Hypotopia: Unfassbares angreifen

Foto (c) Michel Mehle

Der Skandal um die Hypo könnte bis zu 19 Milliarden Euro kosten. Um dieser Summe ein Gesicht zu geben, haben Studenten der TU eine Stadt geplant. Ein Bericht mit Kurzdoku..

Martina kann es nicht fassen. Die Fünfundsechzigjährige steht kopfschüttelnd in einem Labyrinth aus niedrigen grauen Betonklötzen. Dazwischen laufen Straßen, Gehwege, ein Fluss. Die Betonklötze beginnen Häuser zu formen, ein Fußballstadion, einen Hafen, Kraftwerke, ein Krankenhaus und Wohnanlagen. Kurz: Eine Stadt. Würde sie wirklich gebaut werden, wäre sie die sechstgrößte Stadt Österreichs zwischen Salzburg und Klagenfurt. Sie wäre außerdem komplett nachhaltig und selbstversorgend. Mehr als 100.000 Menschen hätten hier Platz. Doch was Martina so fassungslos macht: Sie wird nicht gebaut. Denn das Geld, mit dem sie realisiert werden könnte, ist weg. Es wurde aufgewendet, um eine Bank zu retten.

Die Miniaturstadt, in der Martina steht, könnte es geben. Theoretisch. Wäre da nicht das Desaster um die Hypo-Alpe-Adria gewesen. Die „failed bank” wurde 2009 für einen symbolischen Preis von einem Euro von der Republik Österreich gekauft, um sie vor einer Insolvenz zu bewahren. Ihre Rettung hat den Österreichischen Steuerzahler bisher 4,8 Milliarden Euro gekostet. Bis zu 19 Milliarden Euro könnten es am Ende sein, so die Schätzungen. Eine Zahl die kaum vorzustellen ist. Und genau deshalb gibt es Hypotopia.

Wie groß ist eine Stadt, die man um diese Summe bauen könnte?
„Wir haben uns zum Ziel gesetzt, dass man den Betrag von 19 Milliarden Euro verstehen, angreifen und berühren kann”, sagt der Initiator des Projekts, Lukas Zeilbauer bei der Eröffnungsrede der Modellstadt am 15. Oktober am Karlsplatz. „Damit die Menschen überhaupt eine Vorstellung davon bekommen, wie viel 19 Milliarden Euro sind.” Martina hat es verstanden. „Von den Steuern, die ich 47 Jahre lang gezahlt habe, hätten meine drei Kinder hier vielleicht leben und studieren können”, sagt sie. In den Medien zu sehen, wohin ihr Geld stattdessen gegangen ist, macht sie wütend: „Wenn wir so einen Fehler machen, ist unsere Existenz bedroht. Doch von den Verantwortlichen der Hypo wurde keiner belangt.”

In Hypotopia steckt aber mehr als die reine Kritik am Ausmaß der Hypo-Rettung. Die Studenten haben eine Stadt geplant, die neue Möglichkeiten für ein urbanes Leben aufzeigen soll. Sie ist so geplant, dass jeder Bürger in einem Radius von 300 Metern alles vorfindet, was er zum Leben braucht. Sie generiert ihren eigenen Strom mittels Wasserkraft, Wind oder Biogas. Sie versorgt sich selbst mittels Bauernhöfen, Stadtgärten oder vertikalen Farmen. Bildung soll über Institutionen hinaus vermittelt und anerkannt werden. Und bis auf ein paar Elektroautos für Transport, Feuerwehr oder Rettung, soll die Stadt autofrei sein. „Es geht darum, nicht immer nur Systemerhalter zu sein”, sagt Lukas Zeilbauer. „Es geht darum, zu einem kritischen Diskurs zu kommen und grundlegende Dinge zu hinterfragen.”

(c) Michel Mehle

(c) Michel Mehle

Hypotopia als Plattform
Um das zu erreichen, sind im Oktober regelmäßig Veranstaltungen geplant: Vorträge zu Finanzsystem und Bankenrettung, Workshops zum urbanen Leben in Hypotoia oder einfach Musik und Tanzperformances. Und wer im Labyrinth aus kleinen Häusern steht, zwischen Straßen, Flüssen und Gehwegen, der wird nicht selten selbst in ein Gespräch verwickelt. Von fassungslosen Menschen wie Martina.

Links:
milliardenstadt.at

Hintergrundartikel zur Causa Hypo:
Wir hätten noch ein paar Fragen – Presse
Ein Land am Gängelband – nzz

Titelbild: (c) Michel Mehle
Video: Andreas Müller und Michel Mehle

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Michel Mehle ist als außerordentlicher Redakteur für mokant.at tätig. Kontakt: michel.mehle[at]mokant.at

1 Comment

  1. mp

    21. Oktober 2014 at 09:42

    Alles lieb und nett, aber das Geld, das uns die Hypo kostet, wär uns ja nicht übrig geblieben. Jetzt kommts zu unserem Schuldenstand dazu. Möchte mal wissen, wann wir das jemals abbezahlen. Die Regierung sagt dazu seit zwanzig Jahren: „In 4 Jahren“
    Mein Tipp: Wir zahlens nie ab. Wir sind genau wie die meisten anderen westlichen Länder pleite. (Aber 5 Mrd Steuerreform sind ja noch locker drin)

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