MOOP MAMA: „Das Megafon ist fast ein Fetisch“

(c) Eric Anders

Die skurrile Münchner Band MOOP MAMA über ungewolltes Nazi-Bier, ewige Kindheitshelden, illegale Kissenschlachten und einen Sänger mit Megafon-Fetisch

Plötzlich hörst du diesen schrägen Ton | du siehst ’ne Blaskapelle näher kommen | und einer, der vorne läuft, hat ein Megafon und fragt: ‚Kommst du mit?’
Wie bekommt man einen Sänger, sieben Bläser und zwei Drummer in eine Schublade? Gar nicht. MOOP MAMA aus München machen weder Blasmusik noch Hip-Hop – und doch irgendwie beides gleichzeitig. 2009 machte sich der bunte rote Haufen mit unangekündigten Guerilla-Auftritten an öffentlichen Plätzen einen Namen, mittlerweile sind ihre energiegeladenen Live-Shows regelmäßig ausverkauft. Vor ihrem Konzert im Wiener WUK nahmen sich Keno (Rap, Gesang) und Peter (Posaune) für uns Zeit und verrieten ihr seltsamstes Tour-Erlebnis, ihre Lieblings-Deine-Mutter-Witze und das Geheimnis um das rätselhafte Stockbett-Video.

mokant.at: Ich muss euch ein Geständnis machen: Ich kann weder mit Blasmusik noch mit Rap besonders viel anfangen. Von eurer Musik bin ich aber aus irgendeinem Grund schwer begeistert. Kann mir dieses Phänomen mal jemand erklären?
Peter: (lacht) Wir müssen dir das Geständnis machen, dass es in unserer Band auch einige gibt, die wenig mit Blasmusik oder wenig mit Rap anfangen können. Aber, ich glaube gerade das verbindet uns – dass wir ganz unterschiedliche Einflüsse zusammen bringen und jeder seinen Mix mit in den Topf wirft.
Keno: Ich glaube, das ist auch das, was uns ausmacht. Dass sich auch Leute wie du, die eigentlich mit beiden Elementen wenig anfangen können, unsere Musik trotzdem anhören.

(c) Raimund Appel

(c) Raimund Appel

mokant.at: Ihr seid vor allem durch unangekündigte Guerilla-Auftritte an öffentlichen Plätzen bekannt geworden. Da gab’s sicher manchmal schräge Situationen, oder?
Keno: Das bemerkenswerteste Erlebnis hatten wir tatsächlich in Österreich, in Bregenz. Da haben wir vor einem Juwelier in der Fußgängerzone gespielt und es war relativ klar, dass das nur kurz geht. Wir haben trotzdem unsere zwei Lieder gespielt und es hat sich eine Traube von Menschen um uns gebildet, die uns alle super fanden. Dann kamen irgendwann doch die ersten Beschwerden und auch die Polizei. Dann hat sich eine ganz schräge Situation entwickelt. Es tat sich einer aus der Menge hervor, der sich als Bekannter des Bürgermeisters outete, uns auf ein Bier einlud und Stimmung mit uns machte. Nachher haben wir dann festgestellt, dass das ein rechter Politiker war, der sich in der Situation profilieren wollte vor den Leuten. Das haben wir aber erst gemerkt, als wir das Nazi-Bier, wie wir es seitdem nennen, schon intus hatten.

mokant.at: Ich hoffe ihr nehmt das den Vorarlbergern nicht übel, ihr spielt ja auf dieser Tour noch ein Konzert in Dornbirn.
Keno: Nee überhaupt nicht, aber das war auf jeden Fall eine absurde Situation.

mokant.at: Macht ihr solche unangekündigten Auftritte immer noch oder hat sich das mit der größeren Bekanntheit gelegt?
Keno: Es ist natürlich schon ein bisschen seltener geworden im Verhältnis zu den vielen Shows – das ist heute unser 96. Auftritt oder so. Da bleibt nicht mehr so viel Zeit, in jeder Stadt auf den Marktplatz zu hüpfen. Aber es ist Teil von dem, was wir sind und wir haben auf jeden Fall vor, hier und da mal ’ne Aktion zu machen.

mokant.at: Habt ihr nach fast hundert Shows überhaupt noch die Energie, bei jeder voll dabei zu sein?
Peter: Doch, das geht schon. Zwischendrin sind wir schon müde, aber wenn’s dann losgeht auf die Bühne, funktioniert das schon.
Keno: Jeder hat mal ’nen müden Tag, aber dadurch dass wir so viele sind, lässt man sich anstecken.

