Film/riss: Das Verschwinden der Eleanor Rigby

Eine Geschichte, zwei Perspektiven, drei Versionen. Das Verschwinden der Eleanor Rigby in der Review – ab 27. November im Kino.

Ned Bensons Erstlingswerk öffnet mit dem frisch verliebten Pärchen Eleanor (Jessica Chastain) und Conor (James McAvoy), das ohne zu zahlen aus einem New Yorker Restaurant flüchtet. Sie sind glücklich, doch dabei soll es nicht bleiben. Nur wenige Jahre später: Eleanor springt von der Manhattan Bridge.  Ihr scheiternder Selbstmordversuch ist der Beginn einer Erzählung über die Liebe, das Trauern und der subjektiven Wahrnehmung des Lebens.

Foto: (c) Thimfilm

Foto: (c) Thimfilm

Stunde 0: Die Suche nach dem Selbst
Nach ihrem missglückten Suizid zieht die New Yorkerin Eleanor zurück zu ihren Eltern (William Hurt und Isabelle Huppert) und schreibt sich erneut am College ein. Den Kontakt zu ihrem Ehemann Conor hat sie vollkommen abgebrochen. Jeder Annäherungsversuch wird vereitelt. Conor wiederum treibt sein Restaurant aus Verzweiflung in den finanziellen Ruin, auch die Zwangsräumung der gemeinsamen Wohnung steht an. Der Grund für das Zerbrechen einer einst glücklichen Liebesbeziehung? Der Tod ihres Sohnes.

Was die genauen Umstände um das verstorbene Kind betrifft, wird man 123 Minuten lang im Dunkeln gelassen. Der Film hingegen beleuchtet durch seine hervorragenden Protagonisten das individuelle Erleben einer schier unvorstellbaren Ausnahmesituation. Benson hatte zunächst zwei Versionen des Films veröffentlicht: zum Einen The Disappearance of Eleanor Rigby: Her und zum Anderen The Disappearance of Eleanor Rigby: Him. Die Teile erzählen das Geschehen einmal bloß aus Eleanors Sichtweise, dann aus Conors. In der dritten Version Them, die die unterschiedlichen Perspektiven zu einem großen Ganzen verknüpft, wird das nach einem Sinn suchende, um sein Glück ringende Paar authentisch porträtiert.

Golden Globe-Gewinnerin Jessica Chastain und BAFTA-Gewinner James McAvoy schaffen es von Beginn weg den Zuschauer mit ihrer Interpretation eines gebrochenen Elternpaares zu fesseln. Und das beinahe ohne jegliche musikalische Begleitung und unnötig dramatische Dialoge. Ob sich Ned Benson eine Handvoll poetischer Ausschweifungen („Tragödien sind wie fremde Länder. Wir wissen nicht, wie man mit den Einheimischen spricht“, so etwa William Hurt in der Rolle des Julian Rigby, Eleanors Vater zu seiner Tochter.) hätte sparen können, ist Geschmackssache. Gleiches gilt für den klischeebehafteten Charakter von Eleanors Mutter: eine französische Musikerin mit starkem Akzent und einem scheinbar an die Hand angewachsenen Rotweinglas.

Hommage an die Beatles
Nichtsdestotrotz lebt das Drama von seinen perfekt harmonisierenden Hauptdarstellern. So wird man nicht nur von den seltenen, aber grandiosen Zusammentreffen der Protagonisten in die Geschichte gezogen, sondern auch von den spitzzüngigen Dialogen zwischen Eleanor und ihrer Professorin Lillian Friedman (Viola Davis), die mit Aussagen à la „Sie leben in der Generation „zu viel Auswahl“, „Sie studieren bloß um zu studieren“, den Puls der Zeit treffen. Und ganz nebenbei dem Zuschauer eine Verschnaufpause gönnen.

Denn Das Verschwinden der Eleanor Rigby, dessen Titel von einem Beatles-Song inspiriert ist, ist alles andere als leichte Kost: Menschen, die sich so sehr lieben und dennoch nicht zueinander finden, Tod, Trauer und zu guter Letzt der verzweifelte Versuch im Leben einen neuen Sinn – und dabei sich selbst – zu finden. Der Regisseur hält einer Generation der unbeschränkten Möglichkeiten den Spiegel vors Gesicht. Wem nach überraschenden Wendungen, regelrechter Reizüberflutung und dem klassisch hollywoodesken Spannungsbogen gelüstet, der sollte sich die knappen zehn Euro fürs Kino besser sparen. Freunde des Arthouse-Kinos kommen auf ihre Kosten.

Kinostart: 27. November 2014

Titelbild: (c) Thimfilm

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Katja Lehner ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Sie ist Studentin der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften sowie der Rechtswissenschaften an der Universität Wien. Kontakt: katja.lehner@mokant.at

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