Werk X Eldorado: Pension Europa

Pressefoto PENSION EUROPA (c) Felix Dietlinger

Das Aktionstheater Ensemble bringt im 25. Jahr seines Bestehens ein Stück auf die Bühne, das sich wie kein anderes schonungslos und poetisch mit Europa – dem großen Thema des Jahres – befasst

In einem weißen, nahezu leeren Raum sinnieren fünf halbnackte Frauen verschiedenen Alters rund 70 Minuten lang über Genitalverstümmelung, Schönheitsmakel, Bettler und Weltpolitik. Begleitet werden sie von einer puppenähnlichen Sängerin im Brautkleid (Aisha Eisa), die auf eigentümliche Weise der munteren Truppe fremd und zugehörig zugleich wirkt. Während die einen ihre Speckröllchen und Krampfadern offen zur Schau tragen, erscheint sie, die stimmgewaltige Braut, nahezu elfenhaft, makellos – und ganz weit weg von dieser schonungslosen Realität.

(c) Werk X, Felix Dietlinger

(c) Felix Dietlinger

Von echten Menschen für echte Menschen
Die Schonungslosigkeit des Stücks spiegelt sich nicht nur in den „nackten Tatsachen“, sondern auch in der teils derben Sprache und den nicht immer politisch korrekten Dialogen der Frauen wider. Sie ist das Credo des Ensembles, das schon im vergangenen Jahr mit der Produktion Werktagsrevolution durch Authentizität, Empathie und eine gehörige Portion Realität das Publikum begeistern konnte. Martin Gruber, Regisseur und Gründer des Ensembles, hat seine ganz eigene Herangehensweise an Themen und Situationen, die wohl die meisten von uns aus eigener Erfahrung kennen. Er führt echte Gespräche mit echten Menschen, recherchiert Interviewmaterial und lässt es anschließend von der Wiener Autorin Claudia Tondl zu einem poetischen Gesamtwerk konzipieren. Dabei entstehen Personen, Menschen wie du und ich – mit ihren kleinen und großen Fehlern, Ängsten, Träumen und Empfindungen, in denen sich das Publikum oft wiederfindet.

„Zuhause ist man dort, wo man am besten scheißen kann.“
Und so hat man auch bei Pension Europa das Gefühl, die einzelnen Protagonistinnen aus dem eigenen Umfeld zu kennen, ihre Gedanken selbst schon einmal gedacht zu haben. Da gibt es zum einen die Jüngste im Bunde: Isabella (Isabella Jeschke). Mit Anfang 20 ist ihr Körper (noch) nicht vom Leben gezeichnet und auch ihr Denken ist weniger vom brutalen Alltag denn von träumerischen, fast naiven Ansichten geprägt. Im krassen Gegensatz dazu steht die älteste der Damen: Susanne (Susanne Brandt), deren Bauch sich auch mit viel Mühe nicht mehr einziehen lässt und deren Krampfadern ganze Landschaften auf der Haut zeichnen. Sie spricht die knallharte Wahrheit aus und erwartet dies auch von ihren Mitmenschen. Kirstin (Kirstin Schwab) ist vollkommen begeistert von den zahlreichen Revolutionen in den Krisengebieten dieser Welt. In „bloody fucking Austria“ passiere einfach zu wenig. Die türkischstämmige Alev hingegen fühlt sich hier sehr wohl. Schließlich sei man dort zu Hause, wo man am besten scheißen kann.

Über die Seele eines Kontinents
Zu Beginn der Vorstellung wird viel gelacht und zustimmend genickt – wie herrlich ist es doch, dass auch andere so ihre Fehlerchen haben und ihnen mit Humor begegnen. Richtig interessant wird es an jenen Stellen der Handlung, an denen die fünf Frauen an ihre Grenzen stoßen, die symbolisch die feinen Konturen und Facetten Europas nachzeichnen.

(c) Werk X, Felix Dietlinger

(c) Felix Dietlinger

So wünscht sich Isabella eine liebevolle, heile Familie wie in der US-Serie Eine himmlische Familie. An Wladimir Putin schätzt sie hingegen die reizvolle, arrogant klingende Sprache. So viel zum Thema Außenpolitik. Kirstin und Susanne begeistern sich für fremde Kulturen, sind aber auch sichtlich genervt von den mangelnden Deutschkenntnissen bettelnder Menschen. Als Susannes Urlaubsromanze aus Ägypten zu ihr nach Europa flüchten möchte, ist sie verzweifelt. Man müsse den Menschen vor Ort helfen, aber bitte nicht hier. Als sie Alev energisch auf einen Grammatikfehler hinweist, verstummt die sonst so resolute, kraftvolle Türkin zur Gänze. Diese Konflikte verlieren schließlich am Ende der Aufführung ihre Bedeutung, als es auf der Bühne regnet und Isabella sich voller Poesie ihren Zukunftsvisionen hingibt.

Der heimliche Star des Stücks ist die pure Sprache, der dank des kargen Bühnenbilds und der schmucklosen Kleidung der Protagonistinnen (alle tragen hautfarbene Unterwäsche) viel Raum gegeben wird. Die Mischung aus belanglosen Alltagsgesprächen, ernsten Fragen und Poesie ist sehr eindrucksvoll gelungen. Mit viel Humor und Authentizität setzt sich das Ensemble mit einem Thema auseinander, das aktueller nicht sein könnte. Gekrönt wird das Konzept von Gruber und Tondl durch die großartige schauspielerische Leistung der Protagonistinnen, die tief blicken lassen – in die Seele Europas.

Titelbild: (c) Werk X, Felix Dietlinger

Jolanthe Pantak ist als Redakteurin für mokant.at sowie als Chef-Kritikerin beim Theaterportal theatania.at tätig. Kontakt: jolanthe.pantak[at]mokant.at

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