mokant.at: Keno, dein Megafon – ist das nur für die Funktionalität oder ein Stilmittel?
Keno: Es ist mittlerweile auch ein kleines Markenzeichen geworden von uns. Aber die Grundlage ist, dass ich es halt brauche, weil die Band so wahnsinnig laut ist.
Peter: Oder du so wahnsinnig leise.
Keno: Also ohne Megafon würde man kein Wort hören. Aber es ist irgendwie auch so ein attraktiver Gegenstand, fast schon ein Fetisch.
Peter: Aha?
Keno: Also ich mag es schon sehr gerne. Nächste Frage! (lacht)

mokant.at: Im Song Liebe verlangst du „Esst mehr Tofu-Schnitzel, lasst die Tiere leben!“ Ich nehme an, du bist Vegetarier? Wann und wieso hast du dich dazu entschieden?
Keno: Das hat sich bei mir so nach und nach entwickelt. Ich hab eigentlich auf Reisen angefangen, auf Fleisch zu verzichten. Zuerst, weil mir das nicht geschmeckt hat, was ich in dem Land wo ich damals war geboten bekommen hab. Weil einfach Teile von Tieren gegessen wurden, die ich nicht so attraktiv fand. Und dann hat das nach und nach von selber abgenommen. Ich finde das gut, aber ich bin jetzt auch kein… naja, also die meisten in der Band essen auch „normal“.
Peter: Ja, wobei das schon auch abgenommen hat.
Keno: Du hast abgenommen!
Peter: Danke Keno! (beide lachen)

(c) Raimund Appel

(c) Raimund Appel

mokant.at: Also ihr habt nicht das Gefühl, Leute umstimmen zu müssen mit eurer Musik? Weil ihr ja auch sonst ziemlich gesellschaftskritische Texte habt.
Peter: Ich glaub, das funktioniert gar nicht. Man kann nur drauf hinweisen und die Leute zum Nachdenken anregen.
Keno: Es ist uns schon wichtig, Inhalte zu bringen, für die wir auch stehen – auch im Song Kilometerfressen geht es ums Essen. Wenn ich einen Text schreibe, dann will ich schon auch was loswerden. Aber gleichzeitig find ich’s ganz wichtig, dass wir keine Band sind, die sich mit dem Zeigefinger auf die Bühne stellt und sagt: So ist es richtig und so ist es falsch. Mir ist eher dran gelegen, dass die Leute das aufnehmen und reflektieren. Es geht nicht darum, die „richtige“ Lösung anzubieten sondern eher darum, Fragen zu stellen.

mokant.at: Bei Helden fragt ihr, wo die Helden hin sind. Wer waren eure Kindheitshelden und sind sie das immer noch?
Peter: Hmm… da ich überlegen muss, sind sie es wohl nicht mehr (lacht).
Keno: Also bei mir schon, teilweise. Bei mir sind die Kindheitshelden ganz klar die ganzen Figuren aus den tollen Kinderbüchern, die ich vorgelesen bekommen hab. Also ich hab tatsächlich gestern Abend erst wieder zwei Kapitel aus Ronja Räubertochter vorgelesen. Das ist auf jeden Fall immer noch eine Heldin von mir, und viele andere aus der Kategorie auch. Nur sind die halt nicht mehr so präsent im Erwachsenenleben, das ist schade.

mokant.at: Und aktuelle Helden?
Keno: Deshalb fragen wir ja, wo die hin sind (lacht). Als Kind ist man noch unvoreingenommener und hat vielleicht noch solche Heldenfiguren. Aber irgendwann, wenn man älter wird und seine eigenen Sachen macht, hat man zwar noch ideale Vorstellungen und Leute, die irgendwas gut machen, aber niemanden mehr, der zu hundert Prozent für das alles steht. Da muss man dann seinen eigenen Weg finden.
Peter: Das Wort Held beinhaltet außerdem irgendwie, dass der bekannt ist. Muss aber gar nicht sein, finde ich. Das kann auch jemand aus der Nachbarschaft sein, den man einfach cool findet, weil er dieses oder jenes macht.

(c) Raimund Appel

(c) Raimund Appel

mokant.at: Euer erstes Album heißt Deine Mutter. Eine Anspielung auf den Bandnamen?
Keno: Hmm, ja… schon.
Peter: Wir fanden’s lustig damals.

mokant.at: Jetzt nicht mehr?
Peter: Naja, wir haben’s halt schon oft gehört (lacht).

mokant.at: Kommt wahrscheinlich auch bei jedem Interview, diese kreative Frage.
Keno: Nö, eigentlich eh nicht. Nach dem zweiten Album (Das Rote Album, Anm.) fragen die Leute eher: „Warum denn rot?“

mokant.at: Würd ich nie machen. Ich streich nur mal kurz eine Frage weg. (alle lachen) Worauf ich eigentlich hinaus wollte: Was ist euer Lieblings-Deine-Mutter-Spruch?
Peter: Oh, schwierig. Ich find den „Deine Mutter ist so dick, die piepst, wenn sie rückwärts geht“ schon gar nicht schlecht.
Keno: Find ich auch ganz gut, ja.
Peter: Oder: „Ich hab ein Passbild von deiner Mutter gesehen, auf Google Earth.“ Auch nicht schlecht.
Keno: „Deine Mutter ist so fett, wenn sie am Fernseher vorbei geht, dann verpasst du Herr der Ringe Teil eins bis drei.“
Peter: (lacht) Ich glaub wir sollten das an dieser Stelle abkürzen!

