Zora Bachmann: „Unsere Sexualität gehört uns!“

Foto: (c) Bachmann

Strafe, Sex und Menschenrecht: das Filmfestival this human world will heuer zum siebten Mal mit seinem Programm aus gewohnten Diskursen ausbrechen und neue Denkanstöße bieten. mokant.at traf die Festivalleiterin für ein Interview.

mokant.at: Eines der Schwerpunkt-Themen des heurigen this human world ist Every Time We Fuck We Win! und beschäftigt sich mit Pornos abseits des Mainstream-Heterosexfilms. Die Karten für diese Schwerpunktfilme sind recht beliebt. Sex sells auch bei this human world?
Bachmann: Ja, unsere ersten zwei ausverkauften Vorstellungen waren aus der Reihe Every Time We Fuck We Win! Der Schwerpunkt verwunderte manche Leute. Für mich ist das Thema überhaupt nicht komisch. Der Schwerpunkt ist toll kuratiert. Die beiden mit denen ich dieses Thema bearbeitet habe, haben gewissenhaft recherchiert und sich viel mit dem Thema auseinandergesetzt. Ich habe überhaupt keine moralischen Bedenken Pornos zu zeigen. Zwei Menschen beim Geschlechtsverkehr zu zuschauen, ist für mich moralisch nicht behaftet.

mokant.at: Welches Statement liegt hinter dem alternativen Qualitätsporno?
Bachmann: Alle mit Internet haben einen Zugang zu YouPorn oder anderen Plattformen und damit zu ungefähr 540 Milliarden Pornofilmen. Frauen werden in diesen Sexfilmen zum Teil erniedrigt, geschlagen, gewürgt. Dort werden Frauen dazu benutzt, Lust zu empfinden – es geht nie darum, ob Frauen Lust haben. Gerade da sieht sich unser Themen-Schwerpunkt als Gegenstatement und öffnet den Raum für Frauen, Lesben und Transgender-Personen, die sich lustvoll ihre Sexualität zurückholen. Das passiert in unseren Festival-Filmen mit einer Offenheit, bei der man zuschauen darf. Wir zeigen eine andere Form von Sexualität und auch eine andere Form von Körperlichkeit  das finde ich entscheidend. Viele der Pornos, die wir zeigen, sind zum Teil einfach auch ur-lustig.

mokant.at: Wer kam auf den süffisanten Titel des Themen-Schwerpunktes? Und was bedeutet das Rufzeichen im Titel?
Bachmann: Die Idee zum Titel hatte eine der Kuratorinnen, Denice Bourbon. Der Satz kommt aus einem aktivistischen Zusammenhang und war eine Form von Demo-Spruch, genauer gesagt eine Zeile aus einem aktivistischen Lied. Das Rufzeichen steht für eine Kampfansage, im Sinne von: Wir lassen uns nicht unterkriegen! Wir lassen uns unsere Sexualität nicht nehmen! In den Diskursen gegen Schwule, Lesben oder Transgender-Menschen geht es darum, dass man jemanden anderen seine Sexualität verbieten oder dreinreden will. Die Antwort darauf ist: Jedes Mal, wenn wir uns das nicht verbieten lassen, haben wir ein Stückerl gewonnen – unsere Sexualität gehört uns und es sind unsere Körper. Menschen stärken dadurch ihr Bewusstsein, sich das nicht nehmen zu lassen.

mokant.at: Bietet this human world Filmkunst für Filmliebende oder für kritische Aktivisten?
Bachmann: Wir sind vor allem ein Kultur-Event bei dem es um die Qualität der Filme geht. Das Festival ist keine rein aktionistische Plattform. Aber für politisch aktive Menschen sind Filme dabei, die ihnen Spaß machen und die sie gerne anschauen.

mokant.at: Erreicht das Festival auch ein Publikum, das sich für gewöhnlich nicht mit dem Menschenrechts-Diskurs beschäftigt?
Bachmann: this human world bringt Leute ins Kino, die sich sonst nicht unbedingt mit Menschenrechten auseinandersetzen oder nicht besonders nah am Thema sind. Wir haben ein sehr junges Publikum – viel jünger als die meisten anderen Filmfestivals. Das sind Besucher, die kommen im Maturajahr, dann kommen sie im ersten Studienjahr und besuchen uns immer wieder. Wir haben ein Zielpublikum, das nicht unbedingt ein Festivalpublikum ist, sondern das mit uns Kino kennenlernt.

mokant.at: Wie ging die Ideenfindung für das heurige Schwerpunkt-Thema A World of Prisons vonstatten?
Bachmann: In meiner Diplomarbeit befasste ich mich mit der Gefängnispolitik und der Anti-Gefängnisbewegung in Kalifornien. Eine Freundin setzt sich im beruflichen Kontext damit auseinander. Ich habe zwei weitere Frauen gefunden, die sich mit dem Thema Gefängnis theoretisch befassen. Vor Jahren haben wir bereits über das Thema geredet und heuer ist uns die Umsetzung gelungen.

