Urban Exploring: Der Reiz des Verlassenen

Foto (c) O.C*

Urban Explorer erkunden verlassene Plätze, leer stehende Häuser und Industriegebäude. mokant.at war für die diesjährige Szenereportreihe dabei.

Treffpunkt 19:00 vor dem Lusthaus im Wiener Prater, von dort aus startet die Entdeckungstour. Zuerst geht es noch über einen asphaltierten, anschließend über einen etwas holprigen Weg. Tiefe Wasserlacken erinnern an den Regen der letzten zwei Tage. Irgendwann biegen wir dann vom Weg ab, marschieren querfeldein über eine Wiese und stapfen durch das kniehohe Gras. Schließlich gelangen wir an einen Schranken unter dem wir hindurch klettern müssen, um unser Ziel zu erreichen – Urban Exploring.

Foto (c) Barbara Bürscher

Foto (c) Barbara Bürscher

Der Wahlwiener O.C.*, der voran durchs hohe Gras stapft, erforscht schon seit sieben Jahren verlassene Orte. Bei seinen Touren sind ihm vor allem die daraus entstehenden Fotos wichtig. So ist er auch zum Hobby Urban Exploring gekommen – er hat im Internet Fotos von Urban Explorern gesehen und wurde neugierig. Normalerweise ist O.C.* in der Gruppe unterwegs, gemeinsam mit Kollegen. Heute macht er eine Ausnahme und nimmt mokant.at mit auf Erkundungstour.

Ziel der Tour ist ein altes Wiener Wasserpumpwerk. Als O.C.* vor Jahren zum ersten Mal hier war, war es im Inneren noch intakt. Heute ist der Verfall des kleinen Häuschens deutlich erkennbar. Geländer sind eingebrochen, Kästen auseinandergefallen. Sprayer und Obdachlose haben ihre Spuren hinterlassen. An den Wänden finden sich Graffitis, in einem noch intakten Kasten stapeln sich Decken, auf einem kleinen Tisch sind noch die Reste einer Kaffeejause erkennbar. Das Bett in der Ecke eines Raumes sieht aus, als wäre gerade jemand daraus aufgestanden. Am Äußeren des Hauses klettern Pflanzen beinahe schon bis zum Dach hinauf. Die Fenster dahinter sind kaum noch erkennbar. Hinter dem Gebäude wird dann noch mal deutlich, dass man sich mitten in der Stadt befindet. Eine riesige Plakatwand türmt sich vor dem Haus auf und will die Leute auf der stark befahrenen Straße dazu bewegen einkaufen zu gehen, zu studieren oder ein Musical zu besuchen.

Urban Exploring kennt keine Grenzen
Entdeckungstouren durch Wien sind für O.C.* mittlerweile selten geworden, denn „Wien ist eine sehr schnelllebige Stadt, in der sich verlassene Orte schnell verändern und auch schnell zerstört werden“, erzählt er während wir uns im Wasserpumpwerk umsehen.

Foto (c) Babara Bürscher

Foto (c) Babara Bürscher

Weil Wien so schnelllebig ist, ist O.C.* mittlerweile eher im Ausland unterwegs, wie er sagt. Gerade hat er Polen für sich entdeckt, er war aber schon in ganz Europa auf Urban Exploring-Touren. So zum Beispiel in Deutschland, Italien oder Belgien. Belgien sei bei Urban Explorern eine Art „Mekka“, erzählt auch der Grazer Urbexer Stefan Baumann, dort gäbe es die wirklich namhaften Locations und von dort kommen auch die bekanntesten Urbexer. Es gäbe kaum Urbexer, die dieses Land noch nicht bereist haben.

Hauptmotivation ist das Erkunden von Lost Places
Bei Stefan hat sich dieses Hobby aus dem kindlichen Forscherdrang heraus entwickelt. Er ist schon früher in alten verlassenen Häusern oder Baustellen ‚herumgestiefelt‘, um diese Orte zu erforschen. Später fand er über das Internet heraus, dass diese Freizeitbeschäftigung einen Namen hat: Urban Exploring oder Urbex. Dann begann der Austausch mit anderen Urbexern und somit auch das Reisen ins Ausland.

