Weihnachten: Mach doch, was du willst!

Weihnachten ist so eine Sache. Die einen kriegen nicht genug, die anderen können es jetzt schon nicht mehr hören. Unbestritten bleibt: Das österreichische Weihnachtsfest ist im Wandel.

Vorweihnachtszeit in Wien. Drei türkischstämmige Mädchen besprechen in der U-Bahn ihre Wochenendpläne: „Diesen Samstag back‘ ich Kekse“. „Ur cool, Selin. Welche?“ „Vanillekipferl, Zimtsterne, solche halt.“ „Uuur cool“, ertönt es im Chor.

Alle Jahre wieder
Drei Stunden verbrachte der Österreicher letztes Jahr mit Teig rollen, ausstechen und verzieren der Kekse. 2,6 Million hatten laut Profil einen Weihnachtsbaum, 100.000 einen Zweit- oder Drittbaum. Dass Weihnachten immer noch eine tragende Rolle in österreichischen Familien spielt, kann also kaum bestritten werden. Trotzdem lassen sich signifikante Veränderungen feststellen, so Mag. Nora Witzmann vom Volkskundemuseum Wien im mokant.at Interview: „Weihnachten ist ein freieres Fest geworden, jeder kann machen, was er möchte. Die einen gehen zu Weihnachten ganz klassisch in die Kirche, die anderen besuchen ein Weihnachtsclubbing. Die Normen und Werte haben sich verschoben und sind freier geworden.“ Manche Phänomene scheinen allerdings immer gleich zu bleiben, wie zum Beispiel der Kommerz: „Das ist keine Erfindung von heute, das gab es früher schon. Vielleicht gibt es mittlerweile eine größere Käuferschicht, aber wer es sich leisten konnte, hat immer schon gekauft. Schon lange gibt es Bestrebungen, die ganze Woche die Geschäfte offen zu lassen, man denke an den Goldenen Sonntag vor Weihnachten, an dem die Geschäfte offen waren“, so Mag. Witzmann weiter.

Stille Nacht – heilige Nacht?
Der wichtigste und zugleich am meisten an Bedeutung verlierende Faktor beim Weihnachtsfest ist und bleibt aber die Religion. Warum? Dies erklärt Mag. Kathrin Pallestrang vom Volkskundemuseum Wien so: „Es ist ganz allgemein so, dass die Religion an Bedeutung in unserer Gesellschaft verliert – für die Lebensgestaltung allgemein. Schon im 19. Jahrhundert haben intellektuelle Kreise begonnen, eigene Lebensregeln aufzustellen.“ Von einer vollkommenen Abkehr könne aber trotzdem nicht die Rede sein „Immerhin gibt es immer noch viele Leute, die an Weihnachten in die Kirchen gehen. Alle unsere Feiertage richten sich nach religiösen Begebenheiten.“ Der Faktor Religion sei außerdem von verschiedene Größen abhängig: „Der Stadt-Land-Unterschied muss hier auch bedacht werden.“ Auf der anderen Seite scheinen gerade Feste wie Weihnachten und Ostern Menschen zum Glauben zu führen. „Bei Kirchenzählungen kann man beobachten, wie Menschen gerade an bestimmten religiösen Feiertagen in die Kirche gehen.“, so Mag. Witzmann. Weihnachten: ein Fest zwischen Religion, Tradition und viel Lametta also.

Islam, Buddhismus, Klingelingeling?
Das Fest scheint somit irgendwie religiös zu sein, aber irgendwie auch nicht. Doch welche Rolle spielen andere Religionen? Fatma, 22, praktizierende Muslimin, erzählt von ihrem Weihnachten: „Ich bin in Österreich geboren und erlebe jedes Jahr das Weihnachtsfest der christlichen Bevölkerung. Im Kindesalter bin ich auch öfter in die Kirche gegangen. Der Nikolotag war zum Beispiel immer aufregend, auch für uns muslimische Kinder.“ Lin, ebenfalls 22 und Buddhistin, die sich als nicht-religiös bezeichnet, steht Weihnachten ebenfalls offen gegenüber: „Ich liebe Weihnachten! Mit Abstand die beste Zeit des Jahres für mich.“ Die Adventzeit verbringen beide mit weihnachtlichen Bräuchen, wie jeder sie kennt. Christkindlmarkt, Punsch, Kerzen, Kekse: die ganze Palette. Lin über ihr Fest: „Am 24.12. gibt’s meist ein selbstgekochtes Essen zuhause, wahrscheinlich Raclette, mit meinem Freund. Am 25.12. haben wir dann getrennt bei unseren Eltern noch jeweils ein kleines Familienfest. Natürlich gibt’s auch Geschenke für alle. Ein Weihnachten ohne Geschenke kenne ich gar nicht!“ Fatma geht den Heiligen Abend hingegen neutraler an und feiert ihn nicht im christlichen Sinn. „Ich verbringe den Tag ganz gewöhnlich und  feiere nicht. Aber ich gratuliere meinen christlich-katholischen Freunden und wünsche ihnen ein erholsames Weihnachtsfest.“ Als wir Lin fragen, weshalb sie das christliche Fest feiert, antwortet sie: „ Der Hauptgrund ist Tradition. Die gesamte Verwandtschaft kommt zusammen, es gibt gutes und ganz viel Essen, man wird beschenkt und bereitet sich gegenseitig Freude. Die Frage wäre wohl eher, warum man nicht Weihnachten feiern sollte?“ Muslimin Fatma versteht die negative Einstellung anderer Muslime gegenüber dem Weihnachtsfest nicht: „Ich finde es falsch zu behaupten, dass es eine Sünde ist, mit Christen mit zu feiern. Man sollte alles Schöne im Leben miterleben und friedlich und respektvoll gegenüber anderen Religionen sein.“

Weihnachten ist also im Wandel, das ist klar. Kommerz, Tradition und Religion sind und bleiben dabei wichtige Faktoren, die das Weihnachtsfest beeinflussen. Was sich noch wie und warum ändern wird, steht in den Sternen, denn kommende Weihnachtsfeste vorherzusagen ist genauso schwer wie die nächste YouTube-Sensation.

 

 

 

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Cornelia Kucani hat Studien der Anglistik und der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften absolviert und ist höchst anglophil. Wenn sie nicht in Großbritannien vorzufinden ist, dann auf tumblr als halliepotter.

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