mokant.at: Welchen Denkprozess will das Festival mit diesem Themen-Schwerpunkt anstoßen?
Bachmann: Der Diskurs dreht sich oft um die Vorstellung „Da sitzen lauter Vergewaltiger, Kinderschänder, Mörder“ – die meisten Leute, die im Gefängnis sitzen sind Menschen, die aufgrund von Armut Verbrechen begehen müssen. Das heißt auch: Armut wird bis zu einem gewissen Grad bestraft. Kommt jemand aus sozial besseren Verhältnissen, hat er bessere Chancen nicht im Gefängnis zu landen als jemand, der arm ist und sich keinen Anwalt leisten kann oder sich auch vor Gericht nicht in entsprechender Form ausdrücken kann. Wir wollen eine Debatte, in der wir die Möglichkeit haben, das Gefängnis selbst in Frage stellen und zu überlegen: Was macht eine Haftstrafe mit einer Person?

mokant.at: Sie sind jetzt zum dritten Mal für die künstlerische Leitung zuständig. Wie hat sich die Arbeit am Festival seither verändert?
Bachmann: Das Selbstbewusstsein hat sich in den letzten Jahren geändert. Der Grad der Professionalisierung steigt: Ich habe Politikwissenschaften studiert und war kein alter Hase im Filmbusiness. Auch die Zusammenarbeit mit Julian Berner (kaufmännischer Festivalleiter) hat sich verändert. Wir sind ein junges Festival und haben es gemeinsam aufgebaut. Wir hatten keine vorgefertigten Strukturen, auf die wir zurückgreifen hätten können. Ich bin seit 2009 bei der Programmerstellung. Mein Arbeitsbereich hat sich seither vielleicht in der Bezeichnung und der Eigenständigkeit verändert, aber ich mach das schon fünf Jahre.

mokant.at: Was sind Ihre persönlichen Filmhighlights heuer?
Bachmann: Den Eröffnungsfilm At Home (Sto spiti) liebe ich. Am Freitag nach der Eröffnung ist I am Not Angry! (Asabani Nistam!) – diesen Film kann ich sehr ans Herz legen. Das ist eine fantastische iranische Produktion, die filmisch exzellent gelungen ist. Der Film geht ungewöhnlich kritisch mit der iranischen Gesellschaft um. Im Zentrum steht die junge Generation im Iran und eine Perspektivenlosigkeit die herrscht, wenn man nicht aus wohlhabenderen Verhältnissen kommt. Nach langen Komplikationen hat es funktioniert, dass der Regisseur Reza Dormishian aus dem Iran zu uns kommt und ist für ein Publikumsgespräch da.

mokant.at: Was ist das Besondere an den österreichischen Film-Beiträgen?
Bachmann: Ich bemühe mich jedes Jahr, möglichst viele österreichische Filme zu haben. Es ist kein Geheimnis, dass die österreichischen Filme im Kino nicht sehr gut laufen. Deswegen ist es mir ein Anliegen, die österreichischen Filme für die Festivalbesucher und Gäste hervorzuheben. Wir haben dieses Jahr Wenn es blendet, öffne die Augen von Ivette Löcker – ein wunderschöner Dokumentarfilm über ein drogensüchtiges Pärchen in St. Petersburg. Die besondere Kunst an Löckers Film ist, wie respektvoll sie bleibt. Das Thema Drogensucht würde sich natürlich anbieten, um die Grauslichkeiten der menschlichen Existenz zu unterstreichen – das macht sie aber nicht. Egal wie kaputt und verloren, lässt sie die Protagonisten in ihrer Liebe sein, und das finde ich stark.
Private Revolutions von Alexandra Schneider ist ein Film über Frauen in der ägyptischen Revolution: Ein spannendes Porträt über vier Frauen, die aus unterschiedlichen politischen Richtungen in Ägypten kommen, mit denen man die Revolution und die Ernüchterung kurz danach miterleben kann. Eine der Protagonistinnen des Films ist Amani El Tunsi. Sie ist Frauenrechtlerin und setzt sich gegen die Genitalverstümmelung bei Frauen ein. El Tunsi macht erfolgreich Radio und war bei uns 2012 zu Gast. Sie hatte einen Preis von der Liga für Menschenrechte bekommen und jetzt ist der Film endlich fertig. Ich freue mich sehr, dass wir die Wien-Premiere haben.

mokant.at: Haben Sie am 10. Dezember, dem internationalen Tag der Menschenrechte, etwas Besonderes vor? Wie verbringen Sie diesen Tag?
Bachmann: Ich verbringe ihn wahrscheinlich im totalen Stress. Das ist drei Tage vor Festivalende und ich werde versuchen, alle meine Kräfte nochmal zu mobilisieren, damit ich die nächsten drei Tage durchhalte. Wir haben das Festival so gelegt, dass es rund um den 10. Dezember ist – das ist uns auch wichtig, aber mittlerweile gibt es so viele Veranstaltungen anderer NGO‘s, die den Menschenrechten gewidmet sind, dass wir keine Extras an diesem Tag machen.

this human world findet vom 4. bis 13. Dezember statt und zeigt über 80 Spiel- und Dokumentarfilme in fünf Kinos. Das Filmprogramm wird von Diskussionen, Publikumsgesprächen, Workshops, Konzerten, Ausstellungen und einer Nightline begleitet. Das Festival wird vom Boltzmann Institut unterstützt und steht unter Ehrenschutz von Bundespräsident Heinz Fischer.

Programm und Infos auf www.thishumanworld.com

Titelbild: Die beiden Festivalleiter Zora Bachmann und Julian Berner; (c) Lisa Mersi

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