Café Stadtbahn: Ein Kultlokal im Wandel?

Das Café Stadtbahn in Gersthof beherbergt einen wilden Mix aus Menschen und Persönlichkeiten – und das bereits seit Jahrzehnten

Eine vollständig plakatierte Tür fällt hinter den Gästen zu. Sie durchschreiten Rauchschwaden und eine Band, denn links von ihnen gibt ein Schlagzeuger den Takt vor, rechts sitzen die übrigen Musiker. Wienerlieder schallen melancholisch durch den Raum und alle Anwesenden lauschen dem Sänger gespannt. Er erzählt von längst vergangenen Zeiten und singt über die Höhen und Tiefen, die das Leben mit sich bringt. Alles ist in orange-rotes Licht getaucht und viele unterschiedliche Menschen tummeln sich in diesem bunten Mikrokosmos. Ältere sitzen bei Jüngeren, Kellnerinnen bei Gästen und manche Runden bleiben unter sich. An den Wänden hinter ihnen hängen dicht gedrängt Fotos, Plakate und andere Reliquien, die von der Geschichte dieses Ortes berichten.

Hommage an Waltraud
Eine Frau mit langem, gräulichem Haar bewegt sich zu den wienerischen Klängen, sie heiße Elfie, sagt sie. Das Alter sei unwichtig. Das Stadtbahnquartett spiele anlässlich des zehnten Todestages der ehemaligen Wirtin und guten Freundin Waltraud, wie sie erzählt. Alle hier würden ihr huldigen, sie habe das Lokal mit schroffem Charme durch harte und heitere Zeiten geführt. Sie habe viel Energie und auch Leid ins Lokal investiert. Bevor die Legende 2004 im Wiener AKH verstarb, habe sie das Café Stadtbahn am Sterbebett an Eckhart Mützner übergeben. Er sei langjähriger Wahlwiener, mache Musik und sei verliebt in die Stadt und sein Lokal in Gersthof in dem er vorher selbst Gast gewesen sei. Es sei ihm schon immer ein Füllhorn an Inspiration gewesen.

Ein Spanngurt als Händetrockner
Für diese Inspiration sollen nicht zuletzt der Raum und seine kleinen Eigenheiten selbst sorgen. Trotz alter Reliquien, die sich in den Regalen hinter der Theke auftürmen, macht das Lokal den Eindruck als wäre es sorgfältig entstaubt worden. Das sei nicht immer so gewesen. „Ich dachte manchmal, es staubt mir von der Decke direkt ins Glas“, so Elfie. An der Wand neben der Theke in Karo-Furnier hängt ein großes Plakat mit dem Biersortiment. Neben dem Trinkgeldglas ist eine offene Packung Zigaretten platziert, darauf die Aufschrift „Einzeltschick – zwanzig Cent“. Das Bier komme aus einer Kühlanlage aus den Fünfziger Jahren, als das Lokal noch ein klassisches Kaffeehaus war. Auch die Theke stamme aus dieser Zeit.

Die Sanitärräume wurden entstaubt und gründlich von Spinnweben befreit. Neben dem Waschbecken auf der Toilette baumelt eine Küchenrolle schief an einem Spanngurt. Eine improvisierte Notinstallation die sich nun schon jahrelang bewähre, erzählt Markus, ehemaliges Mädchen für alles. Das Lokal lebe von Improvisation. Eine knallorange Wand trennt den Raum. Wegen dem „Raucher-Nichtraucher-Ding“ sehe man von der Bar nicht mehr in die große Gaststube und die Kellnerinnen müssten ständig heraus rennen um nachzusehen. Das Personal im Stadtbahn verhalte sich jedoch nicht wie selbiges, sagt eine Studentin. Die junge Frau liebt, „dass hier die Kellnerinnen nicht von Tisch zu Tisch rennen und hektisch aufnehmen und kassieren wollen. Sie sind halt Leute, die auch mit dir hier sind und die dir was zu trinken bringen, wenn du durstig bist. Man wird hier nicht so bedrängt.“

