Hongkong Proteste: Die Stärke des Regenschirms

(c) Dorathy Lee

Auch wenn sie aus den Medien verschwinden sind die Proteste in Hongkong immer noch Alltag. Wir analysieren was passiert ist und passieren könnte.

Ein kluger französischer Schauspieler hat einmal gesagt: „Der Mut ist wie ein Regenschirm. Wenn man ihn am dringendsten braucht fehlt er einem.“ Die Bürger Hongkongs sind in den letzten Wochen mit ihren Regenschirmen auf die Straße gegangen. Ein Update über das was passiert ist.

Nur wenige Tage nachdem unser Artikel über die Probleme in Hongkong veröffentlicht wurde, ging es in Hongkong richtig los. Massen gingen auf die Straßen, Wirtschaftszentren wurden lahm gelegt und es kam zu ersten Auseinandersetzungen. Alle großen Medien berichteten, die Proteste in Hongkong wurden zu einem der global wichtigsten Themen. Langsam verstummt die Berichterstattung wieder. Doch wie geht es weiter? Was haben die Proteste bewirkt und was bleibt von den größten Demonstrationen in China seit dem traurigen Ende der Studentenproteste 1989 durch das Tian’anmen-Massaker?

Was ist in Hongkong passiert?
Da die Regierung Hongkongs sich nicht an die Vereinbarung halten will 2017 freie Wahlen einzuführen, gingen mehrere Zehn- bis Hundertausende, vorwiegend Studenten, auf die Straße. Auch das durch China manipulierte Schulsystem, Immobilienprobleme und die Übermacht der großen Konzerne in Hongkong waren Gründe für die Proteste. Die Studentenbewegung schloss sich mit der Occupy Central-Bewegung zusammen, woraufhin unzählige Bürger sich solidarisierten. Auch das teils aggressive Vorgehen der Polizei gegen meist friedliche Demonstranten auf der Straße führte zu Wut unter den Bürgern. In Bildungseinrichtungen wurde gestreikt und durch die Menschenmassen wurde der Hauptwirtschaftsbezirk Central mehrere Tage lahmgelegt. Das wirkte sich wirtschaftlich deutlich auf den Hongkonger Markt aus, sodass die Börse einige Tage geschlossen bleiben musste. Die Proteste hielten sich hauptsächlich über die letzte September- und erste Oktoberwoche, dauern aber immer noch an. Bis heute ist die Wut nicht abgeschwächt und weder die Regierung noch die Demonstranten machen Anzeichen aufzugeben. Es geht momentan allerdings nichts voran, da keine der beiden Seiten Eingeständnisse machen zu scheint.

Auch wenn die klaren Forderungen den Demonstranten bis jetzt noch nicht erfüllt wurden, können die Proteste als Erfolg gewertet werden. Die Unsicherheit und teilweise unüberlegten Entscheidungen der Regierung sehen wie ein Eingeständnis aus. Die Hongkongerin Dorathy Lee erzählt uns, die Demonstranten hätten „endlich das Gefühl es könne sich wirklich etwas verändern.“ Die Hartnäckigkeit und der Glaube der letzten Wochen hätten sich im Charakter der Hongkonger verfestigt.

(c) Dorathy Lee

(c) Dorathy Lee

Wie sehen die Unterstützer die Proteste?
„Für viele der Protestbefürworter in der Bevölkerung Hongkongs sind die Proteste die schönsten Ereignisse seit Jahren“, erzählt Dorathy Lee weiter. Sie selbst ist Teil der Studentenbewegung. Es macht sie stolz, wie vorbildlich, friedlich und trotzdem willensstark sich die Demonstranten präsentieren. „Anstatt zu randalieren haben sich die Hongkonger dazu entschieden den Protest durch Kunstperformances, Gemälde, Büchertausch und Diskussion auszudrücken“, fährt sie fort. Worüber sie berichtet, erkennt man sehr gut auf den Fotos, die sie uns zugeschickt hat. Lee meint, das neue Gemeinschaftsgefühl berühre viele. Sie erzählt uns, wie Bus- und Taxifahrer die Demonstranten durch das Sperren von Straßen unterstützen, wie gemeinsam Müll beseitigt wird und Anwohner ihre Leidensgenossen auf den Straßen verpflegen. In Parks treffen sie sich außerdem ganze Nachmittage um gemeinsam Plakate mit gelben Schleifen zu malen, die sie dann an Taxi- und Busfahrer verteilen um das Bild in der Stadt zu verbreiten. Auch die mit Wünschen versehenen Post-its sind in der ganzen Stadt nicht zu übersehen. Dorathy Lee spricht von „den emotionalsten Momenten in ihrem Leben“. Sie sei so glücklich eine Hongkongerin zu sein und habe das Gefühl, dass sich einiges bewege in letzter Zeit.

