KopfhörerInnen: José González – Vestiges & Claws

José González – Vestiges & Claws
(VÖ 20.02.15 | Peacefrog Records)

(c) José González

(c) José González

Die Werbemenschen dieser Welt können derzeit vermutlich kaum schlafen vor Aufregung: José González hat nach sieben Jahren wieder ein Soloalbum angekündigt – das bedeutet zehn neue potenzielle Stücke für „emotionale-Bindung-zur-Marke-aufbauen“-Kampagnen. Es ist nämlich praktisch unmöglich, der tröstlichen Stimme des Schweden zu lauschen und gleichzeitig negative Gefühle jeglicher Art zu verspüren.

Melancholie vs. Happy-Peppi-Feeling
José González ist einer der Ruhigen. Die Kraft seiner Musik liegt in ihrer Zartheit; die Stimme drängt sich nicht in den Vordergrund und klingt zu keiner Zeit aufdringlich. Und das durchaus bewusst: „Es hat etwas, die Dinge auf einer Aufnahme sehr minimal zu halten, wissend, dass jeder, der lauter hören will, einfach die Lautstärke aufdrehen kann. Es ist eine Einladung, einen Moment innezuhalten und wirklich zuzuhören“, sagt der Singer/Songwriter mit den argentinischen Wurzeln.

Mit dem Opener With The Ink Of A Ghost liefert das Album gleich zu Beginn ein Stück, das man schon nach einem Anhören mit gutem Gewissen in seine Winter-Lieblingslieder-Playlist aufnehmen kann: Leise gezupftes Gitarrenspiel, starker Refrain, melancholische Grundstimmung. Im Gegensatz dazu stehen besonders rhythmische und fröhliche Tracks wie Let It Carry You und Leaf Off / The Cave. Letzteres ist vielleicht nicht das spektakulärste Stück des Albums, aber definitiv eines der Lieder, die das ansteckende Happy-Peppi-Feeling besonders gut provozieren. Das offizielle Video lässt vermuten, dass sich González selbst nicht immer allzu ernst nimmt:

Gedreht wurde das Video in einer Sunday Assembly – eine nichtreligiöse Kirchengemeinschaft, die sich sonntags trifft, um „das Leben zu feiern“. Als José González, angekündigt von einem herrlich enthusiastischen Moderator, vor der Gemeinschaft auftritt, sprüht diese nur so vor Euphorie. Zwischendurch werden wundervoll-schräge Familienfototermine der Mitglieder eingeblendet. Man könnte so weit gehen zu behaupten, dass das Video einfach nur ein unumstößliches musikalisches Naturgesetz darstellt: Würden alle Menschen permanent José González hören, wäre die Welt ein besserer Ort.

In seinen Texten kommt er ohne lange Erklärungen aus. Er schafft es, mit simplen Metaphern Dinge auszudrücken, die sich auf unzählige Lebenssituationen beziehen können und die es leicht machen, sich selbst in einem Lied wiederzufinden. In The Forest heißt es zum Beispiel: Why didn’t I see | the forest on fire behind the trees. Songwriting: Eins, setzen.

Generell wirft González philosophische Fragen auf und beschäftigt sich dabei mit nichts Geringerem als der Menschheit und ihrem Zweck auf dieser Welt: Wie lassen wir die Erde für kommende Generationen zurück? Wie können wir unser Leben voll ausschöpfen? Brauchen wir unbedingt ein konventionelles Glaubenssystem? Man sollte jedoch nicht zu sehr in Gedanken versinken, wenn man vor lauter Grübeln nicht den überaus starken Abschluss des Albums versäumen möchte: Open Book unterlegt einen eindrucksvollen Text mit sparsamen Melodien und luftig-leichtem Gitarrenspiel. Laut eigener Aussage ist es der beste Song, den der Musiker je geschrieben hat.

González im Schlafzimmer
Was alle zehn Stücke vereint, ist ein roher, nicht bis ins letzte Detail durchchoreografierter Sound. José González könnte mit seiner Akustikgitarre ebenso gut direkt neben dem Hörer sitzen. Dieser Klang ist wohl dem Umstand zu verdanken, dass er sich dafür entschied, Vestiges & Claws selbst zu produzieren. Der Musik verleiht das eine analoge, warme Note und eine Echtheit, die man auf der Welt sonst oft vermisst.

Im Laufe des Albums wünscht man sich gelegentlich, dass der unaufgeregte Sound doch manchmal ein bisschen mehr an Spannung oder Dramatik aufbaut. Dass González durchaus ein Händchen für energiegeladene Stücke hätte, bewies er zum Beispiel im Soundtrack zu Das erstaunliche Leben des Walter Mitty. Wer schon einmal mit Step Outside im Ohr joggen war, kennt das Gefühl, bis ans Ende der Welt laufen zu können (zumindest für vier Minuten und eine Sekunde lang).

Vestiges & Claws setzt jedoch bewusst auf leisere Töne. Es ist ein rundes Indie-Folk-Wohlfühlalbum, das sich für aktives Hinhören genauso wie als musikalische Untermalung für Tagträume eignet.

Rebecca Steinbichler ist Redakteurin und stellvertretende Ressorleiterin (Gesellschaft) bei mokant.at. Kontakt: rebecca.steinbichler[at]mokant.at

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