FastCast: Die Content-Maschine

Foto (c) Michel Mehle

Die Videoagentur „FastCast” aus Wien will den Online-Newsmarkt revolutionieren. Ihre Geheimwaffe ist ein sechs Kilo schwerer Rucksack.

„70 Sekunden, mein Lieblingsformat!” Der Netzpolitik-Blogger Sascha Lobo ist sichtlich froh, mit FastCast gesprochen zu haben. Das eben war nicht der gewohnte Frageschwall eines unermüdlichen Interviewers, kein langweiliges Monologierenmüssen seinerseits. Stattdessen: 73 Sekunden, zwei Fragen, zwei Antworten und Schluss. Mehr geht auch gar nicht. „Die Videos stoppen automatisch nach 73 Sekunden”, sagt FastCast-Reporter Tobias Kühn. „Wer bis dahin noch nicht fertig ist, wird abgeschnitten.”

FastCast ist eine 2013 gegründete Videoagentur aus Wien. Ihr Gründer, Harald Hackenberg war selbst jahrelang Fernsehjournalist, bevor er sich mit seinem Unternehmen „F5” selbstständig machte. Der Thinktank verbindet Journalismus und IT, um neue Medienprojekte ins Leben rufen. FastCast ist das Königskind, das aus diesem Thinktank hervorgegangen ist. Drei Jahre hat Hackenberg an dem Videocontent-Unternehmen gearbeitet. 5 Millionen Euro Produktionskosten sollen in einen Rucksack geflossen sein, der letztlich die Arbeit einer ganzen Kamera Crew übernimmt. Am 16. September 2014, bei den Medientagen im neuen WU-Campus in Wien, hat er dafür den Medienzukunftspreis erhalten.

Vom Event bis zum abrufbaren Video in drei Minuten
„Der Journalist begibt sich an den Ort des Geschehens und braucht weiter eigentlich nichts”, beschreibt Hackenberg sein Projekt: Das „ChatPack“ – also der Rucksack – sorgt autonom für Bild und Ton. Die Kamera nimmt das Bild auf, das auch der Journalist vor Ort hat. Dadurch müsse sich der Journalist nicht mehr um die Technik kümmern, sondern könne  sich auf die Geschichte konzentrieren, sagt Hackenberg. „Der Journalist schaut sich an, was vor Ort gerade geschieht; schaut sich an wer eventuell als Interviewpartner zur Verfügung steht und startet dann die Aufzeichnung.”

Nach der Aufzeichnung kann der Journalist dann entscheiden, ob das Video in die Cloud hochgeladen wird oder nicht. „Go” oder „No-Go” heißt das bei FastCast. Falls „Go”, wird der Videoclip automatisch mit einer Individuellen Signation und einem Logo ausgestattet – je nachdem für welches Medium er produziert wurde – und landet auf der Website der News-Seite. Vom Event bis zum abrufbaren Video (Beispielsweise auf kurier.at) dauert es im besten Fall zwei bis drei Minuten.

 „Jeder Mitarbeiter schafft 300 Videoclips im Monat”
Am Tag der Preisverleihung ist FastCast-Reporter Tobias Kühn schwer im Einsatz. Damit nach den Medientagen alle vom neuen Unternehmen gehört haben, soll er möglichst viele, möglichst wichtige Keynote-Speaker und Persönlichkeiten der österreichischen Medienszene interviewen. In seinem Programmheft sind die Köpfe von ungefähr 30 Medienschaffenden umkringelt. Tobias wechselt laufend zwischen den Vortragssälen, um den Interviewpartnern später auch inhaltliche Fragen stellen zu können. Mehr als 15 wird er am Ende des Tages nicht geschafft haben. Trotzdem, bevor die Preisverleihung beginnt laufen seine Videos bereits über den großen Flachbildschirm vom Stand von AT-Media, für die FastCast produziert.

Foto (c) Michel Mehle

Foto (c) Michel Mehle

„Wir sind zu einer Content-Fabrik geworden.” Harald Hackenberg steht hinter dem Rednerpult des Hauptvortragssaals. Bevor er den Medienzukunftspreis entgegennehmen wird, darf er den versammelten Medienmachern noch ein Mal genau erklären, worum es ihm bei FastCast geht. „Wir hauen eine unglaublich Menge an Videoclips jedes Monat raus. Jeder Mitarbeiter schafft pro Monat etwa 300. Das ist ein Vielfaches dessen, was in einer Fernsehredaktion möglich ist. Das Ergebnis von FastCast ist: Wir sind die Schnellsten und wir sind die Billigsten.” Was vorher einen Übertragungswagen mit Satellitenuplink gebraucht hat, geht jetzt über einen sechs Kilo schweren Rucksack, der dazu noch von einem einzigen Journalisten bedient werden kann. Das ist das Besondere an Hackenbergs Technik.

Ein neuer Markt im Mediengeschäft
Das besondere an seiner Agentur ist, dass sie eine Nische besetzt, die so klein gar nicht mehr ist: „Es gibt sehr viele Ereignisse, die berichtenswert sind, über die bisher aber niemand berichtet, weil sich der Aufwand dafür nicht lohnt”, sagt Hackenberg später. „Wir sind sicher kein Ersatz von Fernsehteams aber wir sind eine Ergänzung. Vor allem für Onlinemedien, die damit zum ersten Mal schneller sein können als Fernsehen. Da tut sich in Wahrheit ein riesiger Markt auf.”

Titelbild: (c) Michel Mehle

 

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Michel Mehle ist als außerordentlicher Redakteur für mokant.at tätig. Kontakt: michel.mehle[at]mokant.at

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