Die Symbole, die gelbe Schleife und, vor allem, der Regenschirm, werden in der ganzen Stadt künstlerisch verbreitet – es gibt keine Chance den aufkommenden Widerstand zu übersehen. Der Regenschirm steht wunderschön sinnbildlich für die Gefühle Hong Kongs. Ein Alltagsobjekt der Hongkonger, das nun nicht mehr zum Schutz gegen Wind und Wetter, sondern zum Schutz gegen die eigene Regierung und das Tränengas der Polizei eingesetzt wird.

Wie sehen die Gegner die Proteste?
Nicht jeder unterstützt jedoch die Regenschirm-Bewegung. Bürger, deren Geschäfte lahm liegen, weil in ihren Straßen demonstriert wird, sind gereizt. Auch viele Arbeiter fürchten hohen wirtschaftlichen Schaden und sogar um ihre Arbeitsplätze. Nicht zuletzt gibt es auch politisch Desinteressierte, die von der Verkehrssituation genervt sind. Viele Bürger haben nach mittlerweile über 6 Wochen genug. Sie wollen zurück in ihren Alltag und können die ewigen Probleme durch die Proteste nicht mehr ertragen. Ein weiteres Argument von Kritikern der Proteste ist, dass Touristen mit den Protesten vertrieben werden – allerdings zeigen Statistiken, dass, verglichen mit September 2013, die Zahl an Touristen gestiegen ist.

Auch pro-chinesische Aktivisten versammelten sich auf den Straßen um die chinesische Regierung zu unterstützen. Die größte Gruppierung unter ihnen ist die Alliance for Peace and Democracy. Sie forderten die Straßen von Demonstranten zu befreien und Recht und Ordnung in die Stadt zurückzubringen. Wirklich in Kontakt kommen die beiden Gruppierungen miteinander nicht – Journalisten wurden allerdings von Anti-Occupy Demonstranten mehrfach attackiert. (im Vice-Video zu sehen) Die Anti-Occupy Demonstranten tragen eine äquivalente Schleife in Blau – diese steht allerdings nicht dafür grundsätzlich Pro-China zu sein(dafür gibt es die weniger bekannte rote), sondern für die Solidarität mit der Polizei. Auch wenn die Hongkonger sich großteils in Träger der blauen oder gelben Schleifen aufteilen, tauchen auch immer mehr Bürger mit beiden oder grünen Schleifen auf – um sowohl die Proteste als auch die Polizei zu unterstützen.

 

(c) Dorathy Lee

(c) Dorathy Lee

Wie sieht die Regierung die Proteste?
Vom Ausmaß der Proteste ist die Regierung sichtbar überrascht und dadurch auch ein wenig überfordert. Das Durchhaltevermögen und die Vernetzung der Demonstranten waren in dieser Form nicht zu erwarten. Wenn die Regierung versucht, das Internet abzuschalten, kontaktieren sich Demonstranten über FireChat – quasi Whatsapp über Bluetooth. Gegen das Pfefferspray schützen sie sich mit Taucherbrillen und Regenschirmen. Die Polizei gerät des Öfteren in Kritik, da vollkommen harmlose Demonstranten körperlich hart angegriffen werden. In Gesprächen und Interviews rutschen den Regierenden immer wieder Phrasen raus, die nach hinten los gehen. Wie eine Aussage CY Leungs, die für große Aufregung sorgte. Das Oberhaupt Hongkongs erwähnt in einer Rede, dass Menschen, die weniger als 14000 HK$ (etwa 1400€) verdienen, nicht das Recht haben sollten zu wählen. Der Hintergrund dieser Aussage ist für die meisten Hongkonger ein Rätsel. Dorathy Lee zeigt sich auch überrascht vom Polizeichef, Steve Hui. Dieser würde ein unpassendes Bild zeigen, indem er sich ständig über die Aktivisten lustig mache. Erschreckend seien auch die aufgetauchten Videos, in denen mehrere Polizisten einen der bekanntesten Demonstranten vollkommen grundlos heftig verprügeln. 

Letztendlich trafen sich vorletzte Woche Studenten mit Regierenden zur Diskussion im Hongkonger Fernsehen. Während die Regierung ein ganz schwaches und hilfloses Bild darbot, zeigten sich die Studenten schlagfertig, ideenfreudig und zukunftsbewusst. „In den sozialen Netzwerken wurden sie dafür enorm gefeiert“, erzählt uns Dorathy Lee begeistert. Trotzdem waren die Gespräche wenig konstruktiv. Am Ende blieb ein ernüchterndes Statement von Carrie Lam, der zweiten Offiziellen Hongkongs: „Leider können wir uns nur darauf einigen, dass wir uns nicht einigen können“. Man sei allerdings für weitere Gespräche offen. Diese haben bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht stattgefunden.

