IS: „Vormittags kämpfen, nachmittags posten“

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Islamwissenschafter Rüdiger Lohlker im Interview über die Online-Strategie der IS-Terroristen und den richtigen Umgang der Medien mit der Propaganda

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Bestehen Gruppierungen wie der IS aus einem Haufen Verrückter oder steckt hinter ihrer Vorgehensweise eine detailliert geplante Kommunikationsstrategie? Und machen die Medien vielleicht genau das, was der IS will, indem sie die Horrorbilder zeigen? Wir haben mit dem Experten Rüdiger Lohlker gesprochen.

mokant.at: Herr Lohlker, die Internetpräsenz von Gruppierungen wie dem IS ist auffallend. Was wissen Sie über ihre Strategien und Struktur?
Lohlker: Ihre Medienarbeit läuft gleichzeitig zentralisiert und dezentralisiert ab. Es gibt offensichtlich Vorgaben von einer zentralen Quelle und dann gibt es dezentrale Einzelagenten, die diese Propaganda dann auf Twitter und anderen Plattformen verbreiten. Ein bisschen könnte man es beschreiben als ein Schwarmverhalten, beispielsweise wie bei Ameisen, die sich an Pheromonen orientieren und praktisch an einen Punkt kommen an dem sie eine Entscheidung treffen müssen- wo riecht es vielversprechender? So können sie sich schnell wieder neu gruppieren weil auch jede einzelne Ameise schnell wieder eine neue Spur legt.

mokant.at: Man kann also nicht nach verfolgen wer solche Seiten, die zur Kommunikation nach außen und zwischen den Mitgliedern dienen, betreibt?
Lohlker: Bei einem Video Outlet kann man das nicht genau feststellen, aber Einzelaccounts kann man durchaus hin und wieder unterdrücken.

mokant.at: Und die sind wiederum mit anderen Plattformen verknüpft?
Lohlker: Ja das ist wahnsinnig flexibel und extrem miteinander verknüpft! Wenn man eine Seite rausschmeißt, dann weichen sie aus und konfigurieren sich wieder neu. Manchmal wird da einfach hochgezählt, was weiß ich „www.domain1.com, www.domain2.com,….“- heute sind sie bei 13 oder 14! Es gibt sogar eine Hacker Gruppierung aus Syrien, die haben schon das 250. gefeiert!

mokant.at: Was sind das für Informationen, die weitergegeben werden?
Lohlker: Also es sind jetzt keine Attentatspläne. Die werden zwar durchaus publiziert, aber meist erst so 2 Tage nach den Ereignissen. Andererseits ist es so, dass häufig Videos geteilt werden, oder Erklärungen verbreitet werden- das können ganz unterschiedliche sein. Da spielen auch noch Formate wie ältere Foren eine Rolle, die ja inzwischen schon ein bisschen von Twitter abgelöst wurden. Diese Foren dienen als zentraler Hafen über dem dschihadistische Informationen verteilt werden. Es gibt aber auch Fotos und kurze Twitter Meldungen, beispielsweise wie toll das Kalifat ist, die dann auch zu „klassischen Webseiten“ führen.

mokant.at: Werden diese Seiten auch genützt um mehr Leute zu radikalisieren?
Lohlker: Ja sie sind Anknüpfungspunkte für Informationen. Wir haben jetzt schon öfters Berichte gehabt, dass Jugendliche über die Mainstream Medien interessiert geworden sind. Im zweiten Schritt suchen sie dann online nach weiteren Informationen.

mokant.at: Und im nächsten Schritt?
Lohlker: Sie rutschen über die Online Plattformen weiter hinein und dann wird umgeschaltet auf private Messenger Dienste. Auf diversen Profilen haben wir dschihadistische Protagonisten gefunden die ihre Kik Messenger (Instant Messenger für Smartphones, Anm.) Namen angeben.

mokant.at: Wo geht das dann in die Realität über?
Lohlker: Es ist eben nicht nur die Online Ebene, sondern sie verknüpft sich auch mit der Offline Ebene. So ist mittlerweile auch bekannt, dass sich viele Mitglieder dieser Netzwerke in Fitnessclubs kennen gelernt haben. Auch in Wien gibt es einige solcher Clubs die nicht unverdächtig sind.Natürlich kann man die Offline Ebene kappen, aber es muss schon beides zusammen spielen- online und offline.

mokant.at: Machen die Mainstream Medien genau das was der IS will, indem sie die Ereignisse dokumentieren und Horrorbilder zeigen?
Lohlker: Wenn beispielsweise der Mohammad Mahmoud (österreichischer Islamist und verurteilter Terrorist, Anm.) online verkündet in Österreich soll es Anschläge geben, dann springen natürlich die Medien drauf an und meinen sie könnten was verpassen. Aber der schreibt sehr viel wenn der Tag lang ist! Aber ja, das hilft dann vor allem dem IS! Die Medien machen Werbung pur! Das ist journalistisch schlicht und ergreifend fahrlässig.

mokant.at: Was wäre dann die richtige Methode um damit umzugehen?
Lohlker: Man kann Kurzmeldungen verfassen, aber man soll nicht den Originalton spielen! Viele haben inzwischen begriffen, dass man beispielsweise keine Köpfungsvideos spielen sollte, damit der Reiz nicht auch noch verstärkt wird.

