Harry Lucas: „Ich bin kein Guru“

(c) Julian Haas

Der Mentalist Harry Lucas spricht mit uns über das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Magie, Talentshows und ob Zauberei beim Flirten hilft

Fünf Mal hintereinander errät Harry Lucas, in welcher meiner Hände sich das 50-Cent-Stück befindet. Dabei zeigt er aber nicht nur auf die Hand, in der es ist. Er analysiert mein Verhalten und ertappt mich beim Lügen: „Ich frage dich jetzt zweimal, ob die Münze in deiner Hand ist. Einmal werde ich auf die eine, dann auf die andere Hand zeigen. Beide Male antwortest du mit ja – und versuch, dein bestes Pokerface aufzusetzen.“ Mein Pokerface kann gegen die Skills des österreichischen Staatsmeisters der Mentalmagie nichts ausrichten. Harry Lucas, aus der ORF-Serie magic mushrooms bekannt, zieht sein Publikum durch eine Mischung aus Magie, psychologischen Tricks und Effekten in seinen Bann. Momentan ist er mit seiner Show Fantastische Kopfspiele im Kabarett Simpl zu sehen.

(c) Julian Haas

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mokant.at: Hast du deine Eule nach Hogwarts schon bekommen?
Harry Lucas: (lacht) Nein, das läuft auf einem ganz anderen Level ab. Das, was ich mache, hat nicht sehr viel mit Zauberei zu tun. Das hat mit Leuten zu tun, hat mit Beobachten zu tun, hat mit Show zu tun.

mokant.at: Wie lange hat es gedauert, bis deine Nummern bühnenreif waren?
Harry Lucas: Das braucht mitunter schon Jahre. Von der Idee bis zur Umsetzung – das ist ein Prozess, der Jahre dauern kann, weil man dann rausgeht und seine Idee einmal ausprobieren kann und mal schaut, wie es funktioniert, sich dann Feedback holt von Kollegen und sich selbst beobachtet. Das entwickelt sich über Jahre, das macht es auch so spannend.

mokant.at: Ist schon einmal ein Trick auf der Bühne gescheitert?
Harry Lucas: Ja, pausenlos! (lacht)
mokant.at: Wie verhält man sich in so einem Fall?
Harry Lucas: Weitermachen!
mokant.at: Gibt es keinen Plan B?
Harry Lucas: Es gibt schon einen Plan B und C, klar. Hoffentlich merkt’s das Publikum nicht (lacht).Wenn es einmal gar nicht geht, also wenn man die Gedanken der Leute einfach nicht lesen kann, ist das auch okay.

mokant.at: Warum hast du dich für die Mentalmagie entschieden und nicht für eine andere Form, zum Beispiel Kartentricks oder Jungfrauen zersägen?
Harry Lucas: Mentalmagie finde ich sehr, sehr spannend weil man mit den Leuten direkt zu tun hat. Der Reiz hat sich für mich relativ schnell verloren, wenn man irgendwelche Tücher färbt, zum Beispiel. Da hat man auch im Alltag keinen Nutzen, das ist nicht so der Bringer. Mich hat es immer mehr interessiert, Leute zu beobachten und auch zu überlegen, warum Menschen in gewissen Situationen auf eine gewisse Art reagieren.
mokant.at: Ziehst du im Alltag einen großen Nutzen daraus?
Harry Lucas: Weniger im Alltag. Das, was ich mache, ist sehr fokussiert auf die Bühne. (Überlegt) Ich bin sehr konzentriert auf der Bühne, aber im Alltag kann ich das auch abschalten.

mokant.at: Wie kann man sich deinen Alltag als Mentalist vorstellen?
Harry Lucas: Das ist sehr unterschiedlich. Wenn ich gerade in Vorbereitung für eine Show bin, ist das sehr intensiv. Dann verbringe ich von früh bis spät Zeit damit, arbeite auch mit einem Regisseur, das kann dann auch zehn, zwölf Stunden intensives Training sein. Sonst schaut es so aus, dass ich mich sehr viel mit Literatur beschäftige.

(c) Julian Haas

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mokant.at: Stichwort Regisseur: sind deine Auftritte komplett inszeniert und durchgeplant?
Harry Lucas: Ja und nein. Es sind Acts dabei, die einer gewissen Dramaturgie bedürfen, wo auch ganz klar sein muss: wie kann man das, was man gerade macht, so auf die Bühne bringen, dass es für das Publikum noch spannender wird? Da kann man viel mit Licht machen, man kann es mit der Musik verstärken.