Sogar die chinesische Regierung zeigt sich etwas unsicher, dadurch, dass sie der US-amerikanischen, der britischen und allen anderen westlichen Regierungen befiehlt, sich aus chinesischen Angelegenheiten herauszuhalten. Sie hält die Neuigkeiten außerdem aus ihrem Land. Aus Angst vor einer Kettenreaktion ist jegliche Berichterstattung im Festland zensiert und kommt nicht an die Öffentlichkeit.

Was passiert gerade und was wird passieren?
Die Jugend ist aufgewacht. Und das wird sich so schnell auch nicht mehr ändern. Die meisten jungen Hongkonger und auch sehr viele Bürger aus älteren Generationen genießen den Zusammenhalt der politischen Aktivität. Das Feuer ist entfacht und verbreitet sich, ein Ende der Proteste ist nicht in Sicht. Letzte Woche erst haben Aktivisten an den bekanntesten Berg Hongkongs, den Lion Rock, ein gelbes Schild mit der Aufschrift „Regenschirmbewegung“ gehängt. Der Berg hat eine symbolische Bedeutung für Hongkonger und steht seit 30 Jahren für den Geist und die Entwicklung Hongkongs. Mittlerweile wurde der Banner von der Regierung wieder abgehängt.

Asia News Weekly berichtet außerdem davon, dass ursprünglich von Demonstranten organisierte Wahlen in drei Protest-Camps geplant waren, um den Druck auf die Regierung zu erhöhen und den Bürgern eine Chance zu geben auf die Proteste zu reagieren. Diese wurden allerdings wieder abgesagt, da man sich nicht über die Komplexität der gestellten Fragen einigen konnte. Im Kampf für Demokratie könnte es schwierig werden, wenn sich die Befürworter schon in kleineren Fragen nicht einigen können. Ein konkreter, gemeinsamer Plan fehlt momentan. Steve Miller sagt dazu in seinem Podcast Asia News Weekly: „Sie haben die Möglichkeit für einen offenen Dialog. Aber wenn es ihnen nicht möglich ist sich selbst zu organisieren, wird es ihnen auch nicht möglich sein Demokratie zu organisieren und die Bewegung wird scheitern.“

Wie es weitergeht, ist schwer zu prognostizieren. Viele haben Angst, dass die Regierung bald zu härteren Mitteln greift und die Proteste ein blutiges Ende haben könnten. Andere hoffen, dass die Stadt zur Normalität zurückkehrt, damit sie ihre Geschäfte fortführen können. Und dann gibt es die, die die einzige Möglichkeit darin sehen, die Proteste fortzuführen bis die Regierung endlich nachgibt. 9 von 10 Aktivisten sind laut Umfragen von Reuters sogar bereit noch ein weiteres Jahr auf die Straße zu gehen. Mittlerweile gibt es auch schon die ersten Demonstranten, die die Proteste nach Festlandchina tragen wollen.  Einer neuen Umfrage zufolge wollen allerdings drei von vier Hongkongern, dass die Proteste enden. Joshua Wong, der Führer der Studentengruppe Scholarism meint dazu: „Wenn wir jetzt aufgeben, hat unsere harte Arbeit zu nichts geführt“.

Festzuhalten bleibt: Es wird etwas passieren. Und es wird globale Auswirkungen haben. Beide Seiten beharren fest auf ihrem Standpunkt und ob es rechtzeitig zu Kompromissen kommt oder ob die Spannungen bald eskalieren bleibt abzuwarten.

China muss sich in nächster Zeit gut überlegen, wie es mit Hongkong weitergeht. Die Unterstützung für Hongkong weltweit steigt. Bürger aus Ländern in derselben Situation, wie etwa Taiwan, verbünden sich mit Hongkongern. Die Chance besteht, dass ein paar der Ziele der Demonstranten erfüllt werden könnten. Eingeständnisse von China könnten zum Experiment einer chinesischen Stadt mit vollkommen freien Wahlen, einer freien Wirtschaft und einem unbeeinflussten Bildungssystem führen.

Wenn die Proteste allerdings anhalten, könnte es auch dazu führen, dass immigrierte Arbeiter und der Geschäftssektor beeinflusst werden. Firmen könnten sich dazu entscheiden in stabilere Städte umzusiedeln, möglicherweise in das nahe, chinesische, Shenzhen. Sicherheitsprobleme könnten bewirken, dass weniger Touristen die Stadt besuchen und, dass es weniger Geschäftsimmigranten gibt.

Was auch immer passiert, es lohnt sich in nächster Zeit die Augen auf Hongkong gerichtet zu haben.

Titelbild: (c) Dorathy Lee

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Niklas Melcher ist Student der Kommunikationswissenschaften. Als Liebhaber Ostasiens, Fußballenthusiast und Nachtschwärmer schreibt er regelmäßig für mokant.at. Kontakt: niklas.melcher[at]mokant.at

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