Burgtheater: Bei Einbruch der Dunkelheit

Bei Einbruch der Dunkelheit | Peter Turrini | Burgtheater

Das Wiener Burgtheater zeigt aktuell Peter Turrinis kontroverses Volksstück Bei Einbruch der Dunkelheit – eine rigorose Ansammlung von garstigen Dialogen, Nestbeschmutzung und Slapstick

Das Licht ist so diffus und dunkel, als ob der Mondschein durchs Burgtheater schimmert. Die Bühne ist schwarz und grau. Ein Hof in Zentralperspektive erscheint. Drei weitere Räume leuchten vor dem Wechselspiel von Licht und Schatten. Sie werden mit durchsichtigen Trennwänden illusioniert. Ein dreidimensionaler apokalyptischer Raum erweckt das Gefühl von Traum, Zerstörung und Verletzlichkeit. Im Vordergrund steht ein Festbankett. Graue Korbstühle, ein langer Tisch und jede Menge Speisen, die im Laufe des Stückes bis in die ersten Sitzreihen fliegen werden. Dahinter leuchtet ein ominöser grauer Laubbaum und erweckt den Anschein eines verzauberten Gartens.

Verwirrte, melodramatische Künstler in Endzeit-Stimmung
Stefan Hageneiers Bühnenbild zeigt den Tonhof einer riesigen Villa im 50er-Jahre-Kärnten. Zu sehen sind die Gräfin Frau Schwarz, ihre Tochter Claire und ihr Komponisten-Ehemann Phillippe. Turrinis autobiografisch geleitetes Stück weist hier auf das Mäzenaten-Paar Maja und Gerhard Lampersberg hin. Sie waren Kunstförderer und ließen unter anderem H.C. Artmann, Thomas Bernhard sowie Peter Turrini selbst jahrelang bei ihnen wohnen. Turrinis Stück zeigt in der Regie von Christian Stückl eine Ansammlung von verwirrten, melodramatischen Künstlern in Endzeit-Stimmung. Sie sind gezwungen bei Claire, einer verwöhnten Daueroptimisten, und Phillippe, einem homosexuellen Pädophilen, zu leben.

Markus Meyer („Philippe“), Barbara Peitsch ("Frau Schwarz“), Matthias Hecht (Alois Mitteregger) (c)Burgtheater

Markus Meyer („Philippe“), Barbara Peitsch („Frau Schwarz“), Matthias Hecht (Alois Mitteregger) © Burgtheater

Ein dicker Bauernjunge namens Alois in Lederhosen steht vor der Festtafel. Er sagt über das ganze Stück hinweg nicht viel. Hier und da kann man ein argwöhnisches Gedicht von ihm hören. Alois soll eine Andeutung an den fünfzehnjährigen Peter Turrini sein. „Ich wäre gerne ein gesunder Kärntner Bauernbub geworden, der mit Lederhosen und Gamsbart über die Wiesn schreitet. Nur leider hatte diese Integration nicht funktioniert. Wir blieben Fremde im Dorf.“

Worte treffen härter als Taten
Christian Stückls graues Bühnenbild wird durch die knalligen Farben der Kostüme zum Leben erweckt. Die Figuren wirken wie Charaktere aus einem Gemälde. Sehr dominant sind die Frisuren: Sie leuchten, wackeln, sind turmhoch oder senfgelb. Sie sollen kein Spiegel der Wirklichkeit sein, sondern lediglich Fetzen aus Turrinis Erinnerung. Das Stück zeigt, dass Worte oft härter treffen können als Taten. In vielen Stücken Turrinis werden die Konflikte mit Mord und Totschlag gelöst. Bei Einbruch der Dunkelheit ist es anders. Hier preschen die Künstler einander mit Monologen und Dialogen die Köpfe ein und kritisieren dabei die Gesellschaft. Turrinis Hauptthemen sind Nazis, Verdauung, Liebe und das kärntnerische Bauerndasein. In mancher Hinsicht wirken die Gespräche wie die Wortfetzen eines Nestbeschmutzers: „Wien hört höchstens bei St. Pölten auf aber Kärnten! Kärnten ist überall!“

Das Lachen bleibt im Halse stecken
Alle Figuren wollen während des Stückes zueinander finden. Doch sie scheitern und entfernen sich mit jedem Wort. Sie sind Kinder der Sehnsucht, aber Könige der Zerstörung. Christian Stückl lässt die Figuren Essen quer über die Bühne werfen. Tische fliegen im hohen Bogen durch den Raum, Tassen zerbrechen in alle Einzelteile und das Publikum wird mit Wasser bespritzt. Die Dialoge bringen die Zuschauer zum lachen und dennoch ist es ein Lachen, das einem im Halse stecken bleibt und die Gefahr eröffnet, zu lachen, wenn man eigentlich schweigen sollte. Diese Wirkung zeigt sich, wenn Philippe mit einem Trog voller Blut hereinkommt und stolz behauptet, Nachbarskinder geschlachtet zu haben. Er fragt Claire, ob sie ihn noch liebt. Sie antwortet bloß: „Wie bitte?“ Die Gräfin Frau Schwarz furzt, was das Zeug hält und Rauchwolken steigen hinter ihrer schwankenden Perücke auf. Sie meint, dass Sexualität überschätzt werde und doch beißt sie ordinär von einer Stange Wurst ab, die Schauspieler Dorothee Hartinger (Claire) und Markus Meyer (Philippe) ziehen sich bei einer Sexszene in einem Sarg fast gänzlich aus. Das gebildete Publikum sitzt dabei still im Saal und sieht mit nichts sagenden Blicken den Figuren zu, wie sie sich gegenseitig an den Genitalien begrapschen.

Es ist ein Spiel aus Schein und Trug
Bei Einbruch der Dunkelheit kann im Vergleich zu Turrinis anderen Stücken wie Sauschlachten oder Rozznjogd als harmlos gesehen werden. Man muss besondere Aufmerksamkeit auf die Dialoge setzten und nicht in Versuchung geraten, durch die irrsinnigen Taten der Figuren abgelenkt zu werden. Es ist ein Spiel aus Schein und Trug, in welchem viel Wahrheit über die Menschheit, noch heute geltende politische Strukturen und dem heuchlerischen Künstlertum ausgesprochen wird. Schon alleine das Bühnenbild und die Kostüme sind einen Besuch im Burgtheater wert. Es ist vermutlich eines der besten Stücke, die zur Zeit an einem Wiener Theater gespielt werden – auch wenn manch Zuschauer von der Harmlosigkeit und der anscheinend weniger radikalen Umsetzung des Stückes getäuscht wird. Worte können so hart wie Messerhiebe sein.

Titelbild: © Burgtheater Wien

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Jennifer Tillmann ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Sie studiert Germanistik und Publizistik an der Universität Wien. Kontakt: jennifer.tillmann[at]mokant.at

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