mokant.at: Stell dir vor, du möchtest einen besonders dramatischen Aufritt machen – was wäre der Soundtrack dazu?
Harry Lucas: Ich hab das große Glück, jemanden zu kennen, der für mich auch komponiert. Ich könnte mir vorstellen, dass derjenige sich das dann anschaut und musikalisch unterstützt.
mokant.at: Hast du da keine Vorgaben?
Harry Lucas: Nein, ich bin musikalisch so ungebildet, dass ich nicht sagen könnte, ich hätte jetzt gern diese Note und dieses Instrument. Aber da hat er (der Komponist, Anm. d. Red.) mir gesagt: „Vergiss es! Es ist meine Aufgabe als Musiker, das umzusetzen.“ Der Soundtrack, den ich jetzt in meiner Show habe, ist sehr unterschiedlich. Das geht von Peter Gabriel bis zu Hans Zimmer. Es sind einige Lieder aus Filmen, die passend sind, und einige, die speziell dafür komponiert wurden.

mokant.at: Wie sieht dein Verhältnis zur Wissenschaft aus? Das lässt sich doch schwer mit Magie vereinen.
Harry Lucas: Das ist sehr interessant, das hat sich erst in den letzten Jahrhunderten so ergeben. Früher waren Magie und Wissenschaft durchaus vereint. Früher waren die Magier die Wissenden, es hat sich erst relativ spät getrennt, dass es auch Naturwissenschaftler gab, die sich damit auseinandersetzen. Aber es ist interessant, dass sich heutzutage sehr viele Wissenschaftler auf Zauberkünstler rückbesinnen, zum Beispiel, wenn es um Aufmerksamkeit geht. Oder um Prozesse, die in unseren Köpfen ablaufen. Viele Dinge, die die Wissenschaft noch nicht entdeckt hat, sind in anderen Bereichen schon vorhanden.
mokant.at: Hast du ein Beispiel dafür?
Harry Lucas: Also dafür jetzt… (überlegt) Ich habe ein anderes Beispiel, das ich sehr spannend fand. Da hat sich jemand in ein MRT (Magnetresonanztomographie, Anm. d. Red.) reingelegt und es wurde ein Punkt auf einem Monitor angezeigt. Man hat zwei Trigger gehabt, die man drücken kann und musste sich nur entscheiden, ob man links oder rechts drückt. Das war die Aufgabe. Der Wissenschaftler, der das ganze beobachtet hat, konnte bis zu sechs Sekunden im Vorhinein sagen, wie sich die Person gleich entscheiden wird. Einfach, weil sie das schon sehen konnte. Das fand ich so spannend, weil es da auch um den freien Willen geht. Wie sehr kontrolliere ich eine Entscheidung? Wer entscheidet dann, wenn ich mir selber noch nicht darüber bewusst bin? Und da bin ich drauf gekommen, dass es jemanden oder etwas gibt, das für uns entscheidet. Das ist nicht etwas Außerirdisches, sondern irgendetwas im Kopf, irgendein Teil von uns, der das entscheidet.
mokant.at: Das klingt ein bisschen nach Freud.
Harry Lucas: Klingt vielleicht so. Vielleicht ist es aber auch so, dass es etwas Unbewusstes ist, dass wir ein Bauchgefühl haben, oder intuitiv sagen: „ich glaube, das könnte so sein“.

mokant.at: Du sagst von dir selbst nicht, dass du eine Gabe oder übersinnliche Kräfte hast.
Harry Lucas: Also ich bin weder ein Guru, noch ein übersinnliches Wesen. Wenn du nach einer Gabe fragst, dann würde ich das gerne vergleichen mit einem Musiker, der die Leidenschaft hat, sich jahrelang damit zu beschäftigen. Jeder von uns kann Klavier spielen, jeder von uns kann die Tasten betätigen. Aber jemand, der diese Gabe und Leidenschaft hat, sich so lange damit zu beschäftigen – aus dem wird dann einmal ein Konzertpianist.

(c) Julian Haas

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mokant.at: In der Show The Next Uri Geller mussten die Kandidaten von sich behaupten, eine „Gabe“ zu haben.
Harry Lucas: Genau. Das ist auch einer der Gründe, warum ich daran nicht teilgenommen habe.
mokant.at: Was hältst du von Magiern, die von sich sagen, dass sie eine „Gabe“ haben?
Harry Lucas: Mag ja sein, dass es so etwas gibt, es ist auch okay, das von sich zu behaupten – meines ist es halt nicht. Deswegen war diese Show nichts für mich. Ich habe Uri Geller letztes Jahr kennengelernt und habe ihn als einen sehr offenen Menschen empfunden. Ich kannte ihn vorher nur aus dem Fernsehen und habe ihn als sehr unterstützenden und positiven Menschen in Erinnerung.

mokant.at: Hast du schon einmal bei einer Talentshow mitgemacht?
Harry Lucas: Nein. Das ist, glaube ich, auch nicht das richtige Format für mich, weil die Bedingungen andere sind, als das, was mich interessiert.
mokant.at: Denkst du nicht, dass du bei Formaten wie Die große Chance gut ankommen würdest?
Harry Lucas: Ich bin sicher, dass das gut ankommen würde, aber die Frage ist, ob die Rahmenbedingungen rundherum für mich passen. Das ist oft auch eine Zeitfrage: wenn man nur zwei Minuten Zeit hat, ist das schwierig für mich, weil ich Geschichten erzähle. Die haben einen Anfang, eine Mitte und ein Ende.

