiteres Stilelement, das momentan seine Renaissance in der Popwelt erfährt: Das Saxophon. Was bei vielen Liedern aber oft überladenes „saxual harassment“ darstellt, wird bei Noel Gallagher ein dezent gesetztes Solo, das Assoziationen zu verrauchten Jazzbars im New Orleans der 60er Jahre hervorruft. Der nächste Track und die erste Singleauskoppelung, In The Heat Of The Moment, setzt in den Strophen bekanntere Akzente: Der Bass groovt, kurze Gitarrenlicks verströmen gewohnten Swagger und Noels Stimme fügt sich spielend leicht ein. Einzig der „na-na-na“ Part mag so gar nicht passen und erinnert auch nach mehrmaligem Hören an, Entschuldigung, die Ärzte.

Aus Alt mach Neu
Nach dem eher mäßigen The Girl With X-Ray Eyes, einer Ballade über die Kunst der Frauen, Männer zu durchschauen, folgt der erste richtige Kracher: Lock All The Doors. Schon während der ersten Takte fühlt man sich in die glorreiche Zeit zurückversetzt, als Noel noch Songs für Liam schrieb. Die Vermutung, dass hier in der übervollen Demokiste von Oasis herumgewühlt wurde, liegt nahe und wird bei genauem Hinhören auch bestätigt. Aus der Demo My Sister Lover, einer B-Seite aus der Zeit des Oasis-Albums Be Here Now, leiht sich Noel mal eben den Refrain, poliert die Nummer von vorne bis hinten auf und knallt sie uns mit aufgedrehtem Verstärker vor den Latz.

Jazzification
Nach so viel Rock & Roll wird erst mal entschleunigt. Mit dem wunderschön ruhigen The Dying Of The Light kann nostalgisch vor sich hingeschwärmt werden, wenn Noel nachdenklich zurück schaut: „It makes me wanna cry/When I was told/The streets were paved with gold/And there’d be no time for getting old when we were young“. Es folgt das stille Highlight der Scheibe, The Right Stuff: Ein einziger Akkord wird auf einer akustischen Gitarre gespielt, der Bass variiert dazu sanft und das Schlagzeug steht als begleitendes Element dezent im Hintergrund. Der Song verdichtet sich durch vereinzelte Klavieranschläge und den Einsatz von Bläsern. Ganz kurz bricht ein Saxophon aus, nur um darauf wieder im Melange aus Jazz und Rock zu versinken. Die dahingehauchte Zeile „You and I got the right stuff“, gepaart mit einem Gitarren- und Saxophonsolo, verführt und bleibt in den Gehörgängen kleben.

While The Song Remains The Same steigert das Tempo wieder leicht, ist aber im direkten Vergleich zu den anderen Songs am Album noch am ehesten mit „nett“ zu beschreiben. Der Break gegen Ende mit abschließendem Gitarrensolo fügt sich dennoch gut in die Nummer ein und lässt die Leichtigkeit Gallaghers erahnen, mit denen er seine Stücke seit nun fast drei Jahrzehnten verfasst. Seine Liebe zu knackigen, riff-lastigen Songs scheint in The Mexican hervor. Die Cowbells und die dem Riff folgenden Bläser darin tun ihr übriges, um den Song schön dreckig aus den Boxen zu drücken. Inhaltlich geht es um die Hitze des Gefechts, um eine Revolution und natürlich darf auch hier ein wenig Liebe nicht fehlen.

Oasis feat. The Smiths
You Know We Can’t Go Back gibt wieder Gas und erinnert an die Hochgefühle, die Oasis beschert haben: Die treibenden Drums und der Refrain wirken dabei wie eine poppigere Version ihrer ewigen Ode an die Coolness, The Meaning of Soul. Herausgekommen ist dabei der Hit des Albums, der live sein euphorisierendes Potenzial optimal entfalten wird. Den Abschluss der Scheibe stellt Ballad Of The Mighty I dar und schließt den Kreis: Gitarrist und Songwriter der Smiths, Johnny Marr, kollaboriert hier mit Gallagher und spielt einen Gitarrenpart ein. Der Song handelt vom Suchen und Finden („I followed the stars and I sailed to the sea/With heaven in my fingers/Alone on a beach, on my own out of reach/But you just passed me by”) und ist textlich der stärkste Track am Album. Im dazugehörigen Video unterstreicht Noel Gallagher humorvoll seine Abneigung gegenüber Musikvideos. Nach nur einem Take will er nichts mehr vom Produzenten wissen, auch nicht nachdem dieser ihm nachruft: „Chris Martin did ten takes!“.

Deutlich spiegeln sich Noel Gallaghers musikalische Vorlieben im Album wider, sei es augenzwinkernd (Riverman) oder per Wink mit dem Zaunpfahl (man findet etwa den Titel While The Song Remains The Same im Katalog Led Zeppelins). Er experimentiert mit diesen Zugängen freier als noch am Solodebüt und obwohl er thematisch stellenweise dem Titel der Platte zufolge seiner Vergangenheit verhaftet bleibt, bewahrheitet sich die These: Noel Gallagher kann keinen wirklich schlechten Song schreiben.

Titelbild: (c) Sour Mash Records

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Markus Füxl studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien und ist als Redakteur für mokant.at tätig. Kontakt: markus.fuexl[at]mokant.at

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