Flaktürme Wiens: Rasch weitergehen

Im Dreieck um den Stephansdom verteilt stehen die sechs Flaktürme Wiens. Einst als Schutzbunker gegen feindliche Luftangriffe erbaut, ist ihre Geschichte heute nahezu vergessen.

Rund um den Flakturm im Augarten ist ein Zaun aufgebaut. An ihm hängt ein Schild: „Betreten verboten“. Am Turm Graffitis in 20 Metern Höhe. Jogger laufen an den dunklen, bedrohlichen Türmen vorbei. Schon beim ersten Anblick bekommt man ein mulmiges Gefühl. Sofort denkt man an Krieg, Nazis und verängstigte Menschen, obwohl man die Geschichte der Flaktürme vielleicht gar nicht kennt. Die dunklen Tage des anstehenden Winters und der eisige Wind machen die Stimmung noch düsterer. Mit einem eigenartigen Gefühl legt man den Kopf in den Nacken um den Turm ganz zu sehen.

Foto: (c) Victoria Koffler

Foto: (c) Victoria Koffler

„Smashed to pieces (in the still of the night)“
Scheinbar unzerstörbar stehen sie trotzdem oft unscheinbar mitten in Wien. Zum Teil werden sie heute noch genutzt, wie der Feuerleitturm im Esterházypark, in dem das Haus des Meeres untergebracht ist. Doch trotz der großen, hellen Glasfassade, den aufgeregten Kindern vor dem Eingang und den Werbetafeln des Aqua Terra Zoos, hat der Turm dennoch eine bedrohliche Ausstrahlung. Auf dem Dach befand sich zu Kriegszeiten ein Radargerät für Fliegerangriffe. Heute ist es eine Aussichtsplattform für die Besucher des Zoos. 1991 wurde der Turm schließlich von Lawrence Weiner, einem amerikanischen Künstler, umgestaltet. Vom ihm stammt auch der Satz „Smashed to pieces (in the still of the night)“, übersetzt: „Zerschmettert in Stücken (im Frieden der Nacht)“.

Kuckuck
Dunkle enge Gänge. Steile Treppenhäuser. Grelles weißes Licht. Am Boden inmitten von Schutt, liegt ein Plakat von Adolf Hitler. Sektflaschen, Gasmasken, Liebesbriefe, englische Kondome, ein rotes Buch mit der Aufschrift „Geheime Sachen“ und Damenstrümpfe. An den Wänden der Treppenhäuser steht mit weißer Farbe groß geschrieben und rot unterstrichen: „Rasch weitergehen“. An die Wand gemalt das Wort „Kuckuck“ – ein Zeichen für Gefahr und Bombenangriffe.

Genutzt wird dieser Flakturms zurzeit vom MAK, dem österreichischen Museum für angewandte Kunst. Der Gefechtsturm des Arenbergparks ist zurzeit aufgrund von unvorhergesehenen Renovierungsarbeiten allerdings geschlossen.

Doch mit Hilfe von technischen Gadgets gewährt der Historiker Dr. Marcello La Speranza auf Youtube Einblicke in das innere des Turmes im 3. Wiener Gemeindebezirk. Der Archäologe aus Wien befasst sich speziell mit den Geschehnissen und Überresten des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit. Mit einem Team durchsuchte er den Gefechtsturm und stellte viele wichtige Fundstücke sicher, die für die Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges notwendig sind.

 

 Fotos: (c) Victoria Koffler

Betreten verboten!
Kastanienalleen führen rund um die Türme des Augartens im 2. Bezirk. Plaudernde Mütter schieben ihre Kinderwägen durch den Park. Die großen Türme werden nicht weiter beachtet – sie sind einfach da. Sie sind aufgrund von Einsturzgefahr nicht betretbar. Gleich nach dem Krieg versuchte die Rote Armee sie zu sprengen, erfolglos. Inzwischen stehen die Türme unter Denkmalschutz – sie sind eine Warnung und Erinnerung an die Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges. Gleich hinter dem Zaun des Augartens befindet sich heute, mitten im zweiten Bezirk, der Lauda Chabad Campus, eine der größten jüdischen Schulen Wiens. Während die Nationalsozialisten alles taten um ihr Idealbild von Wien zu schaffen, ist knapp 70 Jahre später der zweite Bezirk immer noch das Zentrum des jüdischen Lebens in Wien. Insgesamt leben inzwischen rund 15 000 Juden in der Stadt und um die Stadt.

Foto: (c) Victoria Koffler

Foto: (c) Victoria Koffler

Historysteria wa(r)s you tie(d) world
Was in Zukunft mit den Flaktürmen geschieht, steht noch in den Sternen. Das Haus des Meeres wird weiterhin den Aqua Terra Zoo beherbergen, während für den Flakturm Arendbergpark schon Pläne zum Bau eines Datencenters diskutiert wurden.

Fakt ist aber, dass sie als stumme Zeitzeugen ein wichtiger Teil der Geschichte Wiens bleiben.

Artikel und Titelbild von Victoria Koffler

Die mokant.at Akademie für Nachwuchsjournalismus ist ein Projekt, das sich an Nachwuchsjournalistinnen und Journalisten richtet, um ihnen eine fundierte, praxisnahe und leistbare Ausbildung zu ermöglichen.

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