mokant.at: Wann hast du dich bewusst dafür entschieden, dass du Mentalist werden möchtest?
Harry Lucas: Das war ein Prozess, der sich über die Jahre entwickelt hat. Ich habe sehr früh begonnen, mich für Psychologie zu interessieren, für Menschen zu interessieren. Auch in der Schule hat ich die Verhaltensforschung immer sehr interessiert, die im Fach Biologie nur einen sehr kleinen Teil ausmacht. Ich denke, so mit etwa Anfang zwanzig war es für mich dann klar, dass ich in diese Richtung gehen mag.

mokant.at: Was haben deine Eltern zu deiner Berufswahl gesagt?
Harry Lucas: „Lern was G’scheits.“ (lacht)
mokant.at: Und was haben sie sich darunter vorgestellt?
Harry Lucas: Ich habe dann begonnen, Juristerei zu studieren, habe aber relativ bald gemerkt, dass mich das prinzipiell schon interessiert, aber so genau wollte ich es dann auch wieder nicht wissen. Es hat mich mehr Richtung Bühne gezogen.

mokant.at: Du beschäftigst dich auch mit Hypnose. Hast du dich selbst schon einmal hypnotisieren lassen?
Harry Lucas: Ja.
mokant.at: Hattest du gar keine Angst davor?
Harry Lucas: Nö. Ich war sehr neugierig, wie das denn ist. Weil ich immer gehört habe, wie toll und angenehm und entspannend das ist. Und das war es.
mokant.at: Gibt es dafür eine bestimmte Ausbildung?
Harry Lucas: Dafür gibt es viele verschiedene Ausbildungen. Ich habe eine in England gemacht, bei einem Kollegen und mittlerweile Freund. Da hat sich eine Tür in eine neue Welt für mich geöffnet, weil ich das, was ich dort gelernt habe, auch jetzt in meinem Job nutzen kann. Insofern, dass es bei Hypnose hauptsächlich darum geht, zu kommunizieren. Es ist meistens so, dass der, der hypnotisiert wird, weniger spricht. Die Person sitzt dann dort und man muss beobachten, wie jemand reagiert. Es kann sein, dass sich die Augen bewegen oder die Augenlider zu flattern beginnen, es kann sein, dass sich ein Muskel bewegt. Man muss sich sehr genau mit den Leuten beschäftigen und sie genau beobachten. Das hilft mir bei dem, was ich mache, auch.

(c) Julian Haas

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mokant.at: Ist die Angst, bei Hypnosen die Selbstkontrolle aufzugeben, berechtigt?
Harry Lucas: Ganz und gar nicht. Ich weiß, woher diese Angst kommt – nämlich aus einem Bild, das Hollywood geprägt hat. Dass Leute wie Zombies herumlaufen, das funktioniert in Hollywood sehr gut. In Wirklichkeit ist es so, dass man unter Hypnose die meiste Kontrolle über sich selber ausüben kann. Ich sehe mich selber nur als Tourguide, als jemand, der den Weg kennt. Aber die Person geht diesen Weg selber. Ich führe die Person dann an Orte, an denen man selber an den Schaltern drehen kann, die wichtig sind, wenn man zum Beispiel Verhalten ändern möchte.

mokant.at: Drei kurze Fragen zum Schluss: Gedanken lesen – Fluch oder Segen?
Harry Lucas: (lacht) Was denkst du?
mokant.at: Ich würde sagen, Segen.
Harry Lucas: Ja.

mokant.at: Hilft Zauberei beim Flirten?
Harry Lucas: Da fragst du den Falschen, glaube ich. Ich denke, dass es einigen durchaus helfen kann, die Scheu zu überwinden und einmal cool dazustehen in der Runde. Aber ich glaube, dass es besser ist, wenn man einfach man selbst ist ohne vorgeben zu müssen, dass man jemand anders ist.

mokant.at: Wessen Gedanken würdest du gerne einmal lesen?
Harry Lucas: (überlegt) Muss es eine Person sein? Ich denke gerade an meinen Telepathie-Akt, wo die Leute an eine ganz besondere Frage, die sie bewegt, denken. Meine Aufgabe ist es, die Leute genau anzuschauen und herauszufinden, woran sie gerade denken. Das kann eine ganz banale Frage sein. Einmal wollte jemand wissen, welche Ziegel er zum Hausbau verwenden soll – da fragt er den Richtigen, ich habe keine Ahnung von Hausbau. (lacht) Aber manche stellen auch sehr persönliche Fragen, die ich auf der Bühne dann nicht beantworte. Deswegen ist es schwer, mich jetzt auf eine Person festzulegen.

Am 25. Jänner ist Harry Lucas mit seiner Show Fantastische Kopfspiele im Kabarett Simpl zu sehen.

Titelbild: © Julian Haas

Alissa Hacker ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: alissa.hacker[at]mokant.at

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