Von Jungen und Lost Souls
Julia ist laut ihren Worten so eine Stadtbahnerin, die ihre Gäste mit kühlen Flaschen versorgt. Sie kenne ihre Kundschaft. „Die Dienste sind immer unterschiedlich, von jungen Studierenden bis zu den Lost Souls ist alles vertreten.“ Die Lost Souls seien oft gleichzeitig langjährige Stammgäste. Einer von ihnen sei Alfie gewesen, Enfant Terrible und verkannter Philosoph, der kürzlich verstorben sei. In diesem sozialen Gefüge mit eigener Kultur, Sprache und Musik begännen die Grenzen zwischen Menschen zu zerfließen. Das Stadtbahn ziehe keinen speziellen Gesellschaftstypus an, hier trinke ein Universitätsprofessor mit einem Obdachlosen. Auch der Wirt beschreibt eine Lebendigkeit über soziale Grenzen hinaus: Wiener Schmäh und schwarzer Humor sollen im Stadtbahn zwischen seinen Besuchern, die oft der Kunst verfallen seien, brodeln. Es komme manchmal vor, dass das Lokal als Ort für einen Filmdreh diene oder die eine oder andere Beislgeschichte von Künstlergästen als Sonett erscheine. Elfie stellt aber fest: „Es gibt einen Wechsel, die alten Persönlichkeiten bleiben oft immer mehr weg.“ Die Gäste würden jünger und die Masse homogener. Viele kämen her um einfach einen netten Abend zu verbringen und so könne es passieren, dass zwei junge Frauen am Nebentisch abends einen Pfefferminztee schlürfen.

Lass die Masken fallen
Elfie fügt hinzu: „Trotz einiger Wandlungen erleben die treuen Seelen hier noch immer intensive Momente und gute Abende. Manchmal feiern sie ausschweifend bis in den Morgen, manchmal diskutieren sie in kleinen Runden darüber, dass das System immer mehr zum Schlechten verkommt.“ Wenn zwischendurch keine Wiener Musik erklingt, liest ein Mann Gedichte und andere Texte vor. Darin gestehen die Autoren poetisch ihre Liebe zum Lokal. Das käme nicht von ungefähr der Wirt sowie einige Stammgäste seien Künstler. Musik und Literatur seien wichtig für das Café, es diene Kunstschaffenden als Forum und Bühne. Wieder sei es die fein gewählte Mischung, die den guten Geschmack erzeugt: Laut performte Musik mit leise vorgetragener Lyrik und gerne auch umgekehrt. Den Gästen gefalle diese wilde Mischung. In diesen Nächten könnten sie ihren Alltag zu Hause lassen und stundenlang in Geschichten von Tausendundeiner Nacht versinken. Das Lokal sei ein Schutzraum, in dem die Besucher ihre alltagserprobten Masken einfach fallen ließen. „Hier kannst du so sein, wie du wirklich bist. Du kommst in diesen Raum und fühlst dich irgendwie zu Hause“, schmunzelt Elfie. Die scheinbar Alterslose nippt an ihrem Getränk, „Ich bleibe noch ein bisschen.“

Das Stadtbahnquartett singt inbrünstig davon, dass ihnen hier nichts und niemand etwas anhaben könne. Egal welche Höhen und Tiefen auch kämen, das Stadtbahn betrachte das hektische Treiben aus seiner ruhigen Ecke in Gersthof. Auch seine Gäste seien sicher, dass es noch stehen würde, wenn die Welt längst in Schutt und Asche liegt. Tosender Applaus tönt laut durch den Raum, in dem sich die Gäste tummeln. Manche lachen laut, die anderen verdrücken heimlich eine Wehmutsträne. Das Lied ist vorüber.

Link:
http://www.cafe-stadtbahn.at/

Titelbild: (c) Café Stadtbahn

1 Comment

  1. maki

    10. Januar 2015 at 18:22

    Ich habe gehört das Stadtbahn soll verkauft werden, wegen Druck seitens der neuen Hauseigentümer. Was ist da dran?

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