Morbider Charme: Friedhof ohne Namen

Foto: (c) Markus Füxl

Der Friedhof der Namenlosen liegt am Alberner Hafen an der Ostgrenze Wiens. Hier sind Menschen begraben, die von der Donau als Wasserleichen angespült wurden

Die Luft ist klar und kühl. In Abständen von Minuten zerschneiden Signale der Schiffshörner die Eintracht. Dann ist es wieder totenstill. Der Friedhof der Namenlosen liegt direkt am Alberner Hafen im elften Wiener Gemeindebezirk. Es ist ein ganz besonderer Ort. Die meisten Gräber sind hier mit „namenlos“ gekennzeichnet, von manchen Toten wurde die Identität nachträglich geklärt. Für die Pflege des Areals ist heute Josef Fuchs verantwortlich. Er erklärt: „Aufgrund eines Wasserstrudels am Donauufer wurden ab 1840 immer wieder Wasserleichen angeschwemmt. Sie wurden zwischen dem damaligen Donauufer und dem heutigen Friedhof der Namenlosen begraben.“ Insgesamt 478 Tote fanden dort ihre Ruhestätte, bevor man den Friedhof 1900 an einen anderen Platz verlegte. Durch eine natürliche Vertiefung blieb dieser Ort vor Überschwemmungen bisher meist verschont. In den folgenden Jahren kümmerte sich Josef Fuchs‘ Großvater um den Friedhof.

Erschossene, Erhängte und ein Fahrradunfall
Durch die Erzählungen von Josef Fuchs entfaltet sich langsam die Melancholie, aber auch die ganz eigene Schönheit, die dieser Ort besitzt. So sei der Großteil der Begrabenen Selbstmörder, die sich in der Donau das Leben genommen hätten. „Auch Erhängte, Erschossene und ein Fahrradunfall mit tödlichem Ausgang liegen hier. Davon ist ungefähr die Hälfte der 102 Gräber mit Namen versehen“, murmelt Josef Fuchs.

Die Gräber sind schlicht und als solche auf den ersten Blick oft nicht zu erkennen. Auf jedem der kleinen Erdhaufen stehen noch kleinere Kreuze aus Gusseisen. Sie und auch die Särge seien Spenden aus umliegenden Friedhöfen. Die meisten Gräber sind mit „namenlos“ gekennzeichnet, vereinzelt stehen Namen mit Geburts- und Sterbedatum auf kleinen Tafeln. Man wolle alles bewusst schlicht halten. Es ist ein Friedhof wie jeder andere und doch ganz anders. Im Zentrum überblickt man sämtliche Gräber. Das dumpfe Gefühl der Sterblichkeit drückt unmittelbarer als auf anderen, weitläufigeren Totenhöfen. Ein weiteres Schiffshorn ertönt vom Hafen. Der Wind pfeift über die Gräber hinweg. Er schneidet scharf und kalt.

Wiener Geschichten aus dem Friedhof
Jedes Grab erzählt hier eine Geschichte. Sie geben Einblicke in eine andere Zeit. Josef Fuchs bleibt stehen und zeigt auf einen der Erdhügel: „Diese Frau ist 1927 unerklärlicherweise in der Donau ertrunken. Ihr Sohn kam damals oft zum Friedhof und brachte ihr Blumen. 1933 erschoss er sich dann vor den Augen meines Großvaters hier am Grab seiner Mutter. Seitdem liegt er ebenfalls hier begraben.“ Es sind Geschichten wie diese, die man Kindern eigentlich lieber ersparen möchte. Fuchs habe damals als Bub hier trotzdem immer gerne gespielt: „Ich habe deshalb vielleicht einen anderen Zugang zu diesem Ort als die meisten Besucher.“ Es wird langsam dunkel. Der Friedhofswärter steckt die Hände in seine gelbe Neonjacke und schlendert weiter.

Foto: (c) Markus Füxl

Foto: (c) Markus Füxl

Sepperl
Viele Gräber sind mit bunten Bändern und Figuren geschmückt. „Manche Besucher bauen mit der Zeit eine ganz eigene Beziehung zu den Toten auf. Sie schmücken dann ihre Lieblingsgräber und kümmern sich darum. Mir ist das recht, es soll nur nicht zu extravagant werden“, meint Josef Fuchs. Er bleibt an einem dieser verzierten Gräber stehen. Hier liegt eine Kinderleiche begraben, die sein Großvater in einem Schuhkarton am Ufer der Donau fand. Ihr hat er einen Namen gegeben. Mit Kreide steht auf der Tafel gekritzelt: Sepperl. Am Kreuz hängen Bänder und kleine Kuscheltiere. Sie sind Geschenke von Volksschulen, die den Friedhof besuchen. Gleich dahinter liegt noch ein Grab, namenlos. Kleine Engel stehen darauf und schauen mit gefalteten Händen andächtig in den Himmel. Rechts davon liegt ein weiteres Opfer der Donau. Vor dem Kreuz steht ein kleiner Weihnachtsbaum.

Das Geschäft mit dem Tod
Die Besucher und ihre Ambitionen, den Friedhof zu besuchen, sind mitunter sehr unterschiedlich. War der Friedhof früher noch sehr unbekannt, lassen sich heute etwa einige popkulturelle Bezüge zu den Gräbern nahe der Donau finden. Die österreichische Band „L’Âme Immortelle“ ließ sich vom morbiden Charme des Friedhofes inspirieren und verpackten ihre Gedanken in dem Song „Namenlos“.

Auch die „Drahdiwaberl“, Urgesteine der Wiener Musikszene, nutzten das Areal, um als Zombies verkleidet ein Musikvideo zu drehen. „Den Besuchern ist dabei fast der Mund hinuntergefallen“, erinnert sich Josef Fuchs lachend. Viel interessanter seien für ihn aber die Besuche von Reisegruppen, für die er Führungen hält: „Ausgehend von der Wiener Bestattung wurde der Friedhof der Namenlosen in das Programm aufgenommen. Mittlerweile kommen sogar Gäste aus Japan, die sich auf ihrer Weltreise einzig und allein Friedhöfe ansehen.“ Die Vorstellung mag so gar nicht zum Bild der „schenen Leich“ passen: Blitzlichtgewitter, hektisches Treiben, ein Führer mit buntem Regenschirm in der Menschenmenge? „Wenn die Besuche im Vorhinein mit mir abgesprochen werden, habe ich damit kein Problem“, erzählt Fuchs.

„Sie hat leider zu lange gelebt.“
Durch den Ausbau des Hafens 1939 änderten sich die Strömungsverhältnisse und es wurden keine weiteren Opfer angeschwemmt. Nach 1938 wurde der Friedhof der Namenlosen aufgelassen. Sämtliche Tote werden seitdem in anderen Friedhöfen bestattet. Auch dazu weiß Josef Fuchs eine Geschichte: „Der ehemalige Gastwirt dieses Gebietes hat sich freiwillig hier begraben lassen. Seine Frau hat länger gelebt und ist nach 1940 verstorben. Sie liegt deshalb auf einem anderen Friedhof.“ Diese Geschichte reiht sich nahtlos in die vielen Schicksale der hier Begrabenen ein. Herr Fuchs ist mittlerweile am Ausgang angelangt. Beim Verlassen des Friedhofes stört noch einmal ein Schiffshorn die Ruhe. Jetzt sind die Opfer der Donau wieder unter sich.

Titelbild: (c) Markus Füxl

Markus Füxl studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien und ist als Redakteur für mokant.at tätig. Kontakt: markus.fuexl[at]mokant.at

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