mokant.at: Okay. In Wo der Pfeffer wächst geht es um die räumliche Trennung zu der großen Liebe. Sind eure Texte oft autobiografisch und nutzt ihr sie, um das Leben zu verarbeiten?
Keno: Die Inspiration kommt immer aus dem echten Leben. Natürlich ist es immer eingefärbt, man versucht ja auch, dem Song ein konkretes Thema zu geben. Texte schreiben ist schon ein Weg, um sich mit Sachen auseinander zu setzen. Und was ich tatsächlich öfter erlebt hab, ist dass ich manchmal erst ein, zwei Jahre später merke, was ich da eigentlich aufgeschrieben hab. Also ich will jetzt nicht esoterisch wirken (lacht), aber es ist wirklich manchmal so, dass man Wörter verwendet hat, die schon viel weiter führen als das, was man zum Zeitpunkt des Schreibens über sich selber wusste.

mokant.at: Das Video von Stadt die immer schläft zeigt ein nie endendes Stockbett. Wie kommt man auf so eine Idee und wie wurde das gefilmt?
Keno: Wir haben einen guten Bekannten, der auch schon das Liebe-Video für uns gemacht hat, Stefan Zinsbacher. Er und seine Jungs von hauskonzerte.com hatten die Idee mit dem endlosen Stockbett. Für den letzten Teil wollten wir eigentlich eine riesengroße Kissenschlacht machen, die nie stattgefunden hat, weil die Polizei uns auf die Schliche gekommen ist. Weil wir das wieder mal nicht angemeldet hatten, wir illegalen Protestierer. Dann haben wir spontan Räder ans Bett geschraubt und sind eine Nacht lang durch München gefahren und das war wirklich eine der lustigsten Nächte, die ich je erlebt habe.

mokant.at: Und wie funktioniert jetzt das mit dem Stockbett?
Peter (ganz ernst): Das ist endlos. Wir haben dafür einen riesigen Turm gemietet…

mokant: Ihr wollt’s mir nicht verraten!
Keno: Ich hab’s selbst nicht verstanden! (lacht)
Peter: Okay also das war ein einfaches zweistöckiges Stockbett, wo man hinten die Wände ändern konnte und dann wurde das irgendwie mit Computer gemacht. Eigentlich fahren die Bilder durchs Bild und nicht die Kamera.
Keno: Nur in manchen Szenen haben wir die Kamera über den Balken drüber bewegt, zum Beispiel als das kleine Mädchen nach oben klettert.
Peter: Und immer während die einen gedreht haben, haben die anderen das Bett neu dekoriert, Tapeten geklebt und alles. Alles total Low-Budget und improvisiert.

mokant.at: Ihr singt über die Veränderungen in eurem Viertel in Latte Machiato. Welches Viertel ist das?
Keno: Angefangen hat’s in München im Glockenbachviertel, aber fertig geschrieben hab ich’s in Berlin und in Hamburg. In Berlin bin ich nach Prenzlauer Berg gegangen, um in die schlimmsten Baby-Cafes hinein zu gehen, um genug Antipathie aufzuladen, um den Song endlich fertig zu kriegen. Das hat mir so den letzten Rest Aggression gegeben, den ich gebraucht hab (lacht).

mokant.at: Schlimme Baby-Cafés?
Keno: Naja, ich übertreib jetzt natürlich so ein bisschen (lacht). Das ist halt voller hipper, junger Eltern, die sich gerne gluten- und laktosefrei ernähren, ins Cafe gehen und gleichzeitig natürlich auch ihre Babys nicht zuhause lassen wollen, die sie den ganzen Tag durchs Viertel schieben. Und deshalb gibt’s dort auch für diese Nachfrage diese Cafes, in denen die Getränke angeboten werden, aber auch Spielecken schon ausgebreitet sind.
Peter: Und du bist nicht weiter gekommen als die Spielecke und das hat dich genervt.
Keno (lacht): Ja, das hat mich so geärgert und das musste dann raus!

mokant.at: Letzte Frage: Habt ihr einen Guilty-Pleasure-Song?
Peter: Ich weiß nicht, ich hör halt nur geile Musik! (lacht) Oder ich schäm‘ mich nicht für die Musik, die ich höre.
Keno: Ja, ich glaub, das ist bei mir auch das Problem. Aber Britney Spears hat ein sehr gutes Lied, Poison heißt das.
Peter: Ja, unfassbar gut. Ach ja und wenn du wirklich was Peinliches hören willst, ich hab tatsächlich mal eine Backstreet Boys CD geschenkt gekriegt, und ich hab sie auch gehört.
Keno: Vielleicht hab ich sogar mal eine gekauft. Außerdem Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer-Techno.
Beide (singen): Eine Insel mit zwei Bergen… (lachen)

mokant.at: Schön, dass ihr das jetzt von der Seele habt.

Infos, Tour-Termine und Musik von MOOP MAMA gibt’s hier.
Titelbild: (c) Eric Anders

Rebecca Steinbichler ist Redakteurin und stellvertretende Ressorleiterin (Gesellschaft) bei mokant.at. Kontakt: rebecca.steinbichler[at]mokant.at

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