mokant.at: War die Dokumentation der Ereignisse in Paris auch die „ideale Werbung“?
Lohlker: Man könnte zynisch sagen, dass es eine ideale Medienstrategie der Al Kaida war. Es ist jedenfalls sowohl für Al Kaida, als auch für den IS ein absolutes Medienereignis gewesen und besser könnte es, in Anführungsstrichen, für ihre Propaganda nicht laufen! Natürlich stellt sich dann die Frage: Was soll man machen? Wo ist die Grenze? Aber wie gesagt, man sollte diesen jungen Leuten in den Medien nicht so viel Platz geben! Das ist zu gefährlich!

mokant.at: Es ist also fast schon sinnlos solche Videos oder Seiten aus dem Netz zu nehmen, weil die Gruppen, wie sie zuvor schon erwähnt haben, einfach nur ausweichen?
Lohlker: Man kann jetzt streiten wie effektiv eine Sache ist. Aber wenn jetzt irgendwo ein Account für zwei Wochen offline ist, dann heißt das natürlich auch, dass eventuell ein, zwei Leute zwei Wochen nicht mit Informationen versorgt werden. Vielleicht überlegen die sich dann auch, ob das wirklich so eine gute Idee war und können nicht rekrutiert werden. Wenn man das ein bisschen hochrechnet ist das natürlich positiv. Andererseits muss ich leider feststellen, dass das bis jetzt noch nicht so nachhaltig war. Aber es wäre auf jeden Fall schön. Ich müsste mir dann zwar einen neuen Job suchen, aber das würde ich dann auch sehr gerne machen!

mokant.at: Um nochmal auf die Propaganda- oder Vermarktungsvideos zurückzukommen: Sie wirken wie billig produzierte Actionfilme, haben manchmal sogar einen Trailer auf den 50-minütige Filme folgen. Was sind da die Absichten dahinter?
Lohlker: Man muss da vielleicht anders anfangen: Es gibt schon seit Jahren die Figur des Media-Mujahed (bezeichnet jemanden der sich für die Verbreitung und Verteidigung des Islams im Sinne des Dschihad bemüht, also islamische Widerstandskämpfer und auch Terroristen, Anm.). Die wurde ganz gezielt entwickelt, überspitzt formuliert mit der Absicht „Vormittags kämpfen, nachmittags posten“.

mokant.at: Was genau wird in den Videos gezeigt?
Lohlker: Beispielsweise wie man Strom für Notebooks aus Autobatterien zapft, nach dem Motto „wir kommen unter den schwierigsten Umständen zurecht“. Das beruht auf der Fähigkeit solcher Gruppierung recht ansprechende Medienprodukte zu produzieren, vielleicht nicht gerade hochklassige, aber es funktioniert. Es werden auch Elemente aus Kinofilmen rausgenommen und in ihre Videos reingeschnitten.

mokant.at: Aus populären Filmen?
Lohlker: Ja, ich hab mal gesehen wie sie eine Schwertszene aus „300“ genommen haben (Film von Zack Snyder über König Leonidas Kampf gegen die Perser im Jahre 480 v.Chr., Anm.). Sie haben das reingeschnitten und einfach noch Blutstropfen hinzugefügt. Die jungen Leute die heutzutage in diese Kriegsgebiete gehen, sind natürlich mit der ganzen Medienkultur aufgewachsen und können damit umgehen.

mokant.at: Bedienen Sie sich neben den Videos noch anderer Hilfsmittel?
Lohlker: Eine Zeit lang wurden IS-Erklärungen über eine App verbreitet. Die laden sich Interessierte auf ihr Handy und dann werden sie automatisch mit Informationen, Videos, Postings versorgt. Somit müssen sie nicht extra suchen und können es auch gleich weiter schicken. Man sollte nicht unterschätzen wie bewusst in dschihadistischen Kreisen damit umgegangen wird.

mokant.at: Das scheinen dann also regelrechte Marketingprofis zu sein?
Lohlker: Es wird vom IS sogar ständig nach IT Leuten oder Webdesignern gesucht! Falls das mit dem Dschihad nichts wird, steht ihnen wohl eine Marketingkarriere bevor.

Titelbild: (c) Katharina Kropshofer

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Kathi hat Biologie und Kultur- und Sozialanthropologie studiert. Sie findet, dass die Kombination hilfreich ist, um sich professionell über die Menschheit zu wundern.

3 Comments

  1. mp

    3. Februar 2015 at 12:18

    tolles Interview

  2. Toni

    3. Februar 2015 at 13:06

    spannend. bin aber nicht ganz seiner meinung in bezug auf die medien. sollte man denn besser gar nicht berichten? man muss ja von den gräueltaten erfahren. Warum so etwas so viele menschen fasziniert ist mir sowieso ein rätsel. aber da hat uns schon dir geschichte gezeigt, dass gewalt und sadismus wohl in der natur des menschen stecken – so furchtbar das ist

    • mp

      3. Februar 2015 at 13:54

      ganz so einfach ist es nicht
      Man muss sich in die Leute hineinversetzen, die keine Perspektive haben. Schlechtes Soziales Umfeld, wenig Bildung, soziale Ausgrenzung. Deren Zukunft hier ist bestenfalls ein Hilfsarbeiterjob, wenig Geld, keine Aufstiegschancen….
      Beim IS haben die plötzlich ganz andere Möglichkeiten: Geld, Frauen, wenig moralische Einschränkungen… Auch Krieg ist für viele eher spannend als beängstigend (bis sie ihn erleben).

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