Kopfhörerinnen: All We Are – All We Are

All We Are – All We Are
(VÖ 30.01.15 | Domino)

(c) Domino

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Der Vorteil daran, Newcomer zu sein, ist, dass man sich kreativ austoben kann. Man pfeift auf die großen Kritiker und den Kommerz und zieht sein Ding durch, man probiert sich aus. Das haben sich wohl auch All We Are gedacht, als sie ihr gleichnamiges Debut-Album All We Are kreierten. Die Scheibe ist gewiss nichts für Jedermann, aber die, die auf Experimente, Elektronik und hohe Stimmen stehen, kommen hier auf ihre Kosten.

Die Bee Gees auf Diazepam
Es war die University of Liverpool, die die drei Bandmitglieder in all ihrer Vielfältigkeit zusammenführte, denn: All We Are sind ein durch und durch internationales Trio. Der Ire Richard O’Flynn (Drums und Vocals), der Norweger Guro Gikling (am Bass, Vocals) und die Brasilianerin Luis Santos (Guitar, Vocals) haben sich von der Musikalität der Stadt, die schon die Beatles gebar, inspirieren lassen und erschufen eine Band vergleichbar mit, laut eigener Aussage, „den Bee Gees auf Diazepam“. Weit hergeholt ist diese Aussage nicht: die Stimmen der drei Mitglieder sind durchgehend hoch, die Melodien meist langsam im Tempo, die elektronischen Klänge im Hintergrund helfen, die Trägheit der Lieder herauszustreichen. Denn Trägheit ist, was die meisten Lieder auf All We Are ausmacht; nicht zwingend auf eine negative Art und Weise aber auch nicht immer auf eine positive.

Ebb/Flow und Hipster-Disco
Das Intro ist ein treffender Einstieg in die Materie, fast schon zu fröhlich mit seiner kurzen Abfolge an Dur-Klaviertönen. Diese fließen fast nahtlos in das nächste Lied ein, Ebb/Flow, das den Rest des Albums mit den tiefen, rhythmischen, elektronischen Klängen und den hohen Stimmen schon etwas realistischer vertritt. Die Musiker und die Musikerin haben ihre Songs in abgelegenen Hütten in Norwegen und Nordwales geschrieben; das hört man immer wieder heraus, das spüren die Hörer. Es ist alles sehr einsam und meist negativ, aber im Laufe jedes Liedes kommt ein Hoffnungsschimmer, spätestens in der Bridge, wie bei Feel Safe, der Lead-Single der Platte. Auch Go ist hier keine Ausnahme. Die Nummer 8 des Albums drückt die Stimmung weiter runter und ist auf keinen Fall zum Party machen geeignet.

Im Kontrast klingen manche Lieder mehr nach Hipster-Disco; Honey oder auch Keep Me Alive sind tatsächlich nah an den Bee Gees. Sie sind rascher als die anderen, sie erinnern mit ihren Texten an Disco-Klassiker (Keep Me Alive Staying Alive – Zufall?). Zwei Dinge haben alle Tracks gemeinsam: zum einen wäre da Luis‘ hervorragende Stimme, die als weibliches Kontrastprogramm zu den hohen männlichen Stimmen viel hermacht. Zum anderen wäre da allerdings die ständige Wiederholung. Immer hohe Stimmen, fast immer langsame Rhytmen, immer Elektronik – das liegt wohl nicht jedem.

All We Are und ihr Album All We Are sind eine interessante Neuerscheinung, die, wie so viele, erfolgreich Altes und Neues kombinieren und damit durchaus eine Diazepam-getränkte Stimmung erzeugen. Wir heißen sie gerne wieder willkommen, nächstes Mal hoffentlich mit mehr Abwechslung.

Titelbild: (c) Domino

Cornelia Kucani hat Studien der Anglistik und der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften absolviert und ist höchst anglophil. Wenn sie nicht in Großbritannien vorzufinden ist, dann auf tumblr als halliepotter.

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