Foto (c) O.C.*

Foto (c) O.C.*

„Es gibt Urbexer denen es wirklich nur ums erforschen geht und andere nehmen auch Souveniers in Form von Fotos mit – ansonsten ist es ja verboten irgendetwas mitzunehmen.“ Bei Stefan handelt es sich um eine Mischung aus diesen beiden Motivationen: „Bei manchen Orten geht es mir darum, den Weg dorthin zu bewältigen, den Ort einfach zu erleben und bei anderen geht es mir wirklich um das Motiv an sich.“

Neben dem Erleben eines schönen Ortes sei auch die Tatsache, von Menschen verlassene Orte, sogenannte lost places, zu besuchen, ein Reiz dieses Hobby zu betreiben. „Dabei wird einem bewusst, dass alles was die Menschheit macht immer nur temporär ist. Egal wie groß, egal wie viel Geld man in den Bau hineingesteckt hat, wie schön oder massiv der ist, irgendwann einmal wird er wieder von der Natur zurückerobert.“

Wenn die Türen verriegelt sind
Der Grundsatz „Leave nothing but footprints, take nothing but pictures“ ist für Stefan und seine Kollegen das Allerwichtigste. Daran halten sie sich strikt. Stefan erzählt von zwei Touren, bei denen es unmöglich war, die Orte zu betreten, ohne Gewalt anzuwenden und etwas kaputt zu machen. Die Crew akzeptierte die verschlossenen Türen und brach die geplanten Touren ab.

Foto (c) O.C.*

Foto (c) O.C.*

Verschlossene Türen sind allerdings nicht für alle Urbexer ein Grund, umzukehren. Beim Betreten von Orten, die durch versperrte Türen oder Zäune abgeschlossen sind, kann eine Besitzstörungsklage erhoben werden, erklärt der Rechtsanwalt Dr. Hofer-Zeni. Beim bloßen Betreten könnte der Eigentümer „auf Achtung seines Eigentums klagen“. Beides würde kein Strafverfahren nach sich ziehen, kann aber teuer werden, da mit dem Unterlassungsanspruch auch ein Kostenersatzanspruch (Anwaltskosten und Gerichtsgebühren) einhergehen. Wird das Gebäude durch das Betreten aber auch beschädigt, handle es sich dabei ganz klar um Sachbeschädigung, was zu „Geldstrafen und im Extremfall auch zu Haftstrafen von einigen Monaten führen kann“, erläutert Dr. Hofer-Zeni.

O.C.* und Stefan hatten auf ihren Erkundungstouren schon öfters Kontakt mit der Polizei. O.C.* erzählt, die Beamten hätten lediglich seine Personalien aufgenommen, ernsthafte Folgen hätte es noch nie gegeben. Stefan erzählt sogar von Polizisten, die mit ihm länger über sein Hobby geplaudert haben: „Wenn die Leute merken, dass man nichts stehlen oder kaputt machen will oder sonst irgendwelche bösen Absichten hat, sondern wirklich nur fotografieren will, und wenn man das Ganze mit Respekt vor der Location macht und entsprechend geschützt ist, gibt es meistens keine Probleme“, erzählt er.

 „Ich will jetzt nicht sagen, dass wir die vollen Draufgänger sind, …
Aus rechtlicher Sicht befindet sich Urban Exploring also in einer Grauzone. Dennoch ist Urban Exploring kein ungefährliches Hobby. Wichtig ist es, sich auf die Orte vorzubereiten, die man besucht. Neben Kamera, Stativ und Zubehör gehören daher auch Dinge wie Stirnlampe, Taschenlampen und Ersatzbatterien, Atemschutz gegen Schimmel, Staub oder Asbest, schnittsichere Handschuhe und Schutzausrüstung zur Basisausstattung von Urban Explorern. Je nach Location können auch Kletterausrüstung, Watthosen oder an ganz extremen Orten Strahlenschutz nötig sein.

Stefan erzählt von einem unerfahrenen Urbexer aus der Steiermark, der in Kroatien auf einer ehemaligen Militärbasis war, die auch ein Crewmitglied kurz zuvor besucht hatte. Dort gibt es Minenfelder, die noch nicht geräumt sind und Stollen mit ungeklärten Verhältnissen. Stefans Freund war mit Strahlenschutz, Helm, Kletterausrüstung, Funkgerät und allem Drum und Dran ausgerüstet. Der andere steirische Urbexer hingegen war mit Turnschuhen, kurzer Hose und nur einer Taschenlampe dort. „Der hätte sich dort so schnell selbst in die Luft sprengen können, das war ihm gar nicht bewusst“, erzählt Stefan. „Urbex ist nicht bei einer Tür reingehen, ein paar Fotos machen und wieder hinausgehen. Viele sehen die Gefahr hinter dem Hobby nicht. Ich will jetzt nicht sagen, dass wir die vollen Draufgänger sind, aber wenn man sich nicht darauf vorbereitet, kann‘s ganz schnell böse ins Auge gehen.“

Titelbild: (c) O.C.*
Text: Barbara Bürscher, Jasmine Schuster

* Name von der Redaktion geändert

Im Schloss Traun (Oberösterreich) findet vom 25.11 bis 3.1. eine Ausstellung der Fotos von Stefan Baumann statt.

Barbara Bürscher ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: barbara.buerscher[at]mokant.at

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